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Evolution: Wie lässt sich Verhalten von Kindern erklären?

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Evolution  

Ein Quäntchen Steinzeit steckt in jedem von uns

06.05.2010, 08:23 Uhr | Simone Blaß, t-online.de

Evolution: Wie lässt sich Verhalten von Kindern erklären? . Wütendes Kind will seinen Spinat nicht.

Warum hassen Kinder Spinat? (Bild: Imago)

Es kann einen wahnsinnig machen, wenn ein Kleinkind partout kein Gemüse zu sich nehmen will und trotzend versucht, seinen Kopf durchzusetzen. Und auch die Tatsache, dass ein Baby lautstark kundtut, dass es bei Mama und nicht im eigenen Bett einschlafen möchte, raubt so manchen Eltern den einen oder anderen Nerv. Doch die Evolution interessiert es nicht, ob das Kinderzimmer videoüberwacht oder Spinat gesund ist - sie hat ganz anderes im Sinn. Der Kinderarzt Herbert Renz-Polster versucht in seinem Buch "Kinder verstehen" zu erklären, warum er sich für den Untertitel "Born to be wild" entschieden hat.

Evolutionäre Altlasten

"Ein aufwändiges Merkmal oder Verhalten hat nach Ansicht der Evolutionsbiologie nun einmal (…) einen dem Überleben zuträglichen Grund. Und deshalb gilt die erste Frage der Evolutionsbiologie nicht den Nachteilen, sondern den Vorteilen, die ein bestimmtes Verhalten dem Kind bringt." Herbert-Renz Polster ist sich also sicher, dass es einen Grund haben muss, dass sich Kinder manchmal in unseren Augen völlig unsinnig verhalten. Und er geht der Sache akribisch nach. Mit zahlreichen Belegen aus der Wissenschaft und Vergleichen zwischen den Kulturen versucht er zu beweisen, dass unsere Kinder einfach "naturverbundener" sind als wir selbst und da die Evolution im Vergleich zu einem Menschenleben nur langsam vor sich geht, kämpfen wir heute teilweise noch mit Verhaltensweisen, die in ganz anderen, ursprünglicheren Lebenssituationen deutlich mehr Sinn gemacht haben.

Nur Supermärkte sind tollkirschenfrei

Wurde aus einem Baby ein Kleinkind, dann wechselte es in einem Großteil der menschlichen Geschichte von einem sicheren, von der Mutter überwachten Nahrungsumfeld in eine Welt voller Gefahren, in denen das Verzehren einer giftigen Pflanze den Tod bedeuten konnte. Das hat auch heute noch Folgen: "Alles, was unbekannt ist, wird hartnäckig gemieden - insbesondere, wenn es dazu noch grün ist oder bitter schmeckt. Erst, wenn die kindlichen Organe reifer sind und wenn die Nahrungsauswahl durch soziales Lernen 'abgesichert' ist, kann sich der Geschmacks- und Wahlhorizont wieder öffnen." Anstatt sich dauernd damit verrückt zu machen, was das Kind für eine gesunde Entwicklung braucht, könnte man, so der Autor, auch einmal darüber nachdenken, was so ein Kind alles nicht braucht. "Vielleicht können wir den Blick in andere Kulturen auch nutzen, um ein bisschen Skepsis gegenüber den 'Experten' zusammenzuraffen, wenn sie wieder einmal über die 'optimale' Stilldauer, die 'optimale' Beikost, die 'optimale' Schlafmethode und die 'optimale' Förderung reden. Wenn es wirklich nur einen Weg gäbe, um glückliche Kinder zu haben, wäre es verwunderlich, dass es an allen Ecken des Globus so viele glückliche Kinder gibt."

Beikosteinführung entspannt angehen

Sind Früh-Karotten wirklich ein Muss? "Evolutionär ist diese Frage nicht schwer zu beantworten - wenn etwas beigefüttert wurde, so bestand die Wahl nicht zwischen Stracciatella-Nachtisch oder Artikschockenpüree, die Wahl fiel vielmehr mitten in den mütterlichen Speiseplan." Also genau auf das, was das Kind bereits durch Schwangerschaft und die Zeit des vollen Stillens kannte. Einen Fahrplan gibt es nicht. Entscheidend ist hier, laut Renz-Polster, dass die Beikosteinführung nicht gleichzusetzen ist mit dem Abstillen. Denn durch das parallele Stillen falle es dem Körper des Babys leichter, mit den neu eingeführten Lebensmitteln klarzukommen.

Die Kosten-Nutzen-Rechnung

Ein weiteres von Renz-Polster gewähltes Beispiel bezieht sich auf das sich hartnäckig haltende Argument, man dürfe ein Baby nicht verwöhnen. Schreien aber, so der Autor, verbraucht lebensnotwendige Energie und wird daher vom Säugling nur dann eingesetzt, wenn es nach Notfall aussieht. Gerade im ersten Jahr, in dem das Baby immerhin ein Drittel seiner mit Nahrung zugeführten Energie ins Wachsen steckt, wäre es unsinnig, Kalorien mit unnötigem Geschrei zu verbrauchen. "Dazu kommt, dass gerade die kleinen Kinder im ersten Lebensjahr das Wein-Signal ziemlich aufwendig nach dem Sirenenprinzip abgeben. Weil sie nicht wissen können, wie weit weg ihre Mutter ist, gehen sie jedes Mal aufs Ganze - auch das erhöht die Kosten. Ein Säugling wäre (...) also schlecht beraten, 'grundlos' zu schreien. Es wäre die Nachteile einfach nicht wert." Doch der vierfache Vater betont in diesem Zusammenhang auch, dass das Kind in der Regel erst einmal eine ganze Palette an Signalen von sich gibt, bevor es wirklich anfängt zu schreien. Und je näher man es bei sich habe und je mehr Erfahrung man mitbringe, desto eher könne man darauf reagieren.

Die Sache mit den Raubtieren

Bereits Babys haben eine natürlich eingebaute Alarmanlage für den Fall, dass man sie alleine irgendwo liegen lässt. Sie wissen schließlich nicht, dass heutzutage Kinder normalerweise nicht mehr von Raubtieren gefressen werden. Die getroffenen Sicherheitsvorkehrungen wie das Babyfone sind für einen Säugling nicht fühlbar. "Die einzigen Sicherheitssignale, die sie verstehen können, sind 'Nähesignale' vertrauter Erwachsener." Doch auch die Eltern müssen mit der Schlaflösung leben können. "Was 'richtig' ist, hängt also auch hier mit den Kosten zusammen und ob die Eltern sie tragen können oder nicht. Es hilft ja nicht, den idealen Weg für das Kind zu finden, wenn dabei die Beziehung zerbricht oder den Eltern sonstwie die Puste ausgeht." Und schließlich war auch in der Steinzeit das gemeinsame Schlafen nicht immer eine win-win-Situation. Denn spätestens, wenn ein Geschwisterchen auf dem Weg war, waren auch hier Konflikte vorprogrammiert. Damit erklärt sich übrigens auch, so der Autor, dass ein Kind im Alter von etwa drei, vier Jahren Monster unter seinem Bett vermutet. Schließlich musste es ab sofort jederzeit damit rechnen, dass sich ein gefährliches Wildtier seiner Schlafstatt nähert.

Der Erziehungsratgeberfalle entgehen

Kinder werden in allen Völkern anders behandelt. Was für die einen "normal" ist, käme für andere nie in Frage. Dieser Trend zeichnet sich sogar bereits innerhalb der einzelnen Gesellschaften ab. Aber es macht auch keinen Sinn, so Herbert Renz-Polster, seine Kinder so zu behandeln, wie sie in der Steinzeit behandelt wurden. Schließlich lebt die menschliche Rasse davon, sich in so gut wie jeder Umgebung anpasse zu können. "Aus der Evolution sind weder Methoden abzuleiten noch bestimmte Erziehungsziele." Und trotzdem kann der evolutionäre Ansatz den Blickwinkel erweitern. "Bei manchen Zielen haben unsere Kinder Rückenwind, bei manchen Gegenwind. Bei manchen Zielen stehen hunderttausend Jahre Geschichte gegen uns. (…) Denn so durchdacht unsere Erziehungsziele und -methoden auch sein mögen - wenn sie nicht zu unserer evolutionären Geschichte passen, können wir uns als Eltern daran nur die Zähne ausbeißen." "Ohne immer wieder nach dem 'Warum' zu fragen, landen wir auf den Kampffeldern, auf denen niemand gewinnen kann - die übertriebene Förderung will ich hier nennen oder die viel zu frühe Erziehung zu 'Selbstständigkeit'." Der Autor fasst es so zusammen: "Der Blick zurück ist ermutigend. Er zeigt uns ein Kind mit vielfältigen Potenzialen, vielfältigen Ressourcen. Wir müssen sie nur kennenlernen!"



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