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Frühchen: Winzigklein und viel zu früh geboren

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Frühchen  

Winzigklein und viel zu früh geboren

08.10.2010, 15:02 Uhr | Simone Blaß; ard, t-online.de

Frühchen: Winzigklein und viel zu früh geboren. Streicheleinheiten für ein winziges Frühchen (Quelle: imago)

Frühchen brauchen nicht nur Körperwärme. (Quelle: imago)

Sie wirken wie aus dem Nest gefallene Vögelchen. Winzig, zart und irgendwie durchscheinend: Etwa 60.000 aller jährlich in Deutschland geborenen Kinder sind Frühgeburten, davon haben rund 8000 ein Geburtsgewicht unter 1500 Gramm. Ein solches Frühchen stellt nicht nur enorme Anforderungen an die Neugeborenenmedizin, sondern auch an die Psyche der Eltern.

Experten fordern Spezialisierung der Kliniken

Fast jedes dritte der sehr kleinen Frühchen überlebt nicht. Und auch lebenslange Behinderungen sind nicht selten. Damit liegt Deutschland nur im europäischen Mittelfeld - trotz sehr hoher Ausgaben von mehr als einer Milliarde Euro pro Jahr. Experten fordern seit Langem eine stärkere Spezialisierung der Kliniken, gerade bei Frühgeborenen. Auf diese Forderung hat die Politik reagiert. Ab Januar sollen nur noch die Kliniken Geld von den Krankenkassen bekommen, die sich auf Frühgeborene spezialisieren und mindestens 30 besonders schwierige Fälle pro Jahr versorgen. Es geht auch um viel Geld.

Frühgeborene sind lukrativ

In der ARD Sendung "Plusminus" am 19.Oktober 2010 sagte der SPD Gesundheitsexperte Karl Lauterbach: "Es werden bis zu 100.000 Euro bezahlt und das ist somit sehr lukrativ - auch für die Krankenhäuser, die die Versorgung nicht gut erbringen. Dazu kommt, dass das Prestigebehandlungen sind." Vor allem die großen Unikliniken kämpfen dafür, eine möglichst hohe Mindestmenge festzulegen. So könnten sie sich noch stärker von anderen Krankenhäusern absetzen. Eine normale Geburt bringt rund 2500 Euro. Ein Frühgeborenes bedeutet ein Vielfaches an Umsatz. Und Team und Technik können dann auch für andere kranke Babys eingesetzt werden.

Klagen gegen die Mindestmengen-Vorgaben

Mehrere kleine und mittlere Kliniken klagen nun vor Gericht gegen die künftige Mindestmengen-Vorgabe. Sie fürchten, dass damit zwei Drittel der rund 200 Stationen für Frühgeborene schließen müssten. Rudolf Kösters, Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft befürchtet noch wesentlich Schlimmeres. "Ich glaube, wir werden erleben, dass wir noch mehr Frühgeborene bekommen in der Bundesrepublik“ prophezeit er im Plusminus-Interview. "Und zwar, weil die Anreize so sind, dass der belohnt wird, der sehr viele Frühgeborene hat.“

Es geht nicht nur ums Überleben

Aber wie früh ist zu früh? Diese Frage stellt man sich heute immer öfter. Denn rein medizinisch gesehen ist es möglich, auch Kinder durchzubringen, die in der 22. Schwangerschaftswoche geboren werden, kaum einmal 500 Gramm wiegen. Doch zu welchem Preis? So kleine Frühchen sind fast nicht behandelbar, allein das Legen der Infusionen ist extrem problematisch. Professor Egbert Herting, Vorsitzender der Gesellschaft für Neonatologie und pädiatrische Intensivmedizin (GNPI) weiß aus eigener Erfahrung, dass Entscheidungen an der "Grenze der Lebensfähigkeit" zu den schwierigsten Aufgaben in der Neugeborenenmedizin zählen. "Es geht ja nicht um die reine Frage des Überlebens, sondern auch um die Lebensqualität eines Kindes, das sein ganzes Leben noch vor sich hat und mit 22 Schwangerschaftswochen haben nur wenige Frühgeborene gute Chancen auf ein Überleben ohne gravierende Langzeitkomplikationen." Die Ärzte vermuten hier allgemein die unterste Zeit-Grenze, da die Organsysteme noch zu unreif sind.

Die Zeichen des Kindes sind manchmal entscheidend

Da es aber Richtlinien geben muss, an denen sich die Mediziner orientieren können, hat die GNPI gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Perinatale Medizin und anderen eine Empfehlung herausgegeben: Ab der vollendeten 24. Schwangerschaftswoche soll grundsätzlich versucht werden, das Leben zu erhalten, davor wird im Einzelfall entschieden. Es wird auf die Zeichen des Kindes geachtet. Bewegt es sich, versucht es zu atmen, dann wird auf jeden Fall versucht, ihm zu helfen. Denn allein die Schwangerschaftswoche sagt nicht alles aus - schon deswegen nicht, weil es immer wieder Berechnungsfehler gibt. "Jedes Neugeborene, das seinen ersten Atemzug tut, ist für mich wie ein kleines Wunder", betont Professor Herting. "Es ist aber besonders faszinierend zu erleben, wie auch ein winziges Frühgeborenes von 500 Gramm, sprichwörtlich 'eine Handvoll Leben', seinen Lebenswillen und seine Persönlichkeit zum Ausdruck bringen kann."

Eltern entscheiden mit den Ärzten gemeinsam

Ist ein Frühgeborenes zu unreif oder stellen sich schwere Komplikationen ein, dann wird gemeinsam mit den Eltern entschieden, wie es weitergehen soll. Eventuell muss man es gehen lassen und kann ihm nur noch dadurch helfen, dass man ihm seine Schmerzen nimmt. "Wichtig für uns ist, dass Gespräche mit den Eltern und den Geburtshelfern wenn möglich bereits vor der Entbindung in einem spezialisierten Perinatalzentrum geführt werden", erklärt  der Leiter der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin an der Universitätsklinik Lübeck. "Es gilt, eine gemeinsame Vertrauensbasis zu finden und Chancen und Risiken offen miteinander zu diskutieren." Statistiken zeigen, dass heute immerhin 70 bis 75 Prozent derjenigen Kinder, die nach der 24. beziehungsweise 25. Schwangerschaftswoche geboren werden, überleben. Allerdings oft mit Folgen.

Hohes Krankheitsrisiko

Eine besonders große Gefahr stellen Hirnblutungen und Hirnschädigungen dar, Erblindung droht, auch Infektionen, die das Kind bereits in der Schwangerschaft erlitten hat, können nicht nur die Frühgeburt auslösen, sondern auch zu späteren Behinderungen führen. Autismus, ADS, Entwicklungsdefizite und Lernbehinderungen sind da die geringeren Probleme. Man bewegt sich in einem Spannungsfeld zwischen dem Lebensrecht des Kindes, dem ärztlichen Heilauftrag, dem Elternwillen und dem Kindeswohl.

Katharina Eglin vom Bundesverband "Das frühgeborene Kind e.V." hat selbst in der 24. Schwangerschaftswoche ein Kind geboren, das sich zwar deutlich besser als prognostiziert entwickelt hat, aber trotzdem behindert ist. Sie ist sich sicher, dass die Eltern in dieser Situation oft gar nicht abschätzen können, was auf sie zukommt. "Oft kommt die Geburt völlig überraschend, die Bindung, die sonst während der gesamten Schwangerschaft aufgebaut wird, ist noch nicht da und die Eltern stehen unter Schock. Überforderung durch die Situation, Angst vor dem, was kommt und die bange Frage, ob und wie das Kind überleben wird - das kann nicht jeder gleich gut kompensieren. Letztendlich hangelt man sich zunächst mal irgendwie durch die nächsten Stunden und Tage."

Christa Jando vergleicht die Situation der Eltern mit einer Achterbahnfahrt: "Die wenigsten Eltern haben zuvor Erfahrungen mit einer Intensivstation gemacht, zumal die Geburt eines Kindes ja im Normalfall ein freudiges Ereignis ist, das nicht mit drohender Behinderung oder Tod in Verbindung gebracht wird. Es geht auf- und abwärts, die Gefühle schwanken zwischen Sorge, Angst, Hoffnung und Glück!"

Eltern sollten von Anfang an mit eingebunden werden

Die Vorsitzende des Heidelberger Vereins "Das Frühchen", weiß, dass für Eltern die intensivmedizinische Situation befremdlich und verstörend wirkt. "Sie kennen die Funktion der Geräte, die Wirkung von Medikamenten nicht, können die Relevanz von Alarmen und angezeigten Werten nicht einschätzen und werden mit für sie zunächst unverständlichen Begriffen konfrontiert. Sie stehen mit den elterlichen Kompetenzen, die sie zu bieten haben, also Schutz, Wärme, Trost und Geborgenheit hilflos vor einer Plexiglasscheibe, hinter der ihr verkabeltes Kind liegt."

Die Zeiten, in denen man sein Kind aber nur durch die Glasscheibe betrachten durfte, sind glücklicherweise vorbei. Heutzutage weiß man, wie wichtig gerade auch für Frühchen die menschliche Nähe, vertraute Stimmen und auch der Hautkontakt sind. "Wir binden die Eltern von Anfang an ein, ermutigen sie, so viel wie möglich bei ihren Kindern zu sein und auch den körperlichen Kontakt zu suchen", so Professor Herting. Die Känguruh-Methode zum Beispiel, bei dem das Kind direkt Haut auf Haut bei den Eltern liegt, soll dabei helfen, die viel zu frühe Trennung zwischen Mutter und Kind ein wenig auszugleichen und die emotionale Bindung zu stärken.

Auch mit Hilfe von Musik wird auf manchen Stationen versucht, Kontakt zu dem Kind, das einen enormen Stress aushalten muss, aufzubauen. Licht, Lärm, wechselnde Bezugspersonen und manchmal auch schmerzhafte Behandlungen sind keine guten Alternativen zum dunklen, warmen und lärmgeschützten Mutterbauch. Aber für die Kleinsten der Kleinen ist die Frühchenstation der einzige Ort, wo sie eine Überlebenschance haben. Doch auch hier hat sich in den letzten Jahren viel getan.

Von der Kängurumethode bis zum Kuscheltier

Es gibt Räume, die nicht mehr nur steril weiß sind und es gibt die Möglichkeit, auch persönliche Dinge in den Brutkasten zu legen und so zu versuchen, eine auch nur annähernd heimelige Atmosphäre zu schaffen. Auf den Frühgeborenen-Stationen rücken die Belange der Kleinen und ihrer Eltern immer mehr in den Focus - theoretisch zumindest. Denn in Zeiten knapper Kassen fehlt es oft an den Möglichkeiten, eine gute personelle und räumliche Ausstattung zu schaffen.

Ergebnisse einer Studie der European Foundation for the Care of Newborn Infants (EFCNI) besagen, dass die Qualität der Pflege in Deutschland höchst unterschiedlich ist. Es gibt rund 140 Perinatalzentren, doch nur wenige arbeiten auf Level-1-Niveau. Das heißt, dass sie die höchste neonatologische Versorgungsstufe von Risikopatienten vor und nach der Geburt bieten und wirklich vorbereitet sind auf extreme Frühchen.

Ist eine Frühgeburt mit einem Geburtsgewicht von unter 1250 Gramm absehbar, dann darf das Kind nur in einer Spezialklinik entbunden werden. "Der ideale 'Transportinkubator' ist natürlich der mütterliche Uterus", erklärt Professor Herting. "Für eine pränatale Verlegung in ein Zentrum ist fast immer Zeit, belastende Transporte für Frühgeborene nach der Geburt sollten vermieden werden." Für die Eltern bedeutet das oft, dass sie, wenn keine Übernachtungsmöglichkeiten von der Klinik zur Verfügung gestellt werden, weite Wege in Kauf nehmen müssen. "Bei den sehr kleinen Frühgeborenen sollte man immer prüfen, ob nicht nach einigen Wochen die Möglichkeit besteht, sie heimatnah in die regionale Kinderklinik zurückzuverlegen," so der Spezialist. 

Umfeld zeigt oft zu wenig Verständnis

Eine Frühgeburt ist eine schwierige Situation für die ganze Familie. Geschwisterkinder müssen nicht nur auf die Eltern verzichten, die nun in der Regel viel Zeit in der Klinik verbringen. Sie müssen auch mit einer Art "Phantombaby" leben, das sie eventuell noch nicht einmal persönlich zu Gesicht bekommen haben und das wenig Ähnlichkeit hat mit dem Wonneproppen, den sie sich vorgestellt hatten. Hinzu kommt, dass die Umwelt oft sehr verständnislos reagiert.

Die Eltern sind mit ihren Zukunftsängsten meist ziemlich allein. Zu all den Problemen kommt noch der psychische Aspekt der zu früh abgebrochenen Schwangerschaft, oft kombiniert mit Schuldgefühlen. "Viele Frauen empfinden ein starkes Verlustgefühl die Schwangerschaft betreffend, fühlen sich um etwas gebracht und haben echte Schwierigkeiten damit, andere, vor allem hochschwangere Frauen zu sehen. Insbesondere, wenn sie bei der Frühgeburt das erste Mal schwanger waren", so Katharina Eglin vom Bundesverband "Das frühgeborende Kind e.V."

Ängste um das Kind sitzen tief

In der Regel darf das Kind nach Hause, wenn es seinen eigentlichen Geburtstermin und ein bestimmtes Gewicht erreicht hat, wenn es in der Lage ist, seine Körpertemperatur zu regulieren und ausreichend trinkstark ist. "Doch für die Eltern ist diese Situation trotzdem nicht einfach. Viele fühlen sich da ziemlich verlassen", erklärt Katharina Eglin. "Schließlich wurde ihnen die ganze Zeit signalisiert, dass das Baby ohne all die Gerätschaften nicht überleben kann und plötzlich soll es alles alleine schaffen. Da ist die Angst groß und die Lust auf eine fröhliche Babyparty eher klein." Hier greifen beispielsweise Nachsorgeeinheiten wie der "Bunte Kreis", der ermöglicht, dass Frühgeborene auch nach der Entlassung von Kinderkrankenschwestern vor Ort zu Hause besucht werden können, um die Eltern zu unterstützen.

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