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Autotest: Dacia Sandero gegen Lada Kalina

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Autotest  

Zeitmaschinen - Dacia Sandero gegen Lada Kalina

19.12.2008, 10:34 Uhr | Michael Gebhardt

Lada Kalina (Foto: Lada)Lada Kalina (Foto: Lada) Moderne Kleinwagen bieten mittlerweile Komfortextras, die es noch vor wenigen Jahren wenn überhaupt in der automobilen Oberklasse gab. Der neue Ford Fiesta etwa lässt sich mit Schnickschnack wie einem schlüssellosen Zugangssystem, Bluetooth-Freisprecheinrichtung und Top-Audiosystem zum Hightech-Flitzer aufrüsten. Doch es geht auch anders: Dacia und Lada nehmen uns mit auf eine Zeitreise, irgendwo zurück in die Neunziger.#

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Wie eine Zeitreise

Der neugewählte Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika heißt Bill Clinton, in Deutschland werden fünfstellige Postleitzahlen eingeführt und Roman Herzog meint, ein Ruck müsse durch die Nation gehen. So oder so ähnlich könnten die Nachrichten lauten, die mir etwas blechern aus dem Radio entgegen tönen. Nur die vorbeiziehenden Fußgänger wollen nicht so recht ins Bild passen: Sie tragen weder Schulterpolster, noch Dauerwelle und holen mich so zurück in die Gegenwart. Schließlich schreiben wir das Jahr 2008.

Der Lada sieht alt aus

Verantwortlich für meine Zeitreise sind weder Laserstrahlen die in Bose-Einstein-Kondensat kreisen noch ein Fluxkompensator – nein, meine Zeitmaschinen heißen Lada Kalina und Dacia Sandero. Denn: Wer den Kalina - das bedeutet im russischen übrigens Schneeballstrauch - betrachtet, mag kaum glauben, dass der Wagen erst 2004 debütierte und ein Jahr darauf in Produktion ging. Optisch erinnert der schlichte Russe, der auch 1117 heißt, an zehn bis fünfzehn Jahre alte Polos, Fiestas oder Corsas.

Tempo 170 ist bei beiden drin

Gegen den Lada wirkt der seit 2008 erhältliche Dacia Sandero, trotz nahezu gleicher Karosserieform, richtig modern. Scharfe Lichtkanten, große, schicke Scheinwerfer und eine bulligere Frontschürze sind zwar nicht Designpreis-verdächtig, lassen den Rumänen aber frischer und selbstbewusster auftreten als den Kalina. Und musste Marty McFly in "Zurück in die Zukunft“ mit seinem DeLorean die Problematik der 140-km/h-Barriere überwinden, um in die Vergangenheit zu reisen, reicht es bei diesen beiden Zeitmaschinen, einzusteigen. Nur am Rande: Keiner der beiden Kandidaten hat Probleme, diese Tempohürde zu überwinden, beide schaffen mit etwas Anlauf um die 170 km/h.

Charme einer Amtsstube

Beide Cockpits versprühen den Charme einer Amtsstube - und im Lada riecht es auch so. Das verbaute Hartplastik gibt einen strengen, chemischen Laborgeruch ab. Immerhin sorgen serienmäßige, elektrische Fensterheber an den Vordertüren für schnelle Frischluftzufuhr. Auf unnütze Verkleidungen, wie etwa am Handbremshebel, verzichtet der russische Autobauer ebenso wie auf allzu strenge Qualitätskontrollen. Das Handschuhfach klemmt, die Spaltmaße sind mal größer, mal kleiner.

Dacia wirkt flotter

Der Dacia wirkt innen zeitgemäßer, wenngleich auch er aus der letzten Dekade stammen könnte. Auch hier kann das Lenkrad nur in der Höhe verstellt werden, das bessere Gestühl trägt aber zu einer deutlich angenehmeren Sitzposition bei als im Lada. Die Schalter für die elektrischen Fensterheber sind ungünstig in der Mittelkonsole angebracht. Dafür ist der Sandero deutlich hochwertiger verarbeitet, die Kunststoffe fühlen sich besser an und die weiß hinterlegten Rundinstrumente sind schicker als die barocken Anzeigen im Kalina.

Genug Platz in beiden Autos

Womit die beiden Kleinwagen überzeugen, ist ihr Platzangebot. Sowohl im gut vier Meter langen Dacia als auch im zwanzig Zentimeter kürzeren Lada können fünf Passagiere mit eisen. Der Einstieg in den Fond ist dank großer Türen einfach, Kopf- und Beinfreiheit gehen hier wie da in Ordnung. Der Sandero punktet zudem mit üppigen Stauraum: 320 Liter sind es in der Standardkonfiguration, mit umgeklappter Rückbank (serienmäßig) schluckt er gar 1.200 Liter. Ladafahrer müssen sich mit einem Gepäckvolumen zwischen 260 und 600 Kubikdezimetern zufriedengeben.

Lada Kalina (Foto: Lada)Lada Kalina (Foto: Lada)

Ausreichende Motorisierung

Ganz konventionell per Zündschlüssel werden die beiden Kleinwagen zum Leben. Im Dacia arbeitet ein 87 PS starker 1,6-Liter-Benziner, der ausschließlich in der höchsten und teuersten Ausstattungsstufe Lauréate erhältlich ist. Hält man den drehfreudigen Vierzylinder bei Touren, erweist er sich für den Stadtverkehr als ausreichend spritzig. Doch auch auf der Autobahn lässt sich damit problemlos im Strom mitschwimmen. Vorausgesetzt, man akzeptiert das hohe Geräuschniveau.

Zu viel Durst

Keineswegs leiser ist der Lada. Sein ebenfalls 1,6 Liter großer Vierzylinder läuft rau und laut. Mit 81 PS ist aber auch der Kalina ausreichend motorisiert, wirkt bei höheren Touren aber weitaus zäher als der Dacia. Und über acht Liter Durchschnittsverbrauch sind hier wie da zu viel. Andere Kleinwagen schaffen durchaus eine Fünf vorm Komma.

Lenken ist ein bisschen Glückssache

Während der Motor im Lada dennoch einen akzeptablen Eindruck hinterlässt, sorgen Bremsen, Getriebe und Lenkung für Entsetzen. Ist man in den Neunziger Jahren wirklich so Autogefahren? Alles will mit Nachdruck bedient werden, Präzision sucht man vergebens. Die Lenkung etwa arbeitet nach dem Vorwahl-Prinzip: Der Fahrer wählt die gewünschte Richtung vor, wo der Lada dann hinfährt, weiß man nicht so genau. Häufiges korrigieren ist unvermeidbar, von Anschlag zu Anschlag sind es mehr als vier Umdrehungen und beim Lenken hört man ein beängstigendes Schleifgeräusch.

Kleiner Tipp: Zwischengas geben

Ebenso das Getriebe: Ein Kochlöffel im Hefeteig schlägt die manuelle Fünfgang-Box in puncto Genauigkeit um Längen. Hat man den richtigen Gang gefunden, muss man ihn nur noch reinkriegen. Kleiner Tipp: Zwischengas geben hilft mitunter. Und dann die Bremsen: Wie Dacia verbaut auch Lada vorne Scheiben-, hinten Trommelbremsen. Doch von einem ABS hat der Kalina noch nichts gehört - und so gehört er eigentlich nicht auf die Straße! Denn: Der extrem lange Bremsweg ist nicht nur ein schlechtes Ergebnis, sondern gefährlich.

Dacia macht es besser

Das alles macht der Dacia besser: Sein Fünfganggetriebe ist leichtgängig und genau, wenn auch die Schaltwege etwas lang sind. Er fährt in die Richtung, die der Fahrer vorgibt und die Bremsen packen fester zu - wobei auch die Dacia-Stopper noch Verbesserungspotential haben. Auch fahrwerksseitig macht der Sandero die bessere Figur. Seine Feder-Dämpfer-Abstimmung ist komfortabel ohne schwammig zu wirken, grobe Unebenheiten bügelt er ordentlich glatt. Geht man Kurven zu flott an, untersteuert der Rumäne spürbar, bleibt aber gut kontrollierbar. Manko: ESP gibt es auch nicht gegen Aufpreis.

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Weich ausgelegter Lada

Über das elektronische Stabililtätsprogramm denkt man beim Lada am besten genau so wenig nach, wie über schnelle Richtungswechsel. Wie die Lenkung, so vermittelt auch das Fahrwerk kaum Kontakt zur Straße, in der Kurve gibt es gerne nach. Die weiche Auslegung schuldet der Kalina seinem Heimatmarkt mit eher schlecht ausgebauten Straßen.

Preisbrecher Kalina

Warum also den Lada kaufen? Bislang war es der Preis, der für den Kalina sprach: Mit 7.390 Euro ist der Russe ein kaum zu schlagendes Angebot. Zentralverriegelung mit Fernbedienung, elektrische Fensterheber vorne und ein kleiner Bordcomputer sind Serie, Nebelscheinwerfer und eine Klimaanlage gibt es gegen Aufpreis und in den Radioschacht passen alle handelsüblichen Geräte.

Auch der Sandero ist sehr günstig

Mit dem Dacia hat der Lada allerdings einen starken Konkurrenten bekommen. Der Einstieg in die Sandero-Welt beginnt bei 7.500 Euro – zugegeben ohne Servolenkung, Zentralverriegelung und geteilte Rückbank. Greift man zu der von uns getesteten Lauréate-Ausstattung, werden mindestens 10.000 Euro fällig, inklusive Klimaanlage, CD-Radio und Metalliclackierung sogar 11.700 Euro.

Man kommt von A nach B

Der Purismus beider Fahrzeuge wirkt durchaus erfrischend. Sie zeigen dem Fahrer auf, wie verwöhnt er heutzutage ist und beweisen: Es geht auch anders. Auch mit dem Lada kommt man von A nach B, ganz ohne Klimaanlage, ohne elektrische Spiegelverstellung und erst recht ohne Parksensoren. Beide Fahrzeuge bieten ein üppiges Platzangebot und ausreichend starke, wenn auch durstige, Motoren.

Abenteuerlicher Lada

Der Lada aber verscherzt es sich durch abenteuerliches Fahrverhalten und das fehlende ABS: Solange es keine stärkeren Stopper und das Anti-Blockier-System gibt, sollte der Kalina nicht auf die Straße gelassen werden! Hier punktet der Dacia ebenso, wie bei der Verarbeitungsqualität und Materialauswahl. Zwar erinnert auch der Sandero-Innnenraum an vergangenen Zeiten, soweit wie im Lada geht die Zeitreise aber nicht zurück.

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