Ultra-HD
IFA-Trend Ultra-HD: Die Multi-Megapixel-Messe06.09.2013, 14:08 Uhr | Matthias Kremp, Spiegel Online
Einfach nur größer reicht nicht mehr: Der Trend der IFA in Berlin sind Fernseher, die immer mehr Pixel auf immer weniger Raum zusammendrücken. Die TV-Hersteller versuchen, Begehrlichkeiten für die Ultra-HD-Fernseher zu wecken. Doch die neue Technik hat mit Problemen zu kämpfen.
Jahrelang ging es den TV-Herstellern darum, wer die größte Glotze hat. Dann darum, wer den dünnsten Bildschirm liefert. Von diesem Schaulaufen ist auf der Internationalen Funkausstellung (IFA) in Berlin in diesem Jahr nicht mehr die Rede. Jetzt geht es darum, wer die meisten Pixel auf der kleinsten Fläche zusammenpresst.
Eingeleitet wurde das Wettrüsten der Pixelverdichter von Apple mit dem iPhone 4. Dessen Display zeigte mit 960 × 640 Bildpunkten auf 4 Zoll Diagonale mehr Pixel pro Zoll an als irgendein anderes Handy zu jener Zeit. Apple bewarb es damit, dass die Pixel so dicht beieinander lägen, dass man sie mit bloßem Auge nicht mehr auseinanderhalten könne. Darüber, ob das wirklich so ist, haben Experten und Anwender enthusiastisch gestritten. Mit guten Augen könne man eben doch Bildpunkte erkennen, sagen die Zweifler.
Bei den TV-Herstellern verhallt solche Kritik ungehört. Zu schön lässt sich das Argument vermarkten, mehr Pixel auf weniger Fläche würden ein besseres Bild ergeben. Blindtests mit verhüllten Geräten haben allerdings schon vor Jahren gezeigt, dass viele Anwender nicht mal einen Unterschied zwischen Full HD (1920 × 1080) und 720p (1280 × 720) erkennen konnten. Trotzdem haben sich Full-HD-Fernseher als Standard etabliert.
Dasselbe werde auch mit den neuen Ultra-HDTV-Fernsehern (UHDTV) passieren, argwöhnen Kritiker der neuen Technik. Ihre Begründung ist schlüssig: Die optimale Sitzentfernung von einem Fernseher ist von zwei Faktoren abhängig, der Bildschirmdiagonale und der Auflösung. Die Experten von digitalfernsehen.de rechnen vor, dass der optimale Betrachtungsabstand bei einem 55-Zoll-HD-720p-Fernseher vier Meter beträgt. Bei einem Full-HD-Gerät schrumpft dieser Wert bereits auf 2 Meter zusammen. Nach dieser Rechnung müsste man den Fernseher bei der auch 4K genannten UHDTV-Auflösung also direkt vor das Sofa stellen, um von der hohen Pixeldichte profitieren zu können.
Toshiba-Pressesprecher Sascha Lange hat eben dieses Argument auf der IFA aufgegriffen und für die neuen Fernseher genutzt. Demnach hat eine Studie der Marktforschungsgesellschaft GfK ergeben, dass 70 Prozent der deutschen Wohnzimmer kleiner als 30 Quadratmeter sind, also sowieso nicht genug Platz für große Sitzabstände bieten. Für Lange ein Grund, auf UHDTV umzusteigen. Die neue Technik, so Lange, böte die Möglichkeit, bei unverändertem Sitzabstand einen größeren Fernseher ins Wohnzimmer zu stellen. Einen 46-Zoll-Full-HD-TV etwa könnte man ihm zufolge durch einen 84 Zoll großen Ultra-HDTV ersetzen.
In dieser Argumentationskette fehlt allerdings der Faktor Geld: Toshibas 84-Zoll-UHDTV kostet nach Preisliste 20.000 Euro. Man kann wohl davon ausgehen, dass jemand, der so viel Geld für ein TV-Gerät ausgeben kann, seine Neuerwerbung in ein Wohnzimmer stellt, das größer ist als 30 Quadratmeter.
Die Preise der neuen 4K-Fernseher sind zur IFA allerdings teils deutlich gesenkt worden. Toshiba kündigte ein 55 Zoll großes Gerät für 3000 Euro an. Als Preisbrecher macht die hierzulande noch wenig bekannte Firma Hisense von sich reden, die auf der Ifa einen UHDTV für 2000 Euro zeigt.
Wer sich von solchen Preisen zum Kauf eines UHD-Fernsehers verleiten lässt, muss sich damit abfinden, dass es kaum Filme in Ultra-HD-Auflösung gibt. Sony hat deswegen schon bei einem Modell zu einer Notlösung gegriffen, liefert einen Festplatten-Player mit, auf dem zehn passende Filme gespeichert sind. Hat man die gesehen, fängt die Suche nach passenden Inhalten von neuem an. Der Sony-Videodienst Video unlimited soll zum Jahresende immerhin rund 70 Filme für die neuen Fernseher anbieten - vorerst aber nur in den USA.
Ansonsten ist man als UHDTV-Besitzer derzeit darauf festgenagelt, hochskaliertes Material von DVDs, Blu-rays oder aus dem Fernsehen anzuschauen. Je höher die Qualität des Filmmaterials dabei ist, umso weniger enttäuschend ist das Ergebnis, nachdem es von den Prozessoren der Fernseher auf UHD hochgerechnet wurde.
Problematisch sind auch die Beschränkungen, die aktuelle HDMI-Anschlüsse mit sich bringen. Sie können die hohe Auflösung mit maximal 30 Bildern pro Sekunde übertragen, was für Sportübertragungen zu wenig ist. Erst das neue HDMI 2.0 schafft doppelt so viel, ist aber nur in wenigen Geräten bereits eingebaut. Panasonic hat auf der Ifa einen 65-Zoll-4K-Fernseher mit der neuen Schnittstelle vorgestellt, Sony will die Technik seinen Kunden im Oktober per Software-Update liefern. Bei anderen Anbietern muss man für ein entsprechendes Upgrade zahlen oder sich damit abfinden, dass es so etwas nicht geben wird.
So laut die TV-Hersteller auf der IFA für die neue Technik trommeln, so unfertig wirkt das Angebot noch. UHDTVs sind groß, teuer und können derzeit kaum Inhalte in ihrer nativen Auflösung anzeigen. In mancherlei Hinsicht erinnert die Technik an Full HD, dass zu seiner Einführung mit ähnlichen Problemen bei ähnlich hohen Preisen zu kämpfen hatte. Wer sich jetzt ein solches Gerät ins Wohnzimmer stellt, kann sich mit Recht als Early Adopter bezeichnen, mit allen Nachteilen, die es mit sich bringt, früh auf eine neue Technik zu setzen.
Mit Full HD hat die neue Technik aber auch gemein, dass sie sehr verlockend wirkt, hat man erst einmal eine Weile vor einem solchen Gerät gesessen. Schaut man danach auf einen Full-HD-TV, den man eben noch toll fand, erscheint dessen Bild plötzlich grobpixelig. Eben deshalb wird sich UHDTV durchsetzen, genau wie seinerzeit Full HD. Aber ein paar Jahre wird es noch dauern.
06.09.2013, 14:08 Uhr | Matthias Kremp, Spiegel Online
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