23.01.2013, 11:04 Uhr | mid, dpa
Drängeln, schneiden, rasen - das scheint leider Alltag auf Deutschlands Straßen zu sein. Die Aggressivität im Straßenverkehr nehme zu, meinen nicht nur viele Autofahrer. Auch Experten stimmen dem zu. Wir beleuchten die Gründe für die Aggressionen auf unseren Straßen.
Privater Ärger, Stress, Zeitnot: Für aggressives Verhalten im Straßenverkehr gibt es viele Auslöser, sagt Cathrin von der Heide vom Automobilclub AvD. Die Folgen sind oft schwerwiegend. "Aggressive Fahrweise ist die Ursache für rund ein Drittel der Verkehrsunfälle mit Todesopfern", gibt der Unfallforscher Siegfried Brockmann vom Gesamtverband der Versicherer (GDV) an.
Experten machen sich zunehmend Sorgen über die Wüteriche am Lenkrand. "Aggression im Straßenverkehr" ist deshalb ein zentrales Thema beim 51. Deutschen Verkehrsgerichtstag (VGT), der in dieser Woche in Goslar stattfindet (23. bis 25.1.). Viele Autofahrer seien überzeugt, dass die Aggression auf den Straßen in den vergangenen Jahren zugenommen hat, berichtet ADAC-Sprecherin Katharina Bauer. Vor allem auf Autobahnen werde gerast, gedrängelt und gepöbelt. Drängler würden dabei als größte Plage empfunden. Dadurch fühlten sich 80 Prozent der Autofahrer provoziert. Umgekehrt ärgerten sich 30 Prozent über Schleicher auf der Fahrbahn.
Eine Ursache für die Wut am Steuer sei der Zeitdruck mit Arbeitsverdichtung, Terminhetze und psychischen Belastungen, meint Rainer Hillgärtner vom Automobilclub ACE. "Als Reaktion darauf lassen die Leute hinterm Steuer dann ihren ganzen Frust raus. Sie werden wortwörtlich rasend aggressiv." Dazu könne indirekt auch das Navigationsgerät führen, glaubt Hillgärtner. "Wenn der vom Navi berechnete Zeitaufwand für eine Strecke sich durch Verkehrsbehinderungen vergrößert, versuchen viele Fahrer durch riskante Raserei, die verlorene Zeit wieder reinzuholen."
Auch eine Überregulierung im Straßenverkehr - etwa als unsinnig empfundene Tempolimits auf Autobahnen - reize so manchen Fahrer. "Je mehr Leute hinterm Steuer eine Diskrepanz empfinden zwischen einem auferlegten Tempolimit und der durch den Straßenverlauf gebotenen Option, doch schneller als vorgeschrieben fahren zu können, desto rascher baut sich aggressiv machendes Konfliktpotenzial auf", sagt Hillgärtner. Ein Teil der Autofahrer werde unzufrieden und breche die Regeln. "Und dann entstehen Konflikte mit denen, die sich an die Vorschriften gebunden fühlen."
Aggressives Fahren ist allerdings teuer: Beleidigung, Nötigung mit Lichthupe, Bedrängen, Schneiden oder Rasen mit Gefährdung können mit Fahrverboten und hohen Geldstrafen geahndet werden. Schärfere Sanktionen sind nach Ansicht des Deutschen Anwaltvereins (DAV) daher nicht erforderlich. Experten sehen das Problem eher darin, dass aggressive Fahrer nur selten erwischt werden. Der ADAC macht sich deshalb für mehr Kontrollen stark. Die aggressiven Fahrer müssten angehalten und direkt mit ihrem Verhalten konfrontiert werden. Und Unfallforscher Brockmann fordert moderne Videotechnik für Polizisten, die Raser mit ihren Zivilfahrzeugen stellen sollen.
Denn was aggressive Fahrer so gefährlich macht: "Sie verfügen zur Durchsetzung eigener Interessen eine frei zugängliche Tatwaffe mit erheblicher Masse und Bewegungsenergie", sagt Unfallforscher Brockmann. Als bedrohlich werden von den meisten Verkehrsteilnehmern vor allem Fahrer PS-starker Autos wahrgenommen, so der ADAC. So spielt auch das Ego der Fahrer eine Rolle: Wer sich über sein Auto definiere, neige zu aggressivem Verhalten im Straßenverkehr, sagt Karl-Friedrich Voss vom Vorstand des Bundesverbandes niedergelassener Verkehrspsychologen. Das Auto sei für sie eine Art Kompensationsmittel, weil in anderen Bereichen Erfolge fehlten.
Wer sich von aggressiven Zeitgenossen auf der Straße bedrängt oder provoziert fühle, sollte allerdings jeder Form von Selbstjustiz abschwören, mahnt unter anderem der ACE. "Keine vorweggenommene Bestrafung von Rüpeln durch Ausbremsen, Drohen oder Beleidigen", sagt Sprecher Hillgärtner. Das führe nur zu immer weiterem Ärger.
Die Unfallforschung der Versicherer (UDV) fordert Maßnahmen, die sich auf die Verhinderung und strengere Sanktionierung der typischen Aggressionstaten konzentrieren. Konkret sollen diese Delikte künftig mit besonders vielen Punkten im Flensburger Verkehrszentralregister belegt werden. Erhebliche Geschwindigkeitsüberschreitungen sollen darüber hinaus zu einem Tatbestand im Strafgesetzbuch werden. Das ist etwa durch die Aufnahme in den Paragraphen 315 c StGB möglich.
Außerdem sei es sinnvoll, die polizeiliche Überwachung stärker als bisher auf rücksichtsloses und grob verkehrswidriges Verhalten auszurichten. Hierzu eignen sich besonders zivile und mit Videotechnik ausgestattete Einsatzfahrzeuge. Darüber hinaus könnten Fahrassistenz-Systeme einen Beitrag leisten. So sollten die Hersteller die vorhandenen Systeme anpassen, um Geschwindigkeitsübertretungen oder auch das "Rechtsüberholen" zu erschweren.
23.01.2013, 11:04 Uhr | mid, dpa
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