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Erfindergeist  

Vom coolen Geistesblitz zur innovativen Kamera

23.05.2017, 18:03 Uhr | Uwe Kauss , t-online.de

Vom coolen Geistesblitz zum innovativen Produkt. Jonas Pfeil und sein Kameraball (Quelle: Markus Waelde)

Jonas Pfeil und sein Kameraball (Quelle: Markus Waelde)

Die richtigen Ideen können die Welt ein bisschen verändern. Doch bis aus einem brillanten Gedanken ein kommerzieller Erfolg wird, benötigen Erfinder viel Glück, Ausdauer, Nervenstärke, genug Geld und die richtigen Kontakte.

Der Berliner Informatiker Jonas Pfeil ist diesen aufreibenden Weg mit seiner inzwischen viel gelobten 360-Grad-Kamera "Panono" gegangen. 

Der damalige Student wusste, dass er nach seinem Abschluss keine Waschmaschinen programmieren wollte. Der hochbegabte junge Mann ging bereits 2001 bis 2003 mit außergewöhnlichen Erfindungen bei den renommierten Landes- und Bundeswettbewerben "Jugend forscht" als Sieger hervor – etwa mit einem Frühwarnsystem vor Sekundenschlaf im Straßenverkehr.

Doch nun dreht sich bei ihm alles um einen schwarzen Kunststoffball mit hellgrünen Streifen. Darin sind 36 Digitalkameras integriert, mit denen man 360-Grad-Fotos aufnehmen kann. "Panono" heißt die elf Zentimeter große, ein Pfund leichte und rund 2150 Euro teure Kamera. 

Idee kam auf Tonga

Bis dahin war es für Pfeil ein weiter Weg – in jeder Hinsicht. Er sei 2007 auf der südpazifischen Insel Tonga auf die Idee gekommen, erzählt er. Damals studierte der Hobbyfotograf bereits Informatik. "Ich finde Landschaftspanoramen super, aber das Aufnehmen der Einzelbilder, das Abschätzen der Perspektive und das Schwenken ging mir auf die Nerven", erinnert er sich. Da kam ihm die Idee: Mehrere Kameramodule müssten in einen bruchsicheren Ball integriert und das Foto automatisch ausgelöst werden können. Den Ball hochwerfen, auffangen, das Foto ist gemacht. Dieser Gedanke ließ ihn nicht mehr los, er machte sie also zu seiner Diplomarbeit. Zwei Jahre lang probiert, schraubt, misst, programmiert und testet er.

"Wie schnell kannst du liefern?"

2010 funktioniert sein erster, Fußball-großer Prototyp, der mit grünem Gummi bezogen war. "Ich hatte damit keinen einzigen kommerziellen Gedanken, ich wollte nur wissen, ob ich das hinkriege." Danach verschwand der Ball im Schrank. "Ich bin nach Japan gegangen und habe das Ding vergessen", sagt er. Doch zum Ende des Studiums entscheidet er spontan, die Kugelkamera mit einem Video auf Youtube vorzuführen. "Damit wollte ich auf mich aufmerksam machen, meine Chancen auf einen guten Job verbessern", sagt er und lacht. Eine Welle brach über ihn herein: Der Clip wurde in kurzer Zeit über drei Millionen mal angesehen, hunderte Mails kamen: "Wie schnell kannst du liefern?"

So wurde der Erfinder zum Unternehmer. Mit seinen beiden Freunden Björn Bollensdorff und Qian Qin gründet er ein Startup, um die Kamera serienreif zu machen. Im Juni 2012 erhalten die drei ein "Exist"-Gründerstipendium des Bundeswirtschaftsministeriums – doch das allein reicht nicht. Um aus der Erfindung ein innovatives Produkt zu machen, benötigen sie mehr Geld. Sie finden Investoren aus der Berliner Gründerszene, die ihnen größere Summen anvertrauen. "100.000 Euro, das klingt nach verdammt viel Geld. Aber im Silicon Valley bezahle ich damit neun Monate lang einen einzigen Programmierer. Dann ist es – weg."

1,25 Mio. durch Crowdfunding

Daher beschließen sie, sich auch über Crowdfunding im Internet zu finanzieren. "Das ist ein völlig anderer Ansatz, als mit Investoren zu arbeiten", beschreibt er den Unterschied. "Sie erhalten Unternehmensanteile, die irgendwann guten Gewinn abwerfen sollen. Beim Crowfunding bezahlen Leute dagegen vorab für ein Produkt, das es noch gar nicht gibt. Damit kann man auch schnell testen, ob die Zielgruppe überhaupt Interesse hat." Für Jonas Pfeil und seine Freunde ein Volltreffer: Auf Indiegogo sammelte er satte 1,25 Millionen Dollar ein – eine Rekordsumme. Im Herbst 2014 überwiesen rund 1800 Investoren der Crowfunding-Plattform Companisto weitere 1,6 Millionen Euro. 2013 stellten sie schließlich den ersten Prototyp für die Serienreife fertig.

In der Phase vor dem Start meldete Pfeil einige Patente dafür an – eine aufwändige, lang dauernde und teure Prozedur. Ein deutsches Patent kostet mindestens 5000 Euro, ein europäisches etwa 15.000 Euro, ein weltweit geltendes kommt schnell auf 100.000 Euro. Dazu müssen Patente in regelmäßigen Zeitabständen verlängert werden, auch dafür fallen viele weitere tausend Euro an. Doch für Jonas Pfeil sind Patente keine Lebensversicherung gegen Konkurrenten und Kopierer: "Für Startups bieten sie keine Verteidigung. Wenn ein ausländischer Konzern mein Patent verletzt, muss ich ihn bis in die letzte Instanz irgendwo auf der Welt verklagen. So viel Geld bringt keiner zusammen." Dennoch seien Patentanmeldungen extrem wichtig: Die meisten Gründer würden heute ihr Startup voranbringen, um es später an einen Konzern zu verkaufen. "Patente stellen den Wert des Unternehmens dar", betont der Erfinder. "Ich bin kein Fan von ihnen, aber da kommt man halt nicht drum rum."

Problem Sturzsicherheit

Bis zur Produktreife der Panono-Kamera mussten Pfeil und seine Mitstreiter viele weitere Hürden überwinden. Inzwischen sind einige günstige 360-Grad-Kameras etwa von Samsung zu haben, dazu scheiterte die Idee einer bruchsicheren Hülle für die inzwischen 36 Kameras, deren Bilddaten auf einer eigenen Panono-Cloud gerendert und zusammengesetzt werden. "Die Sturzsicherheit ist extrem schwierig zu erreichen. Die Grundidee ist daher irrelevant geworden", räumt Pfeil ein. Also statteten sie die Kameras mit neuen Sensoren aus, um Bilder mit einer Auflösung von 108 Megapixeln zu erreichen. "Wir haben gelernt, dass es im Business-Bereich eine große Nachfrage gibt: Bildagenturen, Architekten, Versicherungsgutachter, Hotels, Flughäfen und viele mehr. Die haben kein Interesse, die Kamera zu werfen", erzählt Jonas Pfeil.

Der Erfindergeist wächst wieder

Nun musste parallel die Serienfertigung anlaufen. Doch wo? Mit wem? Wie lässt sich Qualität sichern? "Das hat alles viel länger gedauert als gedacht, alles ist viel teurer geworden." Nun kommen viele Bauteile aus China, die in einer Hightech-Fabrik in Polen zusammengesetzt werden. "Wir können bei einem Problem da schnell hinfahren, die Qualitätskontrolle passiert bei uns in Berlin, und zur Not schicken wir denen ein Taxi, falls etwas fehlt." Die Produktionspartner lernte er auf einer Messe kennen, heute empfiehlt er Erfindern: "Schließt euch einem Accelerator an." Das sind Investoren, die über ein Netzwerk an Beratern, Dienstleistern und zuverlässigen Produzenten verfügen." In der Berliner Gründerszene beobachtet Pfeil schon seit längerem: Der Erfindergeist wächst wieder. "Irgendwelche Apps zu programmieren, damit hast du es als Gründer immer schwerer. Aber es gibt inzwischen verdammt viele gute Hardware-Projekte. Da ist das Risiko zu Scheitern allerdings viel höher."

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