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Frühgeburt: Reportage aus der Frühchenstation

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Frühgeburt  

Frühchen-Station: Eine Handvoll Leben

12.10.2009, 12:36 Uhr | dpa

"In der Klinik haben wir die Kinder auf Zeit adoptiert. Und wir gehen mit den Eltern ein Arbeitsbündnis ein", sagt der Kinderarzt Professor Christoph Bührer. Der hochgewachsene Mann mit den großen, feingliedrigen Händen nickt lächelnd und mit Nachdruck. Er ist davon überzeugt, dass die Eltern eine immens wichtige Rolle für die gute Entwicklung der Kinder spielen und so viel wie möglich eingebunden werden müssen. Unter diesem Motto leitet er seit fast einem Jahr die Neugeborenen-Medizin der Charité. Lästiger Papierkram stapelt sich in dieser Position auf seinem Schreibtisch, aber das alles kann Bührers Begeisterung für seine Arbeit nicht dämpfen. "Ich bin immer noch jedes Mal fasziniert, wenn ich so ein kleines Wesen in der Hand halte. Das war schon im Studium so", sagt er.

Überlebenschancen der Frühchen verbessert

Seit dieser Zeit haben sich die Überlebenschancen für Frühchen deutlich verbessert. Den großen Durchbruch gab es schon vor 20 Jahren. "Durch den Einsatz von Wehenhemmern können die Schwangeren nun in der Regel rechtzeitig in ein Perinatalzentrum gebracht werden, wo es sowohl Geburtshilfe als auch eine Kinderklinik gibt", sagt Bührer. Der große Vorteil: Die winzigen Patienten brauchen nach ihrer Geburt nicht mehr transportiert zu werden, was häufig zu den gefürchteten Hirnblutungen führt. "Seither überleben die Kinder nicht nur, sie überleben auch viel öfter gut, denn in den ersten fünf bis sieben Tagen sind sie so empfindlich wie ein rohes Ei". "Minimal handling" lautet in dieser Phase die Devise. "Man braucht extrem viel Erfahrung und viel geschultes Personal, um ein Kind in dieser Situation nicht zu krank zu machen."

Therapie schon vor Geburt

Für viele Frühchen hat die Therapie sogar schon vor ihrer Geburt begonnen ­ durch ein Medikament, das die sonst erst in der 33. Woche erfolgende Lungenreife beschleunigt. Dieses Medikament zusammen mit einem zweiten, das im Brutkasten verabreicht wird und die Lungenbläschen geschmeidig hält, sind weitere Meilensteine der Frühgeborenen-Medizin. Und auch für die Atmung, die bei vielen Kindern zunächst noch nicht stabil ist, gibt es mittlerweile ein probates Hilfsmittel: Die Kleinen werden durch Koffein angeregt. "Aber anders als wir Großen, schlafen sie trotzdem gut", sagt Bührer.

Optimaler Schutzraum nötig

Fakt ist: Nur selten ist ein Frühchen von Geburt an wirklich krank, aber es braucht einen optimalen, minutiös überwachten Schutzraum, in dem es sich ungefährdet entwickeln kann. "Die Infektionsgefahr ist hoch. Aber wir wissen heute, dass es durchaus Sinn macht, die Kleinen frühzeitig an gewisse Bakterien zu gewöhnen", sagt Bührer. So werden die Frühchen etwa schrittweise mit harmlosen Milchzucker-Bakterien konfrontiert. Und auch, wenn sie auf der Brust der Mutter "känguruhen", bekommen sie mütterliche, vertraute Keime ab, die ganz sachte das Immunsystem der Kleinen trainieren. Schritt für Schritt kommen sie so in der Welt draußen an.

Zahl der Frühgeburten

Dennoch ist die Zahl der Frühgeborenen in den vergangenen Jahren nicht gesunken. "Das kommt auch durch die wachsende Zahl an Risiko- und Mehrlingsschwangerschaften", sagt Bührer. Immer mehr Frauen entscheiden sich spät für ein Kind, aber eine Schwangerschaft in höherem Alter birgt auch ein höheres Gesundheitsrisiko. Und: Mehr Fruchtbarkeitsbehandlungen führen auch zu mehr Mehrlingsschwangerschaften. Aufsteigende Infektionen, vorzeitiger Blasensprung oder eine Erkrankung der Mutter, wie etwa Schwangerschaftsvergiftung, sind weitere Gründe, warum Babys viel zu früh zur Welt kommen.

Überlebensgrenze weiter gerückt

Mittlerweile ist ihre Überlebensgrenze bis an eine Schwangerschaftsdauer von 23 Wochen nach vorne gerückt ­ und die Ärzte tun in Absprache mit den Eltern alles medizinisch Mögliche, um das zarte Leben zu retten. "Es gibt aber auch Fälle, wo die Eltern das kaum lebensfähige Kind in Ruhe sterben lassen wollen", berichtet der Arzt. Dann werde auf Beatmung verzichtet und das Kind seiner Mutter nach der Entbindung auf den Bauch gelegt. Die schwierige Aufgabe des Arztes ist es, diese Frage im Gespräch zu stellen und die Eltern dann in ihrer Entscheidung zu begleiten.

Das Ringen um die beste Versorgung

Etwa ein Drittel der extremen Frühchen zeigen im späteren Leben Entwicklungsstörungen, haben körperliche oder geistige Behinderungen. Doch allen Statistiken zum Trotz, ist die Prognose im einzelnen Fall schwierig und ungewiss. Selbst Babys, die mit einer Schwangerschaftsdauer von 24 Wochen geboren werden, können eine erstaunliche Entwicklung hinlegen. Umgekehrt ist auch eine Geburt nach 28 Wochen keine Garantie für spätere Gesundheit. Sicher ist nur, dass es viel Erfahrung und Routine braucht, um die Kinder so zu betreuen, dass sie sich gesundheitlich optimal entwickeln können. Wie viel Erfahrung dazu jedoch konkret ausreicht, darüber ist nun schon seit Jahren ein Streit zwischen Ärzten, Kassen und Eltern einerseits, und den Krankenhausgesellschaften andererseits, entbrannt. "Mindestmengenregelung" heißt der trockene bürokratische Begriff für die Zahl der kleinen und kleinsten Frühchen mit weniger als 1500 beziehungsweise 1250 Gramm Geburtsgewicht, die in einer Klinik pro Jahr mindestens versorgt werden müssen, damit diese Routine in ausreichendem Maße vorhanden ist.

Kliniken und "Mindestmengen"

Seit April 2009 gilt nach langem Ringen im Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA) nun die Mindestmenge von 14 Mini-Frühchen pro Jahr. "Wir brauchen aber mindestens 50", sagt Bührer. Darauf weist auch eine große AOK-Studie hin, die 12.000 Frühchen-Daten berücksichtigte. Und Hans-Jürgen Wirthl, Patientenbeauftragter im GBA und selbst Frühchen-Vater, rechnet vor: "Der durchschnittliche diensthabende Arzt im Schichtdienstsystem ist in der Regel nur zweimal pro Jahr bei der Akutversorgung eines solchen Kindes dabei. Einige werden vielleicht vier dieser Kinder sehen, andere dafür gar keins. Reicht das als notwendige Übung aus?" Für Rheuma, Herzfehler oder Krebs bei Kindern gebe es ebenfalls hochspezialisierte Kliniken. Warum dann gerade für die Allerkleinsten keine Kompetenzbündelung in wenigen Perinatalzentren?, fragt sich Wirthl.


>> Versorgung der Frühgeborenen: Kosten und Kompetenzen

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