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Karten im Internet: Chinas Pixelbaumeister fordern Google Earth heraus

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Chinas Pixelbaumeister erschaffen Superstädte

07.03.2011, 12:57 Uhr | Spiegel online, Spiegel Online

Im chinesischen Internet grassiert der virtuelle Bauboom: Mehrere Web-Dienste bauen die Millionenstädte der Volksrepublik in Computerspiel-Grafik nach. Die Online-Metropolen erinnern an Sim-City-Simulationen – und scheinen für die Anbieter ein lukratives Geschäft zu sein.

Irgendwie kommt einem diese Grafik bekannt vor. Es muss Mitte der neunziger Jahre gewesen sein, in der Ära von "Sim City 2000". Damals hockte man nächtens vor dem Rechner und betrachtete Städte aus einer schrägen Draufsicht, Straßen wurden mit wenigen Mausklicks durch unbebautes Land gezogen, Baugrundstücke für Wohnungen und Industrie ausgewiesen. Auf dem Bildschirm wuchs eine virtuelle Metropole heran.

Jetzt erlebt die eigentümliche Sim-City-Optik ein Comeback auf der Landkartenseite des chinesischen Anbieters Dushiquan. Zu sehen ist zum Beispiel die Südseite des Tiananmen-Platzes in Peking, Pixel für Pixel von chinesischen Grafikern auf Basis von Satellitenfotos und Landkarten nachgebaut.

Peking ohne Autos, ohne Menschen

Das Pixelmodell der Innenstadt Pekings ist so detailliert, dass man sich bis an die Büsche des kleinen Grünstreifens neben dem Eingang zur blauen U-Bahn-Linie 2 am Südende des Tiananmen-Platzes heranzoomen kann. Die Sim-City-Version dieses Orts hat etwas Verstörendes: Es gibt keine Menschen, keine Autos, alles ist klinisch rein und sieht sehr, sehr niedlich aus. Und obwohl Passanten, Bettler, Touristen, Lärm und Trubel fehlen, erkennt man in dieser Variante das Vorbild eindeutig wieder.

Die Landkarten im Sim-City-Stil sind eine chinesische Spezialität: Seit gut fünf Jahren bezahlen mehrere Web-Unternehmen Hunderte von Grafikern für die Digitalisierung der Innenstädte. Die Modelle bieten kein echtes 3-D-Erlebnis, man kann nur aus einer vorgegebenen Perspektive auf die Stadtmodelle blicken, sich näher heranzoomen, aber nie auf die Rückseite der Gebäude blicken.

124 Metropolen im Sim-City-Look

Der Anbieter Dushiquan zeigt derzeit Sim-City-Karten von 38 Städten im Internet. Begonnen hat die Firma im September 2006 mit Guangzhou, einer Millionenstadt im Süden Chinas. Nach Angaben der Firma hatte das Guangzhou-Modell am dritten Tag schon rund drei Millionen Seitenaufrufe. Seitdem expandiert Dushiquan mit dem Projekt.

Nicht ganz so detailreich sind die Modelle von Edushi.com. Der Betreiber dieses Angebots, das Unternehmen Aladdin Information & Technology aus Hangzhou, hat seit Ende 2004 124 chinesische Metropolen digitalisiert und vertreibt die Vermarktungsrechte für virtuelle Werbung. Nach eigenen Angaben hat Aladdin 400 Mitarbeiter für die Grafik. Die Firma arbeitete laut dem Risikokapitalgeber BVCapital schon seit 2006 profitabel. Und es drängen immer neue, lokale Kartenbauer auf den Markt, zum Beispiel das Stadtportal chachaba.com aus Shenzhen.

Sim-City-Stil als 3D-Ersatz

Die Sim-City-Karten sind bei chinesischen Surfern so beliebt, dass Baidu, die größte Suchmaschine des Landes, seit einigen Monaten die Digitalstädte der Dushiquan-Grafiker in seinen Landkartendienst integriert hat. Für die 3-D-Ansicht muss man auf das zweite Logo von links in der oberen rechen Ecke des Kartenausschnitts klicken.

Baidu-Sprecher Kaiser Kuo berichtet, dass heute schon bei Baidus Landkarten-Angeboten etwa sieben Prozent der Nutzer zur Sim-Version wechseln, wenn eine verfügbar ist. Kuo schränkt ein: "Es ist zu früh, um zu beurteilen, wie populär das Angebot bei uns im Vergleich zu den klassischen 2-D-Landkarten werden kann."

Billige Grafiker, riesige Städte, viele Internetnutzer

Wie profitabel die chinesischen Stadtmodellierer arbeiten, ist schwierig zu beurteilen. Keiner der Anbieter hat Anfragen zu den Geschäftszahlen beantwortet. Die Firmen machen mit ihren Modellen auf mehreren Wegen Geld: Sie verkaufen Werbeflächen in den Online-Karten, drucken Stadtpläne im Sim-City-Look, lizenzieren die Modelle für Stadtinformationsdienste und werben mit den kostenlosen Websites für ihre Auftragsarbeiten. Das Geschäft scheint gut zu laufen: Dushiquan ist im Oktober wegen der vielen neuen Mitarbeiter in ein größeres Büro gezogen und sucht immer noch neue Programmierer, Grafiker und Vermarkter.

Die Idee, ganze Innenstädte in Computerspiel-Grafik nachbauen zu lassen, kann wohl nur in China funktionieren. Baidu-Sprecher Kuo rechnet es vor: "Es gibt hier sehr viele Grafiker, die für vergleichweise wenig Geld arbeiten. Und es gibt sehr, sehr viele Metropolenregionen, mehr als 160 Städte mit mehr als einer Million Einwohnern und viele der Menschen sind online. Deshalb ist dieser Ansatz in China umsetzbar."

1000 Milliarden Dollar für neue Bauvorhaben

Die Sim-City-Anmutung spiegelt dabei die reale Entwicklung der chinesischen Städte wieder: Wer nach ein paar Jahren nach Peking kommt, erkennt manche einstmals vertraute Ecke kaum wieder – neue Häuser, neue U-Bahnen, neue Straßen sind entstanden. Die Städte wachsen wie ehemals die Sim Citys auf den Bildschirmen: Hier kommt eine Autobahn hin, hier ein Wolkenkratzer. Und wenn es nicht passt, wird das Gebäude eben wieder abgerissen. 2010 haben Investoren in China gut 1000 Milliarden Dollar für neue Bauvorhaben ausgegeben.

Auch auf vielen Bildschirmausschnitten in Dushiquans Stadtmodellen ist ein Kran zu sehen. Die Grafiker werden bald nacharbeiten müssen, um nicht von der Welt da draußen überholt zu werden.

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