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Kindstötung: Die Debatte um die Babyklappe ist schon 200 Jahre alt

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Schon für Goethe ein Thema: Wie lässt sich Kindstötung vermeiden?

15.11.2011, 17:26 Uhr | Carolin Eckenfels, dpa, dpa

Kindstötung: Die Debatte um die Babyklappe ist schon 200 Jahre alt. Letzter Ausweg Babyklappe? (Quelle: imago)

Letzter Ausweg Babyklappe? (Quelle: imago)

Kann die Babyklappe Kindstötung verhindern? Die Frage kommt heute immer wieder auf, wenn ein getötetes Neugeborenes gefunden wird. Tatsächlich ist das Thema und das moralische Dilemma schon sehr alt: "Die Diskussion darum wird schon seit 200 Jahren geführt", sagte die Marburger Kulturwissenschaftlerin Marita Metz-Becker.

Schon im 18. Jahrhundert gab es eine Art Babyklappe

Eine ähnliche Einrichtung habe es bereits Ende des 18. Jahrhunderts gegeben, gegründet vom Kasseler Landgrafen. Und schon damals sei überlegt worden, ob diese sinnvoll und moralisch vertretbar ist - und wie sie finanziert werden kann. Über die Geschichte der Kindstötung und Möglichkeiten der Prävention tauschten sich Wissenschaftler zwei Tage lang auf einem öffentlichen Symposium in Marburg aus.

"Säcken, pfählen und lebendig begraben"

Lange Zeit seien Mütter hingerichtet worden, die ihre Kinder direkt nach der Geburt getötet hatten. Seit dem 15. Jahrhundert galt das Gesetz, dass man sie "säcken, pfählen und lebendig begraben" soll, wie die Forscherin erklärte. Die Aufklärer im 18. und 19. Jahrhundert läuteten ein Umdenken ein, wollten die sozialen und psychischen Hintergründe für die Kindstötung berücksichtigen. "Es war aber ein langer Prozess. Hingerichtet wurden die Frauen noch bis Ende des 18. Jahrhunderts."

Goethe gegen Ächtung unverheirateter Schwangerer

Nach Erkenntnissen von Metz-Becker, Professorin am Institut für Europäische Ethnologie und Kulturwissenschaft der Universität Marburg, stand das Thema Kindstötung ganz oben auf der Agenda der Aufklärer. Darunter waren auch Koryphäen der Zeit wie der Pädagoge Johann Heinrich Pestalozzi oder Johann Wolfgang von Goethe. Diese Männer diskutierten, wie die Babymorde vermieden werden könnten. Ihr Schluss: Die gesellschaftliche Ächtung von unverheirateten Schwangeren sei schuld und müsse aufhören. "Diese Frauen waren im O-Ton der Zeit liederliche Weibsstücke", erklärte Metz-Becker. Dabei waren uneheliche Kinder durchaus keine Ausnahme.

Verzweiflungstat aus Armut

Viele Kulturwissenschaftler sehen einen anderen Grund: Demnach war die grassierende Armut das vorherrschende Tatmotiv. Darüber geben sogenannte Kindsmordakten Auskunft, die im hessischen Staatsarchiv Marburg verwahrt werden. In diesen Dokumenten wird etwa der Prozess gegen die Mütter beschrieben. Und danach wird deutlich, dass die Täterinnen zur Unterschicht gehörten - sie waren meist Mägde - und dass sie häufig das zweite oder dritte Kind töteten. "Das erste hatten sie noch irgendwie unterbringen können."

Ist die anonyme Geburt sinnvoller als die Babyklappe?

Welche Motive heute Frauen in Deutschland haben, war ebenfalls Thema der Tagung in Marburg. Und auch die Frage, ob die umstrittenen Babyklappen - Frauen können dort ihre Kinder anonym hineinlegen - geeignete Mittel zur Prävention sind. Metz-Becker sieht diese Einrichtungen kritisch. Sie vermutet, dass die Klappen für viele Frauen nicht die geeignete Hilfe sind. Besser sei es, anonyme Geburten zu ermöglichen. In Frankreich sei das Recht darauf in der Verfassung verankert - und das bereits seit der Französischen Revolution.


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