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Euphorie für den Kreisel

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Euphorie für den Kreisel

21.10.2004, 12:11 Uhr | Spiegel-Online

Es gibt immer mehr Verkehrskreisel (Foto: dpa)Es gibt immer mehr Verkehrskreisel (Foto: dpa)Die Kreuzung der Bundesstraße 271 mit der Landesstraße 408 beim rheinland-pfälzischen Alzey ist der Polizei bestens bekannt - als so genannter Unfallschwerpunkt: Wo sich die beiden Rennstrecken durchs Weinland schneiden, fuhren in gut einem Jahrzehnt 68 Menschen in den Tod oder hinterließen Blechtrümmer. Um die Todeskreuzung zu entschärfen, ließen die Planer des Landes vor zwei Jahren die Ampeln abreißen und einen Kreisel bauen. Seither gab es genau einen Unfall, bei denen Menschen verletzt wurden.

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Billiger als Ampeln
Verkehrskreisel gelten deutschen Planern inzwischen als eine Wunderwaffe gegen Unfälle, gegen Staus - und gegen leere Kassen. Denn die runden Bauwerke sind über viele Jahre gerechnet billiger als Kreuzungen mit Ampeln, die gewartet werden müssen, außerdem müssen die Autofahrer meist nicht so lange warten.

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Es werden immer mehr
Gekreiselt wird deshalb inzwischen allerorten, an Bundesstraßen, Kreisstraßen, Gemeindestraßen. Gab es vor einem Jahrzehnt noch kaum einen Kreisel im deutschen Verkehrsnetz, so sind es derzeit nach Schätzung des Bundesverkehrsministeriums 4000 Stück, die beschlossen, schon betoniert oder immerhin geplant sind.

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"Rondpoints" in Frankreich
Vorbilder der deutschen Verkehrsbeamten sind Großbritannien oder Frankreich. Die Franzosen haben ihr Land schon mit 25.000 Kreiseln überzogen, so dass Regionalpolitiker mancherorts bereits diskutieren, ob die "rondpoints" die Landschaft nicht allzu sehr verschandeln und ein "Rückbauprogramm" notwendig ist.

"Eine Euphorie für den Kreisel"
"Wir haben eine Euphorie für den Kreisel, das ist eine richtige Welle", sagt Kreiselpionier Helmut Nikolaus vom Landesbetrieb Straßenbau im nordrhein-westfälischen Euskirchen. Er hatte die Kreisel-Idee nach Bretagne-Urlauben in den achtziger Jahren vehement verfochten. Damals wurden seine Vorschläge von Vorgesetzten, so sagt er, "als Marotte" abgetan - "heute haben wir in NRW die höchste Kreiseldichte der Republik".

"Plangleiche Knotenpunkte ohne Lichtsignalanlage"
Und die Planer drehen jetzt erst richtig auf, in deutscher Perfektion. Das "Merkblatt für die Anlage von kleinen Kreisverkehrsplätzen" aus dem Bundesverkehrsministerium hat 32 Seiten in fünf Kapiteln und zwei Anhängen. Darin wird haargenau beschrieben, wie "plangleiche Knotenpunkte ohne Lichtsignalanlage mit Verbindung der einstreifigen Knotenpunktzu- und -ausfahrten" - so heißen Kreisel im Behörden-Deutsch - zu realisieren sind.

"Renaissance des Kreisels"
Dabei ist das Prinzip keineswegs neu: "Wir verzeichnen eine Renaissance des Kreisels", sagt denn auch Michael Rohloff, Kreiselfachmann des Bundesverkehrsministeriums, präzise. Schon in der Kaiserzeit entwarfen Planer Kreisel für den reibungslosen Verkehr mit Pferdekutschen. Im Jahre 1907 eröffnete die Grande Nation auf dem Pariser Place de l'Etoile den ersten großen Kreisverkehr Europas. Großbritannien entwickelte sich früh mit gut 20.000 "roundabouts" zur europäischen Kreisel-Hochburg, wesentliche Forschungsarbeiten stammen aus dem britischen Linkskreisverkehr.

Kreisverkehr hat immer Vorfahrt
"Da ist nicht alles übertragbar", sagt Fachmann Rohloff, "denn die Engländer können sich auch sonst anstellen und warten" - eine gute Voraussetzung für flüssigen Kreiselverkehr. Noch in den fünfziger Jahren galt bei deutschen Kreiseln die Vorfahrtsregel rechts vor links. Das erwies sich als höchst unfallfördernd. Die Straßenbauverwaltungen bauten in den folgenden Jahrzehnten deshalb überall Kreuzungen mit Ampeln. Inzwischen hat immer der Kreisverkehr Vorfahrt - und schon funktioniert das Prinzip. Deshalb hat die Landesregierung von Brandenburg zusammen mit dem Bund etwa ein Programm für den Bau von gut 150 neuen Kreiseln aufgelegt, nahezu die Hälfte ist schon fertig gestellt.

Weltkugel im Kreis
Der Bau eines Durchschnittskreisels kostet rund 200.000 Euro - so viel wie Anschaffung und Unterhalt einer Ampelanlage in zehn Jahren. Alleine für Brandenburg summieren sich die Kreiselinvestitionen seit 1992 auf gut 30 Millionen Euro, bundesweit sind somit rund eine Milliarde in die Rundlinge verbaut. Denn die Straßenbaufirmen dürfen oft klotzen. "Manche Verwaltung leistet sich da richtig Luxus", klagt Bernd Frischgesell, Präsident des brandenburgischen Landesverkehrsamts. In Idar-Oberstein etwa wurde eine große Weltkugel aus Stahl mit edlen Steinen verziert und von Wasserspeiern umgeben auf den ersten Stadtkreisel gesetzt.

"Geschwindigkeitsdämpfende Gestaltung"
Erstaunlicherweise lässt das Regelwerk der Bundesregierung Gemeinden und Kreisverwaltungen freie Hand bei der künstlerischen Gestaltung. "Geschwindigkeitsdämpfende Gestaltung", so das Merkblatt nur, sei empfehlenswert, Ziel sollte deshalb die "Verhinderung der Durchsicht durch eine raumwirksam gestaltete Kreisinsel" sein. Trotzdem gelten die häufig aufgestellten steinernen Findlinge als Kunstfehler: "Da sollen keine Hindernisse stehen, an denen man sich tot fahren kann", sagt Werner Brilon, Kreiselpapst und Inhaber des Lehrstuhls für Verkehrswesen an der Ruhr-Universität.

Kreisel können Unfälle verhüten
Die bremsende Wirkung eines Kreisels erklärt auch die günstigere Unfallbilanz gegenüber Ampelkreuzungen. Tatsächlich können Kreisel die Zahl der Unfälle an mittelstark befahrenen Kreuzungen deutlich reduzieren, wie Untersuchungen der Kölner Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen zeigen. Die Zahl der tödlichen Unfälle geht mancherorts gar um 90 Prozent zurück.

Kreisel nicht überall geeignet
Allerdings kracht es im Kreisverkehr gegenüber "lichtsignalgesteuerten Kreuzungen" nur dann seltener, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind. So sollen die Einmündungsstraßen "senkrecht" auf den Kreisel treffen, um Verwirrung zu vermeiden. Auch sind Kreisel nicht überall geeignet. Bei rund "der Hälfte" der Anfragen aus Kommunen oder von den Ländern muss Kreiselgutachter Brilon von der runden Form abraten.

Großes Interesse
Trotzdem bestehen kreiselsüchtige Kommunen wie Baden-Baden auf dem Bau von Prestige fördernden Kreiselwerken. "In Italien langen manchmal ein paar bunte Absperrelemente", weiß Verkehrsplaner Frischgesell aus Brandenburg. Schon interessieren sich auch die Landesrechungshöfe für die wachsenden Kreisel-Kosten, der Bundesrechnungshof erhält die Planungsvorgaben aus dem Ministerium bereits "nachrichtlich".

Kommt bald der Doppel-Kreisel?
Denn ab einer von Verkehrsforschern ermittelten Belastung von 25.000 Fahrzeugen pro Tag verlieren die teuren Bauwerke wieder ihre Vorteile. Die Rundlinge mit einem definierten Durchmesser von 26 bis 45 Metern verstopfen dann schlicht. Doch die Kreisel-Bürokraten suchen schon nach Auswegen. In dem Arbeitspapier "Ap 51 neu" für das Bundesverkehrsministerium wird derzeit der Doppel-Kreisel propagiert: "Zweistreifig befahrbare Kreisverkehre" seien auch "eine sichere Knotenpunktgrundform".

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