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E-Mails: Löschen ist ein Menschenrecht

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Kommunikationspause: Löschen ist ein Menschenrecht

10.07.2013, 09:55 Uhr | Christian Stöcker, Spiegel Online

E-Mails: Löschen ist ein Menschenrecht. E-Mail-Taste (Quelle: imago/blickwinkel)

Dürfen E-Mails am Arbeitsplatz einfach gelöscht werden? (Quelle: blickwinkel/imago)

Ein Berliner Lokalpolitiker will nach seinem Urlaub einen klaren Schnitt machen: In der Ferienzeit aufgelaufene E-Mails würden ausnahmslos gelöscht, heißt es in seiner automatischen Abwesenheitsmitteilung. Nun wird über den "dreisten Stadtrat" geschimpft. Zu Recht?

Stadtrat Stephan Richter (SPD), Bezirk Berlin Marzahn-Hellersdorf, ist im Urlaub. Wenn er zurückkommt, wartet Ärger auf ihn. Sein Chef ist verstimmt, die Bild-Zeitung beschimpft ihn als "dreist" und bezichtigt ihn der Faulheit. Alles nur, weil Richter nach dem Ende seiner Ferien sofort wieder arbeiten will – nicht erst einmal tagelang E-Mails löschen.

Die erste E-Mail, die einen Deutschen erreichte, hatte folgenden Text: "This is your official welcome to Csnet! We are glad to have you aboard." Das war am 2. August 1984. Seitdem – so sehen das viele, die beruflich mit E-Mails zu tun haben (also praktisch jeder) – ging es stetig bergab. Unter Menschen, die viel vor dem Rechner sitzen müssen, herrscht in zwei Punkten weitgehender Konsens:

  1. E-Mail ist kaputt, unrettbar verloren, unbrauchbar, nicht für Menschen gemacht.
  2. Ohne E-Mail geht es nicht.

Die Dissonanz zwischen diesen beiden Wahrheiten verursacht Missvergnügen, bisweilen geradezu körperliches Unbehagen. Besonders ausgeprägt ist dieses Unbehagen in Situationen, in denen Punkt eins am deutlichsten zutage tritt, etwa nach dem Urlaub. Man kommt erholt zurück, öffnet noch gut gelaunt, aber in düsterer Vorahnung die E-Mail-Anwendung im Büro – und dann dräut da eine Zahl in schwarzer Fettschrift. Je nach Job und Position steht man nicht selten vor einer vier- oder gar fünfstelligen Zahl von Nachrichten. Das allein sollte als Beleg dafür reichen, dass E-Mails eben nicht das Gleiche sind wie Briefe. Selbst die gefragtesten Büroarbeiter müssen bei der Rückkehr aus dem Urlaub nicht mit Tausenden von Briefen rechnen.

Acht Monate lang E-Mails löschen

Den Umgang mit den Bergen ungelesener E-Mails, die einen modernen Büroarbeiter nach einem zwei- oder dreiwöchigen Urlaub erwarten, ist eines der großen ungelösten Probleme der Gegenwart. Wer ernsthaft darangeht, jede auch nur halbwegs interessant aussehende E-Mail zu öffnen und zu lesen, verbringt damit bei 1500 E-Mails und einer Bearbeitungsdauer von, sind wir mal großzügig, durchschnittlich 30 Sekunden pro E-Mail etwa 12,5 Stunden. Das sind mehr als 1,5 Arbeitstage. Der Großteil dieser Zeit wird zwangsläufig in sehr unproduktive Tätigkeiten investiert, nämlich

  1. das Löschen von Spam aller Art,
  2. das Lesen und Löschen von E-Mails, die sich längst erledigt haben,
  3. das Lesen und Löschen von E-Mails, die einen nur erreicht haben, weil der Absender wieder einmal allzu liberal mit dem cc-Feld umgegangen ist.

Angeblich verbringt man in 75 Lebensjahren im Schnitt zwölf Stunden mit Orgasmen – und acht Monate mit dem Löschen unerwünschter E-Mails.

Längst begegnen Unternehmen diesem Problem mit teils radikalen Maßnahmen, was immer zu erregten Debatten führt. Bei Volkswagen etwa wurde im Dezember 2011, direkt vor Weihnachten, publikumswirksam verkündet, dass nach Feierabend künftig keine E-Mails mehr auf die Blackberrys der Angestellten weitergeleitet werden. Durchgesetzt hat das der Betriebsrat. Hier geht es gewissermaßen um das technische Verhindern heimlicher Überstunden. Einen anderen Weg geht Ferrari: Dort können die Mitarbeiter künftig an maximal drei Empfänger dieselbe E-Mail schicken.

Daimler ist noch radikaler

Noch radikaler geht man bei Daimler zu Werke: Wieder direkt vor Weihnachten, diesmal 2012, verkündete der Konzern, jeder Angestellte bis hinauf zum Management könne künftig festlegen, dass alle E-Mails, die in seiner Urlaubszeit auflaufen, gelöscht werden. Das habe den Zweck, dass die "Belegschaft in Ruhephasen noch besser 'abschalten' kann", erklärte Personalvorstand Wilfried Porth damals. Doch die Entscheidung dürfte nicht zuletzt mit Produktivitätserwägungen zu tun haben: Die Punkte eins, zwei und drei sind Arbeitszeitverschwendung. Warum diese Kosten nicht lieber zu jenen verlagern, die die E-Mails abschicken?

"Dreister Stadtrat lässt alle E-Mails ungelesen löschen"

Hier kommt nun der Berliner Stadtrat Stephan Richter ins Spiel. In der automatisierten Abwesenheitsmitteilung, die er für die Dauer seiner Ferien eingerichtet hat, heißt es der Berliner Ausgabe der "Bild"-Zeitung zufolge: "Ihre E-Mail wird ungelesen gelöscht." Richter bittet anschließend höflich, dann noch relevante E-Mails ab dem Tag seiner Rückkehr erneut zu schicken. Das ist natürlich mit einem Risiko verbunden: Womöglich geht einem doch eine E-Mail durch die Lappen, weil der Absender sie eben nicht ein zweites Mal schickt – etwa, weil die Nachricht an einen größeren Verteiler verschickt wurde, auf dem eben auch Richter steht.

Die Bild-Zeitung aber überschreibt diese Nachricht mit der Zeile "Weil der nach dem Urlaub seine Ruhe haben will: Dreister Stadtrat lässt alle E-Mails ungelesen löschen". Inzwischen sei immerhin die Abwesenheitsnachricht geändert worden: Es werde nun "auf einen Stellvertreter verwiesen und die Telefonnummer einer Referentin genannt".

"Neukölln ist überall"

Die Zeitung ließ Richter vom Neuköllner Bürgermeister Heinz Buschkowsky verdammen. Letzterer wurde mit einem Buch mit der eindeutig unhaltbaren Behauptung "Neukölln ist überall" bekannt und scheint nicht sehr oft mit E-Mail zu tun zu haben. Jedenfalls, wenn ihn Bild-Zeitung korrekt zitiert: "Eine E-Mail ungelesen zu löschen, ist wie einen Brief ungeöffnet in den Papierkorb zu werfen", soll Buschkowsky gesagt haben.

Gegenthese: Wer noch nie eine E-Mail ungelesen gelöscht hat, der hat vermutlich andere Leute, die das für ihn übernehmen. Und wer bittet, ihm dann noch relevante E-Mails bitte nach seinem Urlaub zu schicken, tut das vermutlich nicht, weil er nach dem Urlaub seine Ruhe haben will. Sondern weil er arbeiten möchte.

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