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Ägypten vom Internet getrennt

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Wie Ägypten aus dem Internet verschwand

28.01.2011, 17:40 Uhr | Matthias Kremp, Spiegel Online

Ägypten vom Internet getrennt. Keine Verbindung: Wer am Freitag versuchte, eine ägyptische Webseite aufzurufen, bekam nur eine Fehlermeldung zu sehen.

Keine Verbindung: Wer versucht, eine ägyptische Webseite aufzurufen, bekommt nur eine Fehlermeldung zu sehen. (Screenshot: t-online.de)

Kein Kontakt: Die Regierung Ägyptens hat alle Verbindungen zum Internet kappen lassen. Der Fall ist beispiellos, das Vorgehen raffiniert. Mit einem einfachen Eingriff wurde das Land am Nil von der Internet-Landkarte gefegt – bis auf eine Ausnahme.

Ägypten ist offline. Auf einen Schlag, so scheint es, wurde fast das ganze Land von der Außenwelt abgeklemmt. Die Abschaltung erfolgte um 23:34 deutscher Zeit, berichtet das Internet-Beratungsunternehmen Renesys.

Damit sind fast 85 Millionen Menschen vom Informationsaustausch mit dem Rest der Welt ausgeschlossen worden. Erste Kollateralschäden sind bereits zu erkennen, mindestens eine Ausnahme gibt es jedoch.

Twitter und Facebook gesperrt

Schon in den Tagen davor gab es immer wieder Berichte über Abschaltungen von Mobilnetzen, eine Blockade von Twitter und später auch Facebook. Auch E-Mails und SMS-Textnachrichten waren zeitweise und meist regional begrenzt nicht zu versenden und zu empfangen. Mittlerweile aber haben die Störungen der elektronischen Kommunikationswege in einem dramatischen Maße zugenommen. Am Freitagmorgen berichteten Zeitungen und Nachrichtenagenturen, Ägypten sei de facto vom Internet getrennt worden.

Einmaliger Vorfall

Die Herauslösung Ägyptens aus dem weltweiten Datennetz sei einmalig in der Geschichte des Internet, erklären die Experten von Renesys in ihrem Firmen-Blog. Offenbar habe die Regierung Mubarak die vier großen Internet-Anbieter, Link Egypt, Vodafone/Raya, Telecom Egypt und Etisalat Misr, vollständig von der Außenwelt abgeklemmt. Wobei der Begriff "abgeklemmt" eigentlich einen falschen Eindruck davon vermittelt, was in der Nacht zum Freitag tatsächlich geschah. Um Ägyptens Internet abzuschalten mussten demnach weder Kabel durchtrennt noch Server abgeschaltet oder Stecker gezogen werden.

Verbindungen gekappt

Stattdessen seien fast zeitgleich alle rund 3500 sogenannten BGP-Routen vom ägyptischen Internet ins Ausland getrennt worden. BGP, das Border Gateway Protocol, ist aber unerlässlich, um die Netze einzelner Provider miteinander und mit benachbarten Netzen im Ausland zu verbinden. Letztlich handelt es sich dabei um so etwas wie ein Navigationssystem für Internetdaten, das länderübergreifend arbeitet. BGP legt fest, wie die Daten von einem Netzwerk zum nächsten weitergereicht werden, bis sie ihr Ziel erreicht haben. Um dieses System zu stören, reichen Computerbefehle aus, mit denen man die Informationen zur Datenweiterleitung löscht.

DNS-Auflösung schlägt fehl

Was passierte, nachdem Ägypten auf diese Weise aus den Netzen ausgeschlossen wurde erklärt das Internet Storm Center des SANS Institute: Jeglicher Versuch, eine Internetadresse aufzurufen, die auf .eg, das Kürzel für ägyptische Webseiten, endet, schlägt fehl, endet mit einer Fehlermeldung. Die ägyptischen Domain Name Server, die sonst die in den Webbrowser eingetippten Adressen in deren computerlesbare Zahlenäquivalente übersetzen, waren aus dem Internet verschwunden. Die Methode jedenfalls ist effektiv wie keine andere. Versuche, die Blockade zu umgehen, etwa indem man seinen Datenverkehr über einen sogenannten Proxy-Server im Ausland umleitet, scheitern, weil man eben nicht einmal eine Verbindung zu diesen Proxy-Servern herstellen kann. Das Netz weiß nichts mehr von Ägypten.

Auch der Iran wollte sich abkapseln

Ähnliche Versuche, die aufbegehrende Bevölkerung vom Internet abzukoppeln, hat es schon früher gegeben. 2007 etwa durchtrennten burmesische Militärs in ihrer Verzweiflung ob aufbrausender Proteste tatsächlich Kommunikationskabel. Eine ebenso drastische wie dämliche Aktion, wie sich bald herausstellte, als die Aufständischen auf Mobiltelefone und Satellitenverbindungen umstiegen. Zwei Jahre später versuchte sich der Iran daran, seine Bevölkerung vom Internet abzukabeln.

Mobilfunknetze abgeschaltet

So vollständig wie jetzt in Ägypten ist es aber noch keinem Regime gelungen, ein- und ausgehende Verbindungen zu unterbinden. Dass dieser Schritt so reibungslos gelungen ist, dürfte zwei Gründe haben. Zum einen macht es die ägyptische Geografie leicht, das Land vom Netz zu trennen. Im Norden gibt es mit Kairo eine alles dominierende Großstadt, der Rest der Infrastruktur schlängelt sich am Niltal entlang. Zum anderen fügen sich die ägyptischen Provider offenbar sehr bereitwillig den Regierungsbefehlen, schalten Netze und Verbindungen ab, wenn das gewünscht wird. Einem Zeitungsbericht zufolge sollen die Unternehmen sich in der Nacht sogar zu einer Art vorauseilendem Gehorsam verpflichtet haben, die Mobilfunknetze abzuschalten, sobald die Proteste am Freitag hochkochen.

Amateurfunker sollen helfen

Die Aktivistengruppe Anonymous jedenfalls muss ihre Drohung, die Webseiten des Regierungsapparats zu blockieren, jetzt nicht mehr umsetzen. Schließlich hat die ägyptische Regierung sich durch die Netzabschaltung quasi selbst aus der Web-Welt amputiert. Die Aktivistengruppe Telecomix ruft unterdessen Amateurfunker zur Mithilfe auf. Mit Funkgeräten, Kurzwellenradiosendern und Piratenradios will die Gruppe, die sich für das Recht auf freie Meinungsäußerung und ein freies Internet einsetzt, versuchen, die Blockaden der Regierung zu umgehen und wieder Kommunikationsmöglichkeiten herzustellen.

Kolaterallschäden im Internet

Von der Abschaltung sind aber mitnichten nur ägyptische Webseiten betroffen. Auch das Online-Angebot des Welthandballverbandes IHF ist seit der nächtlichen Aktion nicht mehr zu erreichen. Die simple Erklärung: Obwohl der Verband seinen Sitz im schweizerischen Basel hat, lässt er seine Internet-Präsenz über einen Server in Ägypten laufen. Eine Entscheidung, die man möglicherweise auf die Nationalität von IHF-Präsident Hassan Mustafa - er ist Ägypter - zurückzuführen kann. Damit gibt es via Internet vorerst keine direkten Informationen mehr vom IHF zur Handball-WM. Betroffen sind Livestreams, Liveticker, Statistiken, Mitteilungen und Archive. Die IHF versucht jetzt, die Informationen über die Internetseite des Veranstalters zu verbreiten.

Mubarak setzt Prioritäten

Doch während die Welt es wohl noch verschmerzen kann, nicht mehr minütlich aktuelle über die Ergebnisse der Handball-Paarungen informiert zu werden, scheint der Führung in Ägypten ein anderes Thema doch sehr am Herzen zu liegen. Denn ein einziger Internet-Provider ist von den Sperrmaßnahmen der ägyptischen Regierung offenkundig ausgenommen worden: Noor Data Networks. Die Dienste dieses Anbieters, dessen Name im Ägyptischen das Wort für "Licht" ist, sind auch am Freitag noch zu 100 Prozent von der ganzen Welt aus erreichbar. Eine Lücke im Absperrgitter? Ein dummer Zufall? Ein Missgeschick? Wohl kaum. Noor Data Networks ist der Provider, über den die ägyptische Börse mit dem Internet verbunden ist. Mubaraks Mannen haben Prioritäten gesetzt.

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