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Windows 95 wird 20: "Die halbe Welt steht Kopf"

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Computer-Urgestein  

Windows 95 wird 20 Jahre alt

24.08.2015, 15:40 Uhr | dpa, t-online.de

Windows 95 wird 20: "Die halbe Welt steht Kopf". Microsoft-Gründer Bill Gates stellt Windows 95 vor (Foto vom 24. August 1995). (Quelle: dpa)

Microsoft-Gründer Bill Gates stellt Windows 95 vor (Foto vom 24. August 1995). (Quelle: dpa)

20 Jahre ist es her: Am 24. August 1995 begann für Microsoft mit dem Marktstart von Windows 95 eine einzigartige Erfolgsgeschichte. Zwar gab es auch bereits davor Windows-Betriebssysteme, doch sie waren unkomfortabel und in vielen Punkten technisch rückständig.

Sie nannten es "Midnight-Madness" (Mitternachts-Wahnsinn): Am 24. August 1995 öffneten in den USA viele Computerläden nachts genau um 0:00 Uhr ihre Türen, um die ersten Packungen mit Disketten oder CDs des neuen Microsoft-Betriebssystems Windows 95 unter die Leute zu bringen. "Ich musste das einfach kaufen", sagte damals ein junger Mann dem lokalen Fernsehsender in Seattle. Das Kuriose daran: Er besaß noch nicht einmal einen PC. "Es ist so hip", erklärte er dem verdutzen Live-Reporter.

Das Windows-95-Fieber war ansteckend: Allein in den ersten sieben Wochen verkaufte Microsoft sieben Millionen Exemplare. Innerhalb eines Jahres waren es 40 Millionen. Mit dieser Software holte Microsoft-Gründer Bill Gates den PC aus der Nerd-Ecke und kam seiner Vision "Ein PC auf jedem Schreibtisch" einen entscheidenden Schritt näher. 1995 wurden weltweit erst gut 60 Millionen Computer verkauft. Zehn Jahre später überschritt die Zahl der verkauften PCs weltweit erstmals die Schwelle von 200 Millionen, Microsoft hielt damals einen Marktanteil von über 95 Prozent. Seinen Höhepunkt erlebte der PC-Markt in 2011 mit 365 Millionen Geräten. Seitdem geht es stetig bergab, weil bei vielen Menschen Smartphone oder Tablet die Funktion des PCs übernommen haben.

"Die halbe Welt steht Kopf"

Die Marketing-Kampagne zum Start von Windows 95 auf dem Firmencampus von Microsoft in Redmond setzte damals Maßstäbe. Den beiden Managern Brad Silverberg und Brad Chase war es gelungen, bei den Rolling Stones die Nutzungsrechte des Songs "Start Me Up" für die Premierenfeier und TV-Spots zu besorgen. Zur Präsentation der Software vor 2500 Gästen wurde TV-Star Jay Leno aus Los Angeles eingeflogen. "Die halbe Welt steht Kopf", wunderte sich das Computermagazin "c't". "Ob im Funk, Fernsehen oder in der Zeitung, niemand kann den angeblichen Vorzügen von Windows 95 entgehen."

Das Microsoft-System brachte eine neue dokumentenorientierte grafische Oberfläche mit, die überzeugen konnte. Damalige Ideen wie das Startmenü und die Taskleiste am unteren Rand sind auch in Windows 10 zu finden. Windows 95 entfachte einen Upgrade-Boom, denn im Vergleich zum Kommandozeilen-System MS-DOS und den ersten einfarbigen Windows-Versionen sah das neue Windows viel besser aus und war auch einfacher zu bedienen.

Die Dateinamensbeschränkung auf acht Buchstaben entfiel, der Papierkorb hielt Einzug und als Spiele-Schnittstelle wurde DirectX eingeführt. Damit verlor das Gefrickel an den Startdateien config.sys und autoexec.bat seine Bedeutung. Der Explorer löste den umständlichen Datei-Manager ab, zudem war Windows 95 besser ausgestattet und hatte etwa ein Einwählprogramm (Dialer) und einen Media-Player an Bord.

MSN wurde zum Flop

Die Online-Strategie von Bill Gates für Windows 95 ging dagegen nicht auf. Gates hatte in der frühen Entwicklungsphase des Systems den Boom des World Wide Webs nicht vorausgesehen. Er glaubte damals an den Erfolg proprietärer Online-Dienste wie Compuserve oder AOL und stattete sein Windows mit dem Microsoft-Gegenstück MSN aus. Erst als Netscape mit seinem Browser den Markt überrannte, erkannte Gates die Herausforderung.

Vier Monate nach der Premiere von Windows 95 rief Gates zu einem "Internet-Strategie-Workshop" nach Seattle und änderte seinen Online-Kurs um 180 Grad. Gates wählte einen außergewöhnlichen historischen Vergleich, um die neue Strategie zu verdeutlichen. Am Jahrestag des Überfalls Japans auf Pearl Harbour erinnerte er an den Kommentar des japanischen Admirals Yamamoto, "er fürchte, sie hätten (mit dem Überfall) einen schlafenden Giganten geweckt."

Die neue Ansage von Gates lautete: "Heute ist das Internet die treibende Kraft bei allen Verbesserungen, die wir bei all unseren klassischen Produkten vornehmen." Microsoft verstrickte sich nach dieser Ansage in einen schmutzigen "Browserkrieg". Der Kampf gegen Netscape hätte fast zur Aufspaltung des Konzern geführt, weil sich die Aufsichtsbehörden an umstrittenen Geschäftspraktiken von Microsoft störten. Zum Schluss blieb Netscape auf der Strecke.

Apple in Existenznot

Auch Apple kam mit dem Boom von Windows 95 in Existenznöte. Der damalige Apple-Boss John Sculley hatte zuvor vergeblich versucht, frühe Windows-Versionen als rechtswidrige Mac-Kopien gerichtlich untersagen zu lassen. Mit seinem Macintosh-Betriebssystem steckten die Apple-Ingenieure in einer technischen Sackgasse. Aus diesen Nöten konnte sich Apple erst zwei Jahre später mit der Rückkehr von Steve Jobs befreien, der sein Next-Betriebssystem mitbrachte und das vorige Mac OS radikal umkrempelte.

Jobs nahm damals sogar die Hilfe von Bill Gates in Anspruch, um das in Schwierigkeiten geratene Unternehmen zu retten. Microsoft investierte 150 Millionen Dollar in 150.000 Apple-Aktien und zahlte Gerüchten zufolge weitere 100 Millionen Dollar für Urheberrechtsverletzungen der vergangenen Jahre. Dass Jobs viele Jahre später mit dem iPhone und iPad den Microsoft-Bossen Kopfschmerzen bereiten würde, war damals noch nicht abzusehen.

Die Chronik von Microsofts Windows

1975: Am 4. April gründen die Kindheitsfreunde Bill Gates und Paul Allen das Unternehmen Microsoft.

1980: Microsoft bekommt von IBM den Auftrag, ein Betriebssystem für den geplanten Personal Computer zu liefern. Microsoft kauft ein Kommandozeilen-Programm, entwickelt es etwas weiter und bietet es unter dem Namen MS-DOS (Disk Operating System) an. Microsoft setzt im Vertrag durch, dass es MS-DOS auch anderen Herstellern verkaufen darf.

1985: Microsoft veröffentlicht das erste Windows, eine grafische Erweiterung für MS-DOS.

1987: Microsoft stellt Windows 2 vor. Apple wirft Microsoft Ideenklau vor und zieht vor Gericht. In dem komplizierten Rechtsstreit kann sich Microsoft fünf Jahre später endgültig durchsetzen.

1990: Windows 3.0 erhält eine komplett neue Oberfläche. Die Nachfolgeversionen 3.1 und 3.1.1 gelten als die erste wirklich brauchbare Windows-Varianten.

1993: Mit Windows NT stellt Microsoft ein 32-Bit-System für Workstations und Server vor.

1995: Windows 95 wird mit einem zuvor nicht gekannten Marketing-Aufwand auf den Markt gebracht.

1996: Mit dem Profi-System Windows NT 4.0 beginnt der Siegeszug auf Büro-PCs, Microsoft verdrängt den Netzwerkkonkurrenten Novell vom Markt.

1998: Windows 98 erscheint als Weiterentwicklung von Windows 95.

2000: Windows ME ist das letzte Betriebssystem, das auf MS-DOS aufsetzt. Diese Windows-Variante galt als besonders fehleranfällig. Gleichzeitig wird auch die NT-Variante erneuert und heißt Windows 2000.

2001: Im Oktober bringt Microsoft Windows XP heraus, sein langlebigstes Betriebssystem. XP setzt auf der Architektur der Windows-NT-Familie auf. Der DOS-basierte Windows-Zweig wird aufgegeben.

2007: Windows Vista verkauft sich zwar gut, ist aber bei Nutzern unter anderem wegen umständlicher Bedienung unbeliebt.

2009: Windows 7 bessert die Schwächen von Vista aus und wird zum nächsten großen Erfolg für Microsoft.

2012: Windows 8 verfügt über zwei unterschiedliche Benutzeroberflächen: eine Kacheloptik für Tablets und ein herkömmlicher Windows-Desktop für PCs. Anwender vermissen den beliebten Start-Button. Ein Jahr später wird das System auf die Version 8.1 aktualisiert. Trotzdem bleibt das System bei den Kunden unbeliebt.

2015: Mit Windows 10 bietet Microsoft eine einheitliche technische Plattform für PCs, Tablet-Computer und Smartphones an. Auch auf seiner Spielekonsole Xbox One soll Windows 10 künftig laufen. Das Start-Menü kehrt auf den PC zurück.

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