06.06.2012, 09:47 Uhr | dapd, dpa, afp, t-online
Mit dem neuen Standard werden in Zukunft viel mehr IP-Adressen verfügbar sein. Das bisherige Maximum von vier Milliarden Zahlencodes ist nämlich ausgeschöpft.
An diesem Mittwoch ändert sich die Architektur des Internets: Am von der Internet Society ISOC ausgerufenen World IPv6 Launch Day aktivieren zahlreiche Provider, Betreiber von Internetseiten und Hersteller von Internetgeräten den neuen Adressstandard IPv6. Er gilt als Wegbereiter für das "Internet der Dinge" und soll die akute Knappheit an IP-Adressen für den Anschluss an das weltweite Datennetz aufbrechen. Wir erklären, was das für Sie bedeutet.
Ohne IP-Adressen könnten weder Computer, Smartphones, Tablet-PC noch andere Geräte Daten über das Internet austauschen. Die Adressen funktionieren sozusagen wie Lieferanschriften für Pakete. Die Zahl der möglichen Internet-Adressen ist mit dem bisherigen Standard IPv4 jedoch ausgereizt. 4,3 Milliarden IP-Adressen sind bereits verteilt. Ins Internet kommen wir nur noch alle, weil viele gar nicht ständig online sind und bei jeder Einwahl eine momentan freie Adresse zugewiesen bekommen. Die Zahl der Internetnutzer wird in den nächsten Jahren aber stark zunehmen. Zudem wird es neben Computer und Smartphone immer mehr Geräte mit Internetanschluss geben. Damit das Internet nicht aus allen Nähten platzt, müssen also neue Adressen her.
Die Lösung für das Problem ist bereits seit knapp 15 Jahren in Planung: das Protokoll IPv6. Die IP-Adresse nach dem neuen Standard hat 128 anstelle von 32 Bit (IPv4). Damit sind 340 Sextillionen Adressen möglich – eine Zahl mit 39 Nullen. Mit dieser schier unerschöpflichen Menge müssen IP-Adressen künftig nicht mehrfach verwendet werden. Laut dem Verband der deutschen Internetwirtschaft eröffne dies dem Verbraucher neue Möglichkeiten. Er könnte beispielsweise von unterwegs per Smartphone seine Heizung anwählen und einstellen, da jeder Heizkörper seine feste IP-Adresse habe. Erst mit IPv6 wird das sogenannte "Internet der Dinge" möglich. Neben Heizungen und Fernsehern können Endkunden bald vielleicht auch Kühlschränke, Autos oder Sprinkleranlagen über das Internet ansprechen.
Ein IT-Experte des Fraunhofer Instituts beantwortet wichtige Fragen. Darauf sollten Nutzer beim Surfen im Internet in Zukunft achten. zum Video
Der letzte Testlauf für den IPv6-Standard im Juni 2011 verlief laut der Netztechnologie-Firma Cisco erfolgreich. Also kann es losgehen. Allein in Deutschland machen 1400 IT-Firmen bei der Umstellung mit. Auch Unternehmen wie Google und Facebook schalten am Mittwoch auf IPv6 um. Internetnutzer müssen jedoch nicht fürchten, plötzlich in die Röhre zu gucken. Zwar sind IPv6 und IPv4 nicht miteinander kompatibel, aber die beiden Internet-Standards werden zunächst parallel betrieben. Zudem unterstützen die meisten Betriebssysteme und aktuelle Netzwerkgeräte wie Router und WLAN-Karten bereits den neuen Standard. Nutzer von Windows XP müssen allerdings manuell auf IPv6 umschalten. Wie das funktioniert, zeigen wir in unserem Windows-Tipp "IPv6-Funktion in Windows XP aktivieren". Bei älteren Betriebssystemen und Geräten kann es auf lange Sicht jedoch zu Problemen kommen.
Die neue Adressen-Vielfalt löst jedoch auch Bedenken aus, in Zukunft könnte jeder Internetnutzer über eine einmal zugewiesene IPv6-Adresse eindeutig identifizierbar werden. "Die nach dem neuen Internetprotokoll IPv6 vergebenen Internetadressen haben das Potenzial, zu Autokennzeichen für jeden Internetnutzer zu werden und zwar unabhängig davon, wie viele Geräte der Einzelne im Internet verwendet", erklärte der Bundesbeauftragte für Datenschutz Peter Schaar am Dienstag in Berlin. Genau das sollen sogenannte Privacy Extensions verhindern. Das sind zufällig generierte Zahlen, die sich an eine IPv6-Adresse anhängen lassen. Die deutschen Internet-Provider wollen diese Funktion unterstützen. Auch die meisten aktuellen Betriebssysteme haben die Privacy Extensions ab Werk aktiviert. Nur Nutzer von Android und Windows XP müssen die Sicherheits-Funktion manuell aktivieren.
Die Deutsche Telekom nimmt indes nicht am weltweiten World IPv6 Launch Day teil. Grund dafür ist unter anderem der für die Umstellung notwendige Doppelbetrieb, indem Netzwerkanbieter sowohl IP-Adressen nach altem wie nach neuem Standard vergeben müssen, um Nutzer mit älterer Hardware nicht auszusperren. Weil dieser Doppelbetrieb jedoch verschiedene technische Herausforderungen mit sich bringt, soll zunächst sichergestellt werden, dass auch nach der Umstellung für alle Kunden stabile Anschlüsse bereit gestellt werden können. Bis Ende 2012 soll es jedoch soweit sein. Als Inhalteanbieter wird sich jedoch t-online.de in die Liste von fast 3000 Anbietern einreihen, die mit der globalen Umstellung sowohl per IPv6 als auch per IPv4 erreichbar sein werden.
Quelle: dapd, dpa, afp, t-online
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