29.10.2012, 09:10 Uhr | Timo Bürger, t-online.de
So schnell konnte der Herr am Nebentisch im Cafe Negro nicht reagieren. Während er die Kaffetasse ansetzt, hebt sich neben ihm sein Auto in die Höhe. In Gabelstapler-Manier ist der Wagen in wenigen Sekunden angehoben und aufgeladen, auch schneller Protest hilft da nichts. In Istabul kennen Abschlepper keine Gnade.
Nicht immer lassen sich Verkehrshindernisse in Istanbul so leicht lösen. Voraussetzung ist, dass die Abschleppwagen durch den dichten Verkehr kommen. Vor allem in der Rush-Hour ist das oft kaum möglich. Und die dauert in Istanbul ungefähr von 7 Uhr morgens bis 22 Uhr abends.
Wer einmal auf der Dolmabahce zwischen Galata und Besiktas unterwegs war, weiß, dass es im Deutschen keinen passenden Begriff für den Stillstand auf den Straßen gibt. Das ist der englische Ausdruck "Traffic Jam“ viel anschaulicher als das deutsche Wort "Stau". Zäh wie ein Topf dickflüssiger Marmelade quälen sich Auto um Auto voran - im besten Fall. Im schlechtesten steht man minutenlang, nichts geht mehr.
Istabul - das sind 15 Millionen potentielle Verkehrsteilnehmer, über 100 Kilometer Ausdehnung, die Stadtteile sind durch den Bosporus getrennt und wegen starker Steigungen schwer zu erschließen. Fahrradfahrer sucht man hier fast vergebens. Zudem ist Istanbul Erdbebengebiet - kühne architektonische Lösungen verbieten sich weitgehend. Zudem ist die Bosporus-Metropole ein kompliziertes Geflecht an Einbahnstraßen - auch U-Turns sind oft nicht möglich.
Zwar gibt es ein Busse (Dolmus), Sammeltaxis und Bahnen, die kommen aber auch nur leidlich voran. Zudem hat der wirtschaftliche Aufschwung der vergangenen Jahre in der Türke dazu geführt, dass sich immer mehr ein Auto leisten wollen und können. Kurzum: In Istanbul motorisiert unterwegs zu sein erfordert sehr viel Geduld, und noch mehr Nerven. Es bedarf also neuer Ideen, dem Chaos auf den Straßen Herr zu werden.
Zusammen mit der Stylepark AG hat Audi den Architekturwettbewerf "Audi Urban Future Initiative" ins Leben gerufen, der mit einem Preisgeld von 100.000 Euro Deutschlands höchstdotierter Preis ist. Ziel ist es, Verkehrs- und Lebenslösungen für die Megacities diese Erdballs zu erarbeiten.
Mit am Start auch ein Team aus Istanbul: "Superpool". Die Architekten wollen den Chaos-Verkehr mit einem "PARK" genannten Online-Programm "demokratisieren". Natürlich geht heutzutage nichts mehr ohne Internet-/ und App-Vernetzung. Für die Fahrt mit intelligenten (und möglicherweise fahrerlosen) Sammelbussen ("Smart Cars") erhalten die Verkehrsteilnehmer Bonuspunkte. Mit diesen Punkten können sie (Park-)Plätze mieten - beispielsweise den vor ihrer eigenen Haustür.
Ein Smart Car könnte 20 Individualautos ersetzen - sagt Superpool. Der dadurch freie Parkplatz kann beispielsweise als Lebensraum oder für anderweitige Situationen genutzt werden - er wird "demokratisiert". Zugleich erhofft sich Superpool von der Vernetzung eine Zusammenkommen der Einwohner.
Der Preis ging allerdings nicht an das Team aus Istanbul, sondern an das Architekturbüro Höweler + Yoon Architecture für ihr "Bundle"-Kozept für die Region Boston/Washington. Das plakativ "BosWash" bezeichnete Projekt setzt auf Bündelung von Verkehrsströmen mit Hilfe einer Art "Hauptschlagader". Istanbul dagegen wird vorerst mit dem Verkehr leben müssen.
29.10.2012, 09:10 Uhr | Timo Bürger, t-online.de
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