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Auch Eltern brauchen Zeit fürs Coming-out

11.10.2010, 14:33 Uhr

Toleranz gegenüber Homosexuellen ist heutzutage für viele selbstverständlich. Wenn allerdings das eigene Kind verkündet, gleichgeschlechtliche Partner zu bevorzugen, sind Eltern häufig trotzdem wie vor den Kopf gestoßen. "Auch wenn man Homosexuelle nicht ablehnt, kann das Coming-out des eigenen Kindes ein Schock sein. Alle Zukunftspläne, die man für seinen Sohn oder seine Tochter hatte, geraten plötzlich ins Wanken", erklärt Stefan Timmermanns von der "pro Familia" Beratungsstelle in Mainz.

Langsam an die neue Situation gewöhnen

Viele Mütter und Väter sind mit der Situation erst einmal überfordert und wissen nicht, wie sie sich verhalten sollen. "Man sollte sich nicht zu sehr unter Druck setzen", sagt Gudrun Held, Vorsitzende des Bundesverbands der Eltern, Freunde und Angehörigen von Homosexuellen (BEFAH) und selbst Mutter eines schwulen Sohnes. Niemand erwarte, dass man sich von heute auf morgen daran gewöhnt, dass das eigene Kind homosexuell ist. "Schließlich brauchen auch Homosexuelle selbst meist einige Zeit, bis sie das vollständig begreifen und damit umgehen können", gibt Held zu bedenken. Auch Eltern stehe diese Zeit für ihr Coming-out zu.

Offen über Unsicherheit sprechen

Im ersten Moment muss man also keine Freudensprünge machen. "Es ist natürlich schön, wenn man sagen kann: 'Das ist ja wunderbar, lass uns darauf anstoßen!'. Aber wenn man sich nicht danach fühlt, darf man auch zugeben, dass man überrascht ist und sich jetzt erstmal mit dem Thema beschäftigen muss", sagt Gudrun Held. Wichtig sei jedoch, dass man dem Kind gleichzeitig deutlich vermittle, dass man es lieb hat und sich an der guten Eltern-Kind-Beziehung nichts ändern wird.

Vorurteile kommen auf

Oft plagen die Mütter und Väter Schuldgefühle. "Viele fragen sich, ob sie bei der Erziehung ihres Kindes etwas falsch gemacht haben, ob sie beispielsweise den Jungen zu sehr verhätschelt haben - was natürlich Quatsch ist", sagt Gudrun Held. Früh erlernte Vorurteile tauchten in diesem Moment auf. "Manche müssen erst lernen zu akzeptieren, dass die Sexualität vielfältiger ist, als man sie in unserer Kultur viele Jahre lang gekannt hat. Da gilt es, einige Informationslücken zu stopfen", sagt Held.

Normale Beziehungen

Eltern könnten erst einmal versuchen, über seriöse Bücher und Informationsmaterialien ein realistisches Bild von homosexuellen Lebenswelten zu bekommen. "Am besten ist es allerdings, man lernt das Umfeld des eigenen Kindes einfach persönlich kennen. Wenn man beispielsweise einmal den neuen Lebenspartner des Sohnes trifft, merkt man meistens schnell, wie normal auch diese Beziehungen ablaufen", sagt Gudrun Held.

Stefan Timmermanns warnt jedoch davor, sich vor lauter Eifer zu sehr einzumischen. "Es ist gut, wenn man sich für das Leben des Kindes interessiert. Man sollte aber aufpassen, dass man dabei nicht zu aufdringlich ist und das Kind sich ausspioniert fühlt", warnt Timmermanns. Schließlich sei es auch bei heterosexuellen Jugendlichen irgendwann nicht mehr nötig, dass man jeden ihrer Sexualpartner erst beim Kaffeekränzchen kennenlernt.

Offen auf Gerüchte reagieren

Viele Eltern fürchten vor allem die Tratscherei im Verwandten- und Bekanntenkreis. "Auf Gerüchte und spitze Bemerkungen reagiert man am besten mit Offenheit. Damit macht man es auch den anderen leichter, sich an die Situation zu gewöhnen", sagt Gudrun Held. Man sollte dabei jedoch vermeiden, den Sohn oder die Tochter gegen seinen Willen zu outen. "Wenn das Kind sich noch nicht allgemein als homosexuell offenbart hat, ist es ihm vielleicht lieber, selbst irgendwann an die Öffentlichkeit zu gehen. Manche freuen sich aber auch durchaus über etwas Starthilfe durch ihre Eltern - das sollte man vorher abklären", sagt Gudrun Held.

Großes Beratungsangebot für Eltern

Wer Schwierigkeiten hat, sich mit dem Thema Homosexualität auseinander zu setzen, kann sich an eine spezielle schwul-lesbische Beratungsstellen wenden. "Auch der Kontakt zu anderen Eltern homosexueller Kinder kann helfen, mit der neuen Situation klar zu kommen", sagt die BEFAH-Vorsitzende. Über den BEFAH kann man beispielsweise Kontakt zu Selbsthilfegruppen für Angehörige Homosexueller in ganz Deutschland aufnehmen. "Dabei stellt man meistens schnell fest, dass man mit seiner Verblüffung über die neue Lebenssituation nicht alleine dasteht", sagt Held. Zudem habe man in solchen Organisationen die Möglichkeit, sich für die Gleichberechtigung Homosexueller in der Gesellschaft zu engagieren.

Positive Zeichen setzen

Hat man den Verdacht, der Sohn oder die Tochter sei homosexuell, sollte man positive Zeichen setzen: "Leider wird das Thema in vielen Familien immer noch totgeschwiegen. Man sollte daher Anregungen aus Filmen oder auch aus dem Bekanntenkreis immer wieder dazu nutzen, mit den Kindern darüber zu sprechen und sich zumindest wohlwollend über Homosexuelle zu äußern", sagt Stefan Timmermanns. Dadurch könne man seinem Kind die Angst vor dem Coming-out im Familienkreis nehmen. Ist die Hürde des Coming-outs erst einmal überwunden, brauchen die Kinder besonders viel Beistand. "Ein fester Rückhalt innerhalb der Familie ist die beste Basis für die weitere Identitätsfindung. Gegebenenfalls sollte man gemeinsam mit seinem Kind eine Beratungsstelle aufsuchen", empfiehlt Stefan Timmermanns.


(Quelle: ddp)


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