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Autobahn A40: Vollsperrung richtige Strategie?

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Vollsperrung einer Autobahn: Das A40-Experiment

11.07.2012, 11:28 Uhr | Von Jörg Diehl, Düsseldorf, Spiegel Online

Autobahn A40: Vollsperrung richtige Strategie?. Die A40 ist für drei Monate lang gesperrt (Quelle: dapd)

Die A40 ist für drei Monate lang gesperrt (Quelle: dapd)

Was ist die bessere Variante, eine Autobahn zu reparieren: komplett sperren, durch eine Stadt umleiten, schnell fertig sein? Oder teilweise sperren, das jedoch zwei Jahre lang? Auf der wichtigsten Strecke in Nordrhein-Westfalen hat man sich entschieden.

Autobahn A40 stark befahren

Um zu verstehen, was für eine gewagte Operation das Land Nordrhein-Westfalen gerade an einer seiner Hauptschlagadern vornimmt, muss man sich eine Zahl bewusst machen. Auf 135.000 Kilometer summiert sich der Stillstand im Rekordstauland der Republik pro Jahr, jeder dritte Verkehrsinfarkt Deutschlands bildet sich mittlerweile zwischen Aachen und Herford.

Die meisten Pkw-Piloten in Nordrhein-Westfalen haben ihre Schmerzgrenze daher längst erreicht. Insofern ist der Versuch, den der Landesbetrieb Straßen.NRW gerade auf der A40 unternimmt, in seiner politischen Brisanz nicht zu unterschätzen.

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Der sogenannte Ruhrschnellweg, der mitten durchs Revier führt und den an der fraglichen Stelle täglich bis zu 100.000 Autofahrer passieren, ist nun für drei Monate zwischen dem Autobahndreieck Essen-Ost und der Anschlussstelle Essen-Zentrum wegen Wartungsarbeiten vollständig gesperrt.

"Besser als ewige Baustelle"

"Das ist besser als eine ewige Baustelle", glaubt NRW-Verkehrsminister Michael Groschek. Groschek ist erst seit wenigen Wochen im Kabinett von Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) für die Fortbewegung zuständig. Vorher hielt er viele Jahre lang als Generalsekretär die NRW-SPD auf Kurs, weshalb sich der Oberhausener mit Krisenszenarien bestens auskennt.

Von dieser Erfahrung könnte er in seinem neuen Amt profitieren. Denn für den Minister dürfte das 18 Millionen Euro teure Großprojekt zu einer ersten Bewährungsprobe geraten. Groschek sagt selbst, dass der Bund bereits großes Interesse an dem Projekt signalisiert habe. "Hier schaut die verkehrspolitische Welt auf NRW", so Groschek.

"So ein Projekt hat es bundesweit noch nicht gegeben"

Schließlich wagt man sich mit der Vollsperrung im Westen auf infrastrukturelles Neuland. Getreu dem Motto: nicht kleckern, sondern klotzen. "So ein Projekt hat es bundesweit noch nicht gegeben", sagt Bernhard Löchter vom Landesbetrieb Straßenbau in Nordrhein, Westfalen, der sich jetzt, ganz modern, Straßen.NRW nennt.

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In der Tat: Bisher wurden bei Bauarbeiten viel befahrene Abschnitte sonst immer nur teilgesperrt, um wenigstens ein Nadelöhr offen zu lassen. In Essen aber traut man sich die Vollsperrung der Hauptverkehrsader. Das Kalkül: Die notwendigen Arbeiten sollen dadurch keine zwei Jahre, sondern nur drei Monate dauern. "Es geht darum, Bauzeiten kurz zu halten", so Löchter.

"Alles ist so gelaufen, wie wir uns das gedacht haben."

Am Wochenende konnte man bereits beobachten, wie Bagger und Presslufthämmer binnen weniger Stunden ein Stück A40 in ein Trümmerfeld aus Schutt und Staub verwandelten. Und als am Montag, dem ersten Arbeitstag nach der Autobahn-Schließung, das zunächst befürchtete Verkehrschaos ausblieb, triumphierte die Leiterin des Modellprojekts, Annegret Schaber: "Alles ist so gelaufen, wie wir uns das gedacht haben." Die "Westdeutsche Allgemeine Zeitung" witzelte sogar: "Stell dir vor, es ist Stau und keiner fährt hin!"

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Zu früh gefreut?

Doch die spontane Begeisterung könnte sich als voreilig erweisen, wenn die Urlaubszeit zu Ende geht. Bislang spielen den Straßenbauern noch die Sommerferien in die Hände. Der ADAC schätzt, dass momentan in den Stoßzeiten bis zu 30 Prozent weniger Pendler auf den Straßen des Landes unterwegs sind. Mitte August könnte es also wieder deutlich enger werden in Essen und Umgebung. "Es wird bestimmt der eine oder andere Stau da sein", so Projektleiterin Schaber.

Der Verkehr soll zum einen weiträumig über die Autobahnen 3, 42, 43 und 52, zum anderen im Nahbereich über eine Strecke durch das Essener Stadtgebiet um die Sperrung herumgeführt werden. Damit die Autofahrer den neuen Weg auch finden, wurden 260 zusätzliche Schilder in der Ruhrgebiet-Metropole aufgestellt. Auch die Ampeln auf der städtischen Durchfahrtsstrecke wurden so geschaltet, dass sie die Karawane nur möglichst selten aufhalten.

Keine Alternativangebote für Pendler

Der Professor für Automobilwirtschaft an der Universität Duisburg-Essen, Ferdinand Dudenhöffer, befürchtet trotzdem, dass es zu massiven Verkehrsbehinderungen auf den Umleitungsstrecken durch das Essener Stadtgebiet kommen könnte. Im Gespräch kritisiert Dudenhöffer zudem, dass keine Alternativangebote für Pendler wie zusätzliche Busse und Bahnen gemacht worden seien.

"Die Planung von Straßen.NRW ist stümperhaft und verantwortungslos", so Dudenhöffer. "Ich gehe davon aus, dass es deshalb zahlreiche Verstopfungen geben wird." Auch der Duisburger Stauforscher Michael Schreckenberg erwartet die "schwierigste Phase" des Projekts nach dem Ende der Sommerferien.

Lob und Tadel für die Planung

Die Anwohner schimpfen bislang vor allem über den Lärm der Bauarbeiten: "Wir kriegen hier absolut keinen Schlaf", klagt eine Frau, die an der zertrümmerten Stadtwaldbrücke wohnt. "Das ist hundertmal schlimmer als die Autobahn", sagt ein Passant. Andere nehmen den Krach gelassener. "Dass die in zwei Tagen die Brücke runtergelegt haben, das ist eine Leistung", lobt ein Bewohner. "Lieber zügig durch, drei Tage mal nicht schlafen, aber dafür anschließend durchgehend", sagt ein anderer.

Straßen.NRW-Geschäftsführer Harald-Friedrich Austmeyer hat für sein Projekt eine Kalkulation aufgemacht, mit der er sämtliche Kritiker überzeugen will. Demnach könnte die Vollsperrungslösung insgesamt 5,5 Millionen Euro billiger ausfallen, als es eine herkömmliche Teilschließung der Autobahn gewesen wäre. Im chronisch klammen NRW ist das immer ein starkes Argument.

Rund zwei Millionen Euro entfallen laut Austmeyer auf Einsparungen am Bau, weitere 3,5 Millionen Euro behält man an volkswirtschaftlichen Kosten durch vermiedene Staus ein. Dabei sei man davon ausgegangen, dass insgesamt 210.000 Autofahrern jeweils eine Stunde Stillstand erspart werde, rechnet Straßen-NRW-Chef Austmeyer vor.

Vollsperrung statt Teilsperrung

Sollte die Rechnung aufgehen, das Modell Schule machen, könnte demnächst auch auf anderen Autobahnen Vollsperrung statt Teilsperrung zur Regel werden. Insofern wird es interessant sein zu beobachten, ob die Ruhe bleibt in NRW. Oder ob nach Ablauf der Schulferien das Stauland der Republik seinem Namen wieder alle Ehre macht.

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