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Moderne Stars setzen auf Vinyl

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Das Vinyl-Wunder: Die LP ist zurück

24.04.2015, 15:30 Uhr | Uwe Kauss - wanted.de

Moderne Stars setzen auf Vinyl. Die LP ist zurück (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Die LP ist zurück (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Totgesagte leben länger. Die LP war mit dem Aufkommen digitaler Musikproduktion sowie dem Siegeszug von CD und mp3 viele Jahre mausetot. Doch inzwischen bieten fast alle großen Bands und Künstler aus Klassik, Pop und Rock wieder Singles und Alben auf Vinyl an. Kein Wunder: Vinyl vermittelt eben etwas Besonderes.

So ist die LP: Ein opulentes Artwork mit Extras anstatt Kunst auf einer nur Badezimmerkachel-großen CD. Ein Sound, der wärmer und natürlicher klingt als die kühle CD-Transparenz. Das hat die LP zurückkehren lassen. Die Verkaufszahlen steigen und steigen analog zur Nachfrage bei edlen Plattenspielern.

Schallplatte wieder gefragt

2014 kauften die Fans in Deutschland 1,8 Millionen LPs – so viele wie seit 1992 nicht mehr und 33 Prozent mehr 2013. Derzeit liegt der Marktanteil von Vinyl insgesamt bei bescheidenen 2,6 Prozent. Doch das ändert sich rasant. In den USA wurden 2014 schon über neun Millionen Alben und Singles verkauft – das sind 50 Prozent Zuwachs gegenüber 2013. Hier liegt der Anteil am US-Musikmarkt bereits bei sechs Prozent. Neben den Rockklassikern aus dem Archiv erscheinen

immer häufiger aktuelle Alben auf Vinyl. Auch Boxsets mit kompletten Discographien liegen voll im Trend, etwa von den Rolling Stones, den Beatles und Led Zeppelin.

Der Retro-Trend stellt die letzten Presswerke vor echte Herausforderungen: "Die Produktionskapazitäten reichen in Europa für dieses rasante Wachstum einfach nicht. Die Nachfrage hört nicht auf, das ist wie ein Tsunami, fast schon beängstigend", sagt Holger Neumann, Inhaber der Pallas Group im norddeutschen Diepholz im Gespräch mit wanted.de.

LP-Pressung im Akkord

"Es gibt mit uns in ganz Europa nur noch fünf Presswerke, weltweit sind es um 20", betont er. Sein Vater hatte in den Jahrzehnten zuvor große LP-Presskapazitäten mit teuren Maschinen angeschafft. "Das war alles eingemottet. Wir haben nur noch kleinste Auflagen gemacht, die Maschinen standen halt herum." Er hat sie nie verschrottet – zum Glück. Heute muss er sämtliche Ersatzteile bei Spezialbetrieben in der Nachbarschaft

einzeln neu anfertigen lassen. "Die fünf Automaten laufen ohne Pause im Drei-Schichten-Betrieb. Wir streicheln sie jeden Morgen, damit sie nicht ausfallen". Die nun erscheinenden LPs enthalten oft viele Extras, Gimmicks und Zugaben. Limitierte Editionen erscheinen in klarem oder farbigem Vinyl. Poster und Songtexte stecken neben der LP, dazu aufwendig designte Biographien und in den USA sogar T-Shirts und Konzertkarten.

Diese LP läuft von innen nach außen

Der amerikanische Sänger und Gitarrist Jack White geht mit seinem aktuellen, rauhen und blues-inspirierten Album "Lazaretto" (um 28 Euro) noch einen Schritt weiter: Käufer finden das Hologramm eines Engels auf dem Vinyl, die A-Seite glänzt, die B-Seite B ist matt. Und jetzt wird’s spannend: Der Tonarm auf der Scheibe läuft von innen nach außen statt umgekehrt, der letzte Track der Platte läuft in einer Endlosschleife immer wieder von vorne. Der erste Song auf der B-Seite beginnt mit einem akustischen Intro, und gleich auf der Rille daneben ertönen dieselben ersten Takte elektrisch. Und wer das Papierlabel in der Mitte entfernt, entdeckt je einen Hidden Track.

Doch nicht nur Rock und Pop werden gekauft: "Das geht quer durch sämtliche Genres", erzählt Neumann, "wir produzieren mittlerweile auch eigens für die LP neu eingespielte Klassikaufnahmen. Etwa 80 Prozent der Alben bei uns stammen aus dem Archiv, etwa 20 Prozent sind aktuelle Alben." Pallas gehört zu den besten Produzenten der Welt, und so hat Neumann viele Boxsets der ganz Großen neu gepresst: Etwa mehrere Sets von Led Zeppelin, oder eine LP-Edition der Rolling Stones, die tourbegleitend erschien.

Dr. Motte war beim Comeback dabei

"Das waren 18 Alben mit einer Auflage von je 10.000 Stück – danach wusste ich, wir können das noch", erinnert er sich. Dass Vinyl wiederkommt, ahnte er schon 1989: "Dr. Motte bestellte bei uns zur ersten Loveparade eine knallige LP, mit der er scratchen wollte. Ich dachte, wenn das so viele Menschen sehen, bleibt etwas hängen." Neumann behielt recht. 2015 erscheinen in Großbritannien erstmals wieder LP-Charts. Zudem sind nun sogar die offiziellen Top 40 der vergangenen zehn Jahre erschienen. Überraschend auf Platz eins: Die Artic Monkeys mit "AM" (um 19 Euro). Auf der zwei folgt "King of Limbs" von Radiohead (18 Euro) und auf drei ein großer, neu gemasterter Klassiker:

"Dark side of the moon" von Pink Floyd (um 27 Euro). Platziert sind auch Led Zeppelins neu gemasterter Klassiker "IV" - der auch in einer "Limited Super Edition Box" für 100 Euro zu haben ist -, Jack Whites "Lazaretto", "21" von Adele (um 24 Euro) und "Unplugged in New York" von Nirvana (um 20 Euro). Auch in Deutschland werden wieder die Charts der Vinyl-Alben veröffentlicht. Im ersten Quartal 2015 steht das neu gemasterte Drei-LP-Set "Physical Graffiti" von Led Zeppelin (um 40 Euro) auf Eins, auf der Zwei steht deutscher Hip Hop mit Deichkinds Doppel-LP "Niveau Weshalb Warum" (um 23 Euro) und auf Drei die Doppel-LP der neuen Pink-Floyd-Scheibe "The Endless River" (um 35 Euro).

Neuer Pop und alter Jazz auf Schallplatte

Wem das alles zu langweilig ist: Immer noch ein großes Erlebnis auf Vinyl ist das legendäre und den Jazz prägende Album "Kind of Blue" von Miles Davis aus dem Jahr 1959. Der 2014 erschienene Stereo-Remaster auf 180g-Vinyl kostet um 22 Euro. Vinyl kommt viel näher an die Qualität der Mastertapes im Studio als die CD. Doch es gibt auch kritische Stimmen: "Die Leute hören doch nur CD auf Vinyl", murrte etwa Rockstar Neil Young. Denn der Mastermix neuerer Alben im Studio, die digital produziert worden sind, taugen für ihn nicht zur LP-Produktion. Man müsste sie, so Young, analog mastern. Doch das passiert fast nie. Denn für die Plattenfirmen ist das Vinyl-Wunder vor allem kommerziell interessant: Alte Alben lassen sich nun zum vierten Mal verkaufen: Zuerst original auf LP, danach auf CD, als Stream und nun noch einmal teuer auf einer 180 Gramm schweren Scheibe. Zum 2007 erstmals organisierten "Record Store Day" erschienen kürzlich weltweit über 50 exklusiv für diesen Tag produzierte, limitierte Alben-Editionen, teils zu satten Liebhaber-Preisen. Die LP ist wieder da. Totgesagte leben eben länger. Interessante Neupressungen sehen Sie in unserer Fotoshow.

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