Kofferraumvolumen
So tricksen die Hersteller31.07.2013, 17:29 Uhr | Stefan Weißenborn, dpa-tmn
Das tatsächliche Kofferraumvolumen kann durchaus kleiner ausfallen als angegeben (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)
Wer viel verreist oder regelmäßig viel transportiert, kennt das Problem: Ein Auto mit viel Ladekapazität - also mit viel Stauraum - muss her. Die Liter-Angaben der Hersteller sagen aber nicht aus, wie der Kofferraum geformt ist, welches Gepäck also passt oder wie gut er beladen werden kann. Auch am Messverfahren gibt es Kritik.
Die Angaben in den Modellprospekten sind erst einmal miteinander vergleichbar. Das Volumen eines Kofferraums wird durch ein standardisiertes Verfahren ermittelt. Es basiert auf DIN- und ISO-Vorgaben und wird in Deutschland umgangssprachlich VDA-Norm genannt, da die DIN-Norm auf einer Empfehlung des Verbandes der Automobilindustrie basiert.
"Die Methode ist seit Jahrzehnten der Maßstab", sagt VDA-Sprecher Eckehart Rotter. "Ausgelitert" wird der Stauraum eines Autos nach DIN 70020 (Teil 1) mit Messquadern, die 200 mal 100 mal 50 Millimeter messen. Die nach DIN-Vorbild erarbeitete ISO-Norm 3820 erlaubt größere Quader mit einem Volumen von bis zu acht Litern, damit bei Messungen schneller gepackt werden kann.
Die Methode klingt objektiv, ist aber nach Ansicht des ADAC nur bedingt praxistauglich. Der Automobilclub hat es sich deshalb zur Aufgabe gemacht, mit Ein-Liter-Quadern in den DIN-Dimensionen bei eigenen Fahrzeugtests bessere Orientierungswerte zu ermitteln. So kommen die Münchener etwa bei der Limousine des Audi A4 auf 380 Liter obwohl der Ingolstädter ein DIN-Volumen von glatt 100 Litern mehr aufweist. Noch eklatanter fällt der Vergleich beim Touring des 3er BMW aus: 340 Liter stehen hier 495 Litern gegenüber. Sehr gut nutzbar ist dagegen das Gepäckabteil des Ford Focus, von den versprochenen 363 DIN-Litern bleiben im ADAC-Test 345 Liter übrig.
"Nischen, die für Gepäckstücke nicht nutzbar sind, geben wir separat an", sagt ADAC-Ingenieur Martin Ruhdorfer. Dazu zählen doppelte Böden oder Staufächer in den Seitenverkleidungen im Kofferraum. Deren Volumen wird nicht zum Hauptstauraum addiert. "Es ist für den Autofahrer besser, weniger, dafür aber wirklich nutzbares Stauvolumen anzugeben."
Ist es zum Beispiel erlaubt, zum Standardvolumen den Stauplatz in der Ersatzradmulde zu addieren, wenn ein Auto alternativ mit einem Reifenreparaturset ausgestattet ist? Zu solchen Spezialfällen machen die aus den 90er Jahren stammenden Normen keine Vorgaben, so der VDA. "So präzise ist es nicht beschrieben", sagt Rotter - was Herstellern bei ihren Angaben Luft nach oben lässt.
"In den Prospekten stehen oft interessant hohe Werte", hat ADAC-Ingenieur Ruhdorfer beobachtet. Die Norm gibt zum Beispiel vor, das Normalvolumen bis zur Höhe der Rücksitzlehnen zu messen - diese können bei manchen Modellen aber geneigt werden. Und je steiler sie stehen, desto größere Volumina können gemessen und in den Produktbroschüren abgedruckt werden. Deshalb misst der ADAC standardmäßig bis zur Fensterunterkante - abgesehen von Limousinen, bei denen sich die Frage nach der Ladehöhe nicht stellt.
Oft geben Hersteller Maximalwerte an, die zwar nach Norm ermittelt sind, beim Packen aber nur zur Verfügung stehen, wenn weniger Passagiere mitfahren - zum Beispiel, weil einzelne Rücksitze oder die gesamte Sitzbank umgeklappt oder sogar ausgebaut werden.
Häufig wird auch das Volumen bis zum Dach angeben. Bei dieser Beladung sind aber Gepäcknetze nötig, um die Insassen im Falle eines Crashs vor losen Gegenständen zu schützen. Zudem kann der Fahrer durch den mittleren Spiegel nicht mehr den rückwärtigen Verkehr beobachten, mahnt Ruhdorfer. Das gilt nicht für Limousinen, weil sich ihr separater Gepäckraum - wenn überhaupt - nur durch einen Skisack erweitern lässt.
Ruhdorfer räumt ein, dass die Liter-Angaben immer täuschen können, auch die des ADAC. "Allein anhand der Volumenangabe eine Kaufentscheidung zu treffen, ist schwierig." Wichtig sei etwa, wie sich das Volumen verteile - wie hoch ein Kofferraum zum Beispiel sei. "Bei Limousinen kann das Volumen groß sein, weil der Stauraum oft breit und tief ist - einen Kinderwagen oder Rollator bekommen Sie da aber nicht unbedingt rein."
Eine bessere Vorstellung des nutzbaren Stauraums bekommen Verbraucher anhand des Quadermaßes, das in maximal nutzbarer Höhe, Breite und Tiefe angegeben wird. In den Prospekten der Hersteller taucht es aber nicht unbedingt auf, hat Ruhdorfer festgestellt.
Wie wenig Volumenangaben über den praktischen Nutzen aussagen, zeigt sich zum Beispiel am Gepäckabteil des VW Golf VII. Als Mindeststauvolumen gibt Volkswagen 380 Liter an, der ADAC hat allerdings 305 Liter ermittelt. Die Differenz von 75 Litern erklärt sich dadurch, dass der ADAC die Reserveradmulde und den Stauraum unterhalb des variablen Ladebodens - in niedrigster Einstellung - nicht mitgerechnet hat.
Den doppelten Boden im Golf findet Ruhdorfer andererseits praktisch: Er könne auf Höhe der Ladekante justiert werden, was das Ein- und Ausladen schwerer Gegenstände einfacher mache - Messwerte hin oder her.
Ein Ratschlag gilt deshalb immer: Vor dem Kauf des Wagens sollte auch der Kofferraum unter die Lupe genommen werden. Die Größe der Kofferraumöffnung sollten Kunden mit ihren Bedürfnissen abgleichen, empfiehlt Ruhdorfer. Vor allem bei Limousinen und manchen Coupés falle diese für sperrige Gepäckstücke oft zu klein aus.
Wem ein Kleinwagen mehr zusagt als eine Limousine mit größerem Stauraum, der kann zu einer Dachbox greifen, rät der TÜV Süd. Zwar verbrauche ein Wagen mit dem Aufbau einige Zehntel Liter mehr Kraftstoff pro 100 Kilometer. Doch nur für die jährliche Urlaubsfahrt ein großes Auto anzuschaffen, sei unter dem Strich die weit unwirtschaftlichere Alternative.
31.07.2013, 17:29 Uhr | Stefan Weißenborn, dpa-tmn
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