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Frühgeburt: Reportage aus der Frühchenstation. Kosten und Kompetenzen

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Frühgeburten  

Frühchen-Station: Eine Handvoll Leben

12.10.2009, 12:36 Uhr | dpa

Die Antwort liegt für ihn auf der Hand: "Neben dem Renommee für die Klinik und den Chefarzt persönlich geht es auch ums Geld." Die Kliniken gäben die meist planbaren Frühgeburten ungern ab, weil sie jeweils einige 10.000 bis 150.000 Euro brächten. Sie hätten zwar viel investiert und auch hohe Kosten. Einige würden inzwischen aber offen einräumen, auf die Einnahmen zur Querfinanzierung von weniger erlösträchtigen Abteilungen angewiesen zu sein. Derzeit gibt es über 300 Kliniken in Deutschland, die Frühgeborene versorgen. Legte man die "Mindestmenge" von 50 bis 60 kleiner Frühchen an, würde sich die Klinikzahl auf 80 reduzieren. "Das ist immer noch sehr viel", sagt Wirthl. Umgekehrt argumentieren die Krankenhäuser mit wohnortnaher Versorgung und der Befürchtung, dass durch die Konzentration auf wenige Zentren womöglich sogar erst recht Risikogeburten künstlich produziert würden.

Kompetenz in hochspezialisierten Zentren

"Aber es geht hier ja gar nicht um die normalen Frühchen, sondern um die ganz, ganz kleinen, für die die beste Behandlung überlebenswichtig ist", hält Patientenvertreter Wirthl dagegen und seufzt tief. Wenn Eltern wüssten, dass ihr Kind in einem Zentrum bessere Chancen haben könnte, nähmen sie gerne auch etwas weitere Wege in Kauf, zumal nach der Akutphase in vielen Fällen eine wohnortnahe Weiterbehandlung möglich sei. Erschüttert ist er von der letzten Sitzung des Ausschusses. "Die hatte die Qualität einer Tarifverhandlung. Da ging es gar nicht mehr um die Kinder." Der Streit dauert an.

Die Helfer

Wie dringend Kinder und auch Eltern jedoch volle Unterstützung brauchen, davon wissen die ein Lied zu singen, die jeden Tag erleben, wie viel Druck und Sorge auf den Eltern und der vielleicht bereits bestehenden Familie lasten. "Am Bett der Kinder reißen sich alle unheimlich zusammen. Da wollen sie funktionieren und uneingeschränkt für ihr Kind da sein", sagt Silke Germer. Sie ist eine von drei hauptamtlichen Beraterinnen, die am Berliner Virchow-Klinikum der Charité die Eltern von Kindern mit weniger als 1500 Gramm Geburtsgewicht oder anderen gesundheitlichen Problemen psychologisch und sozial unterstützen. Die Kinderkrankenschwester bittet zum Gespräch in einen kleinen, gemütlichen Beratungsraum. Warmes Orange-Gelb an den Wänden, duftender Tee, auf dem Tischchen Kekse und eine Schachtel Kleenex-Tücher. "Hier ist der Raum, wo sich Mütter und Väter endlich einmal fallen lassen können und wo Tränen fließen."

Viel zu bewältigen

Oft gibt es soviel zu bewältigen, dass die Eltern gar nicht wissen, wo sie anfangen sollen. "Deshalb helfen wir ihnen auch ganz konkret dabei, Hilfe für die Zeit nach der Entlassung zu organisieren und bleiben auch dann in Kontakt", berichtet Germer. Dieses professionelle Unter-die-Arme-Greifen, die Gesprächsangebote, gekoppelt mit intensiver medizinischer Nachbetreuung der Kinder auch nach der Entlassung, gibt es bislang nur an wenigen großen Kliniken in Deutschland. "Am wichtigsten ist, dass die Eltern das Kind in ihre Familie aufnehmen ­ und zwar egal, wie es weitergeht", beschreibt die Beraterin den Kern ihrer Aufgabe. Die Elternberatung funktioniert nach einem strukturierten Betreuungskonzept für Eltern in einer außergewöhnlichen Krisensituation. Dabei versuchen die Beraterinnen, die gesamte Familie vom Aufnahmetag an im Blick zu haben, um interdisziplinär den sicheren Übergang in die häusliche Umgebung zu gewährleisten. Frei nach dem Motto: Die Entlassung beginnt mit der Aufnahme, die Verantwortung endet nicht mit der Entlassung.

Tod nicht verdrängen

Ihre Kollegin verabschiedet sich vorzeitig aus der Gesprächsrunde. Es sei leider etwas Nicht-Planbares dazwischen gekommen. Als sie die Tür hinter sich geschlossen hat, erzählt Germer, dass in der Nacht ein Kind gestorben ist. Ihre Kollegin holt es nun aus der Pathologie, um es den Eltern in den Abschiedsraum zu bringen. Dort können sie es ein letztes Mal im Arm halten, baden, anziehen. "Wenn die Eltern es brauchen, bieten wir ihnen diese Möglichkeit auch drei- oder viermal. Es ist wichtig, den Tod nicht wegzudrängen und sich bewusst zu verabschieden." Einmal im Jahr gibt es an der Klinik deshalb nicht nur ein Kinderfest für alle herangewachsenen Frühchen, sondern auch eine Gedenkfeier für all die Babys, die im vergangenen Jahr gestorben sind. "Die Eltern sind dankbar dafür, denn oft sind wir ja die einzigen, die das Kind außer ihnen überhaupt kannten." Hier finden sie auch andere Eltern, die damit klar kommen müssen, dass ihre Umgebung nicht immer Verständnis für die Trauer um das Kind hat, dessen Leben endete, bevor es richtig begann. Dann klopft es an der Tür. Eine Mutter steht davor und erzählt, dass sie ihr Kind bald nach Hause holen darf. Endlich. Die Mutter ist froh über ein kleines Stück ganz normalen Baby-Alltags.

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