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Geburtshilfe für Hebammen meist nur noch "teures Hobby"

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Hebammen: Geburtshilfe ist teures Hobby

04.05.2011, 11:22 Uhr | mmh, t-online.de, dpa

Geburtshilfe für Hebammen meist nur noch "teures Hobby". Geburten sind für Hebammen wie Marit Richter ein teures Hobby. (Foto: dpa)

Geburten sind für Hebammen wie Marit Richter ein teures Hobby. (Foto: dpa)

Ihr Beruf ist es, Leben zu schenken. Doch immer mehr Hebammen bezweifeln, dass es sich für sie noch lohnt, Kindern auf die Welt zu helfen. Niedrige Pauschalen, hohe Kosten, hohes Risiko. Deshalb fordern sie höhere Geburtspauschalen und bessere Arbeitsbedingungen.

Marit Richter hebt den vier Tage alten Matti vorsichtig von seinem Wickeltisch und streicht ihm über den Kopf. Wenige Sekunden später schwebt das Neugeborene durch die Luft, eingewickelt in ein rotes Tuch. Die Hebamme hält ihn mit einer digitalen Waage, deren Haken die Enden des Tuches zusammenhält. "2980 Gramm", freut sie sich. "Der Kleine isst gern und viel."

Nur noch Vor- und Nachsorge statt Geburtshilfe

Richter ist eine von rund 17.500 freiberuflichen Hebammen in Deutschland. Zwischen drei und vier Frauen betreut sie im Monat in Teilzeit. Ihnen steht sie während der Schwangerschaft zur Seite und unterstützt sie nach der Geburt ihrer Kinder - wie bei Familie Fischer mit ihrem kleinen Sohn Matti aus dem Dorf Harsum bei Hildesheim. Richter beantwortet den frischgebackenen Eltern Fragen zum Stillen, pudert dem Neugeborenen den entzündeten Nabel und tastet den Bauch der Mutter ab. Die Hebamme konzentriert sich auf die Vor- und Nachsorge - und hilft kaum noch Kindern auf die Welt.

Geburten sind finanzieller Ruin

"Geburten würden mich finanziell ruinieren", erläutert Richter. "Das Geld, das die Krankenkassen uns freiberuflichen Hebammen für eine Geburt geben, reicht vorne und hinten nicht aus." Der durchschnittliche Stundenlohn einer Hebamme liege bei rund 7,50 Euro, hat Ursula Fietz vom niedersächsischen Hebammenverband ausgerechnet.

Eine Erhöhung der Geburtspauschale werde es frühestens ab 2012 geben, sagt Florian Lanz vom GKV-Spitzenverband, der zentralen Interessenvertretung der gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen in Berlin. Der Berufsstand der Hebamme sei nicht leicht zu überblicken: "Viele Hebammen arbeiten in Teilzeit oder nebenberuflich und in der Geburtenphase sehr zeitintensiv." Momentan erstelle das Bundesgesundheitsministerium ein Gutachten zu den Arbeitsbedingungen von Hebammen. Auf Grundlage dieser Ergebnisse werde dann im Herbst mit den Hebammen verhandelt.

Bessere Arbeitsbedingungen gefordert

Doch schon vorher will Marit Richter zusammen mit anderen Hebammen für eine höhere Geburtspauschale protestieren: am 5. Mai, dem Internationalen Hebammentag. Dann fährt Richter nach Hannover und will ihrem Ärger Luft machen, auf einer der vielen Demonstrationen der Hebammenverbände in ganz Deutschland.

"Bessere Arbeitsbedingungen" lautet eine der zentralen Forderungen der Verbände. Denn auch die angestellten Geburtshelferinnen in deutschen Krankenhäusern klagen - zu viele Geburten seien es pro Kopf. "Eine Hebamme muss sich um drei Frauen gleichzeitig kümmern, die in den Wehen liegen", sagt Fietz vom Hebammenverband. Die Geburtspauschalen für die Krankenhäuser lege ein wissenschaftliches Institut fest, erläutert Hanno Kummer von Verband der Ersatzkassen in Niedersachsen. "Für einen möglichen Personalschlüssel sehen wir uns nicht in der Verantwortung."

Immer weniger Hebammen in Deutschland

Eine Hebamme hat in Deutschland 2009 durchschnittlich rund 63 Frauen während einer Geburt im Krankenhaus betreut - die niedrigste Zahl seit dem Beginn der Statistik vor zehn Jahren. Damals (im Jahr 2000) war mit durchschnittlich 79 Geburten der höchste Stand registriert worden. Seither sinkt die Zahl, allerdings nicht kontinuierlich, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden mitteilte. 8250 Hebammen und Entbindungspfleger waren 2009 in den deutschen Krankenhäusern angestellt. Sie wurden bei den 644.274 Geburten von rund 1980 selbstständigen Hebammen unterstützt.

Ärzte müssen nach dem Hebammengesetz dafür Sorge tragen, dass eine Hebamme bei einer Entbindung dabei ist. Sie stehen den Müttern auch nach der Geburt noch eine Weile zur Seite.

Neue Modelle

Vor allem die Prämien für die Berufshaftpflichtversicherung der Hebammen schlagen zu Buche. Für Hebammen mit Geburtsverantwortung, also bei Hausgeburten oder Entbindungen im Geburtshaus, stieg die Prämie von 3600 auf 4700 Euro pro Jahr Manche Hebammen versichern sich deshalb nur zwei Monate pro Jahr, so schreibt die taz, das ist das erforderliche Minimum. Fällt in diese zwei Monate zufällig eine Hausgeburt bei den betreuten Schwangerschaften, übernehmen sie diese meist gerne. Andere Hebammen bieten diese Dienstleistung zu realistischen Preisen - rund 1000 Euro - an, die dann privat von den Müttern bezahlt werden muss.

Die "Badische Zeitung" hat nachgerechnet, dass Hebammen für eine Hausgeburt einschließlich Versorgung von Mutter und Kind und elf Betreuungsstunden vor und nach der Entbindung 548,80 Euro über die Krankenkasse abrechnen können, für ein Geburtshaus übernimmt die Krankenkasse zusätzlich eine Betriebskostenpauschale von 550 Euro. Einige Hebammen haben sich zu Gemeinschaften zusammengeschlossen und betreiben gemeinsam eine Hebammenpraxis oder ein Geburtshaus, das über ein umfassendes Betreuungs- und Kursangebot verfügt.

Geburt ist Herzstück des Berufs

Beate Fischer hat ihren Sohn Matti in einer Geburtsklinik zur Welt gebracht. "Ich habe mich dort wohlgefühlt", sagt sie. "Aber Frau Richter hätte ich auch gern an meiner Seite gehabt." Kindern auf die Welt helfen möchte auch die Hebamme gern wieder. "Schließlich ist dies das Herzstück unseres Berufs." Doch eines ist Marit Richter noch wichtiger: "Ich möchte nicht, dass Geburten mein teures Hobby sind."


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