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Audi-Projekt Querkraftfreies Fahren: Schluss mit Schwanken

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Schluss mit Schwanken

21.04.2011, 12:53 Uhr | Tom Grünweg, Spiegel Online

Audi-Projekt Querkraftfreies Fahren: Schluss mit Schwanken. An diesem Audi wird die Neigetechnik erprobt (Foto: Audi)

An diesem Audi wird die Neigetechnik erprobt (Foto: Audi)

Schwindel, Übelkeit, Erbrechen: Für Beifahrer haben kurvige Strecken oft unangenehme Nebenwirkungen. Ingenieure bei Audi wollen jetzt die Querkraft überlisten. Ein Prototyp mit Pendeltechnik fährt bereits.

Er tippt auf dem Laptop, blättert in seinen Unterlagen und schaut Videos - und das alles bei 130 km/h auf einer kurvigen Autobahn. Michael Bär muss einen Magen aus Eisen haben. Der Doktorand aus der Entwicklungsabteilung von Audi aber lächelt nur. "Früher wurde mir beim Autofahren auch immer schlecht, vor allem wenn ich hinten sitzen musste", erinnert er sich.

Audi neigt sich

Damit es künftige Fondinsassen einmal besser haben, hat der Mann ein System entwickelt, mit dem Kurven sich nicht mehr komisch anfühlen. "Querkraftfreies Fahren" heißt das Projekt, mit dem Bär Physik und Medizin ein Schnippchen schlagen möchte - indem sich das Auto wie ein Motorrad in die Kurve legt. Der Effekt: Das Getränk bleibt im Becher, und auch der Beifahrer kann in Ruhe Zeitung lesen, ohne dass ihm übel wird.

Auto 
Dieser Audi legt sich in die Kurve

Die Ingolstädter entwickeln jetzt ein System, dass die Kurven-innere Seite absenkt. zum Video

"Übelkeit bis hin zum Erbrechen"

Die Idee stammt aus der Forschung zum autonomen Fahren. Wenn das Auto in Zukunft weite Strecken automatisch fahren würde, hätte der Fahrer Zeit für andere Dinge. Zum Beispiel E-Mails schreiben oder im Internet surfen. "Allerdings macht die Biologie in diesem Fall vielen Menschen einen Strich durch die Rechnung", sagt Bär. "Wenn das Gesehene, also zum Beispiel das unbewegte Buch, vom Gefühlten, im Auto ja meist die Bewegung, abweicht, reagieren sie mit Übelkeit bis hin zum Erbrechen."

Neigetechnik für die Audi-Typen von morgen

Die Reaktion ist Ergebnis der Evolution: Der Körper geht davon aus, dass nur verdorbene oder giftige Nahrung die Sinne durcheinander bringt - und versucht, sie dann schnell wieder los zu werden. Doch beim Autofahren ist diese Wirkung unerwünscht. Bär, der dieses Phänomen aus der eigenen Kindheit auf dem Rücksitz bestens kennt, sann auf Abhilfe und hat eine Art Neigetechnik für die Audi-Typen von morgen erdacht.

Audi A5 liegt windschief in der Kurve

Die wird jetzt in einem Prototypen getestet. Das Auto ist mit aktivem Fahrwerk und besonders leistungsstarken Aktoren ausgerüstet. Als Folge legt sich der Testwagen in die Kurve wie ein Motorrad. Um bis zu fünf Zentimeter kann die mit Rücksicht auf die Geheimhaltung noch nicht näher beschriebene Technik jede Radaufhängung in Millisekunden anheben oder absenken und so der Querkraft entgegen wirken. Misst man am äußersten Punkt der Karosserie, beträgt die Wegstrecke nicht zehn, sondern sogar 14 Zentimeter. Deshalb sieht es von außen ziemlich merkwürdig aus, wenn man Bärs Audi A5 bei einer der Messfahrten hinterher eilt und das Auto windschief in der Kurve liegt.

Wer die Augen schließt, nimmt manche Kurve nicht mehr wahr

Drinnen im Prototypen ist es bei weit über 100 km/h jedoch auch in Kurven mit engen Radien noch so entspannt, dass man die Richtungsänderung kaum mehr fühlen kann und der Magen Ruhe hält. Verbindet man dem Beifahrer zur Probe die Augen und lässt ihn bei jeder blind wahrgenommenen Kurve einen Knopf drücken, wird selbst die übel gewundene A9 zwischen Greding und dem Altmühltal nach dem subjektiven Gespür des Probanden beinahe zu einer Geraden.

Fahrwerkstechnik noch nicht ausgereift

Bis das einmal in einem Serienfahrzeug funktioniert, wird es noch lange dauern, dämpft Bär die Erwartungen. Es fehlt bislang nicht nur das grüne Licht des Vorstands für die Entwicklung des Systems, sondern auch die passende Fahrwerkstechnik. Die Umbauten wären so tiefgreifend, dass man das System nicht einfach bei der Auffrischung einer Modellreihe einbauen könnte, sondern mindestens bis zu einem Generationswechsel warten müsste. Und da die Audi-Modelle A8, A7 und A6 noch recht frisch sind, wird es mindestens noch sechs bis acht Jahre dauern.

Videokamera erfasst kommende Kurven

Die Idee des aktiven Querkraftausgleichs sei gar nicht neu, räumt Bär ein und verweist zum Beispiel auf die Neigetechnik-Züge der Bahn. Doch diese sogenannten Pendolinos haben nicht nur technische, sondern auch systematische Probleme. "Sie müssen die reale Querbeschleunigung erst messen, bevor sie ihr entgegen wirken können", erläutert der Experte. So falle man von einem Extrem ins andere, was für den Magen der Bahnfahrer oft noch viel schlimmer sei. Deshalb hat Bär ein vorausschauendes System entwickelt. Die Videokamera, die für die Spurführungshilfe oder die Verkehrszeichenerkennung ohnehin schon hinter dem Innenspiegel montiert ist, erfasst auch kommende Kurven.

Navigationssystem hilft mit

Nach anderthalb Jahren Entwicklungsarbeit kann die Bilderkennungssoftware jetzt Kurvenradien und die Fahrbahnneigung auf dem voraus liegenden Stück ermitteln - zudem ist über die Daten des Navigationssystem ein Abgleich möglich. "Damit können wir das Auto genau dann in die Kurve legen, wenn diese auch tatsächlich beginnt und alle Irritationen vermeiden", sagt Bär.

Alpenpass ohne Serpentinen?

Ausgelegt sei das System vor allem auf den Autobahn-Betrieb. Es sei so dimensioniert und programmiert, dass es bei den in der Bauordnung vorgeschriebenen Kurvenradien und Fahrbahnneigungen die Querkraft bis zu einer Geschwindigkeit von 130 km/h komplett egalisieren könne. Natürlich arbeitet es auch bei höheren Geschwindigkeiten. Bär: "Dann fühlen sich 180 km/h an wie Tempo 50." Auf der Landstraße stellt der Entwickler die Elektronik allerdings lieber aus. "Die Querkraft ist ja auch ein entscheidender Faktor für den Fahrspaß, und wer will schon einen Alpenpass ohne Serpentinen?"

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