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Unfall auf Daimler-Strecke - tödliche Testfahrt mit 571 PS

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Unfall auf Daimler-Strecke - tödliche Testfahrt mit 571 PS

08.07.2011, 11:10 Uhr | Von Michael Fröhlingsdorf, Spiegel Online

Unfall auf Daimler-Strecke - tödliche Testfahrt mit 571 PS. Daimler-Teststrecke in Papenburg; Mercedes SLS AMG Roadster (Fotos: dpa; Hersteller)

Daimler-Teststrecke in Papenburg; Mercedes SLS AMG Roadster (Fotos: dpa; Hersteller)

Ein überforderter Praktikant verursacht auf einer Daimler-Teststrecke im Emsland einen Unfall, ein Ingenieur kommt ums Leben. Vor Gericht kommt nun eine mögliche Mitschuld des Konzerns zur Sprache. Unter welchen Bedingungen finden Autotests in Deutschland statt?

Christof Kemmler war ein sportlicher junger Mann. Er spielte Fußball, war ein begeisterter Wellenreiter. Er mochte schnelle Autos und seinen Job als Fahrzeugtester der Mercedes-Tochter AMG.

Ende September vergangenen Jahres war der 27-jährige Entwicklungsingenieur dienstlich mit einem besonders rasanten Flitzer unterwegs, der erst ab Herbst offiziell über deutsche Straßen rollen wird, einem Roadster des Mercedes SLS AMG. Das Auto schafft Tempo 317. Es hat 571 PS. Formel-1-Fans kennen den Typ als Safety-Car, das stets nach Unfällen vor den Rennwagen über die Strecke fährt. Kemmler allerdings hatte es nicht eilig auf der Strecke für Hochgeschwindigkeitstests von Daimler im emsländischen Papenburg. Er war gerade erst von seinem Urlaub aus Kalifornien zurückgekehrt. Es war kurz vor Feierabend. Der Ingenieur wollte gemeinsam mit einem Kollegen die Geräusche im Innenraum des Gefährts messen. Per Funk teilte er der Leitstelle mit, dass er nun die Fahrbahn auf der vierspurigen Teststrecke wechseln würde.

Mit gerade einmal 65 Kilometern pro Stunde war der SLS unterwegs - wie Gutachter später feststellten -, als es plötzlich einen heftigen Aufprall gab. Mit 214 Sachen schob sich von hinten ein mehr als zwei Tonnen schwerer Geländewagen auf das flache Fahrzeug. Die Werksfeuerwehr war nach Minuten zur Stelle. Doch Christof Kemmler hatte keine Chance, er starb an der Unfallstelle. Sein Beifahrer wurde verletzt. Der Lenker des Geländewagens erlitt einen Schock. In der örtlichen Presse erschien eine kurze Meldung.

Laxer Umgang mit den eigenen Vorschriften

Der tödliche Crash wird in der kommenden Woche das Amtsgericht Papenburg beschäftigen. Die Staatsanwaltschaft hat den Unfallverursacher wegen fahrlässiger Tötung angeklagt. Das ist üblich bei tödlichen Verkehrsunfällen in Deutschland. Der Fahrer, ergaben Ermittlungen, hatte kurz vor dem Zusammenstoß ebenfalls die Spur gewechselt und nicht auf den Vorausfahrenden geachtet.

Kemmler starb allerdings nicht auf einer öffentlichen Straße, sondern auf einer eigentlich penibel überwachten privaten Teststrecke. Die Anlage des Autokonzerns Daimler ist mit zahlreichen Sicherheitsvorkehrungen ausgestattet. Sie habe, so der Betreiber ATP, "auch im europäischen Vergleich die höchsten Sicherheitsausstattungen".

In dem Verfahren wird es deshalb nicht nur um die Unachtsamkeit eines Fahrzeuglenkers gehen, sondern auch um die Bedingungen, unter denen Autotests in Deutschland stattfinden. Daimler verweist darauf, dass "menschliches Versagen" die alleinige Ursache des Unglücks sei und will sich zu Einzelheiten und Konsequenzen nicht äußern.

Die Ermittlungen aber zeigen zahlreiche Ungereimtheiten und einen seltsam laxen Umgang mit den eigenen Vorschriften. So sind bei der Papenburger Anlage zwar alle Fahrzeuge auf der Strecke mit einem speziellen Ortungssystem ausgestattet. Die Informationen, so heißt es in einem "Betriebs- und Sicherheitshandbuch", flössen bei einem "Dispatcher" in der Leitstelle zusammen, der - "vergleichbar mit einem Fluglotsen" - die einzelnen Strecken für Testfahrten freigibt. Doch es gibt eine Ausnahme: Bei Akustikmessungen, wie im Fall Kemmler, wird das System ausgestellt, wegen störender Geräusche.

Den Crash verhindern können hätte womöglich sogar ein einfacher Abstandssensor, der in dem schweren Mercedes-Geländewagen serienmäßig eingebaut ist. Ausgerechnet in dem Unfallfahrzeug war die Anlage aber deaktiviert, wie Daimler gegenüber der Staatsanwaltschaft einräumen musste.

"Durchlesen und so einhalten"

Erstaunlicher noch, wen der Weltkonzern für Tests einsetzt. Der Fahrer nämlich war der 25-jährige Praktikant F., erst seit wenigen Tagen in Papenburg. Niemals zuvor war der Student auf einer Anlage mit Steilkurven unterwegs. Doch gerade darauf kam es bei seiner Aufgabe an. Für Tests mit dem Stabilitätssystem ESP musste er mit über Tempo 200 entlang der schrägen Wände jagen.

Gründlich sei der Mann auf sein "einfaches Fahrmanöver" vorbereitet worden, versicherte Daimler den Ermittlern. Die "Einweisung" fand allerdings zu einem guten Teil nicht auf dem Testgelände statt - sondern auf der Autobahn. Der Praktikant sei auf einer Fahrt nach Rheinland-Pfalz hinter einem anderen Fahrzeug hergefahren, listet Daimler auf. Selbst die Anreise vom Konzernsitz in Stuttgart ins Emsland verbuchte man als Schulungsfahrt.

Womöglich verfügte der Praktikant nicht einmal über eine spezielle Erlaubnis, die für Fahrten auf solchen Testanlagen vorgesehen ist. Daimler erklärte zwar gegenüber den Ermittlern, F. sei in das notwendige Praxistraining "eingewiesen" worden. Eine Prüfbescheinigung legte das Unternehmen aber nicht vor, dafür eine E-Mail mit der knappen Anweisung: "durchlesen und so einhalten".

Fragen nach der angemessenen Betreuung wirft auch ein Dokument auf, das der Praktikant am Unfalltag als "Teamleiter" unterzeichnete. Der tatsächliche Teamleiter hielt sich offenbar nicht in Papenburg auf. Kein Wunder ist es da, dass Daimler versicherte, die Unfallfahrt sei auf eigenen Wunsch außerhalb des vorgesehen Programms absolviert worden. Eine reine Lustfahrt also?

Ganz diskret zieht der Betreiber der Teststrecke Konsequenzen

"Es ist offensichtlich, dass dort ein völlig überforderter Praktikant alleine gelassen wurde", werten die Eltern von Christof Kemmler die Ermittlungsergebnisse. Der fatale Unfall, glauben sie, wäre vermeidbar gewesen. "Zumindest moralisch trägt Daimler eine Mitschuld am Tod unseres Jungen", sind Elisabeth und Albrecht Kemmler überzeugt.

Sie lässt das Geschehen auf der Teststrecke seit Monaten nicht mehr los. Nun wollen sie als Nebenkläger in dem Gerichtsverfahren klären lassen, welche Rolle die Vorgesetzten des Praktikanten spielten. Das könnte in der Konsequenz ausgerechnet den Mann entlasten, der ihren Sohn getötet hat - den Praktikanten.

Mit dem Autokonzern habe sie in den vergangenen Monaten keine guten Erfahrungen gemacht, sagt Elizabeth Kemmler. "Nach dem Unfall wollte das Unternehmen von uns wissen, ob wir schon mit der Presse gesprochen haben. Selbst um ein schlichtes Holzkreuz an der Teststrecke mussten wir lange kämpfen."

Erschwert habe Daimler gar den Kontakt zwischen dem Praktikanten und den Eltern. Der wollte sich nämlich für seinen verhängnisvollen Fehler entschuldigen, bekam aber die Adresse nicht. Angeblich, weil das Paar Ruhe wolle. Inzwischen haben beide Seiten mehrmals miteinander telefoniert.

Der Student will vor Gericht zu seiner Schuld stehen. "Natürlich war der Umgang auf der Teststrecke sehr locker", sagt er, "aber das ändert leider nichts daran, dass ich es war, der hinter dem Steuerrad gesessen hat."

Ganz diskret hat auch der Betreiber Konsequenzen gezogen. Auf der Piste sei nun ein Sicherheitsabstand von zehn Sekunden zwischen den Fahrzeugen vorgeschrieben, bestätigt das Gewerbeaufsichtsamt Emden, das die Arbeitssicherheit der Anlage kontrolliert. Zudem wurde jeder Spur ein "Geschwindigkeitsprofil" zugeordnet. Schnelle und langsame Wagen dürfen nicht mehr die gleiche Piste benutzen.

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