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Immer mehr kranke Kinderseelen

16.10.2008, 12:09 Uhr

Angst, Anspannung und Aggression - immer mehr Kinder in Deutschland leiden unter psychischen Problemen. Armut und Sorgen in vielen Familien führen Schätzungen zufolge künftig zu noch mehr Störungen. Die kranken Seelen zählen zu den Hauptursachen etwa für die schockierende Zunahme bei Alkoholexzessen Minderjähriger, für Übergewicht und auch Jugendkriminalität. Auf dem Spiel stehen die Chancen immer größerer Teile ganzer Generationen auf Gesundheit, gute Abschlüsse, letztlich auf Zukunft. Politik, Ärzte und Krankenkassen ringen deshalb um wirksamere Wege gegen psychische Leiden von Kindern.

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Viel mehr Vorsorge notwendig

"Psychische Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen sollen in Zukunft besser erkannt und behandelt werden", sagt Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD). Bei der erst im Juli eingeführten Früherkennungsuntersuchung "U7a" sollen Ärzte jetzt bereits nach Verhaltensauffälligkeiten schauen. Bis die zuständigen Experten auch die anderen, vor über 30 Jahren konzipierten Arzt-Checks von der "U1" bis zur "U9" erneuert haben, dauert es noch Monate. Zu lange, wie der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte moniert. Im zuständigen Bundesausschuss von Krankenkassen und Ärzten gibt es noch reichlich offene Fragen über eine Neuausrichtung der Untersuchungen auf Kassenkosten. Der Kinderärzte-Verband fordert weit mehr Vorsorge statt Früherkennung.

Schlafprobleme und Bettnässen außen vor

Die Not bei vielen Kindern ist groß. Zwölf Prozent der Mädchen und 18 Prozent der Jungen sind laut offiziellen Zahlen in ihrem Verhalten auffällig. Damit sind nicht Ein- und Durchschlafprobleme gemeint, die die Hälfte der Vorschul- und Schulkinder plagen, meist aber nicht behandlungsbedürftig sind. Auch das nächtliche Bettnässen bei jedem zehnten Siebenjährigen fällt nicht darunter. Es sind die schwereren psychischen Störungen wie Aggressionen oder ADS, die als problematisch bezeichnet werden.

Chronische Schmerzen können entstehen

Doch auch zehn Prozent der Jungen und Mädchen haben nach Angaben der Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie (DGKJP) Kopf-, Bauch- oder Gliederschmerzen wegen schulischer Überlastung, Scheidung der Eltern oder anderer schwieriger Lebenslagen. Weil diese Leiden häufig nicht erkannt und behandelt werden, werden sie bei über der Hälfte der Kranken chronisch.

Mehr Entwicklungsdefizite

Zunahmen gibt es bei dissozialen Störungen, bei denen das Mitgefühl für andere schwindet. Kinderärzte registrieren besorgt mehr Entwicklungsdefizite bei Motorik, Sprache und Sozialverhalten. Zu den 500.000 Minderjährigen mit ADS, im Volksmund als Zappelphilipp-Syndrom bekannt, kommen nach Schätzungen der Kassenärzte jährlich fünf Prozent hinzu. Mit der Konzentration schwindet bei Betroffenen oft die Schulleistung - Misserfolge erzeugen neuen Frust und vergrößern die Probleme.

Teil der Armutsspirale

Joachim Hübner, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Psychiatrischer Krankenhäuser, bemängelt angesichts dieser Krankheiten: "Nur die Hälfte der Kinder und Jugendlichen erhält eine adäquate Behandlung." Spektakuläre Fälle etwa bei Gewalttaten oder Alkoholtoten unter Jugendlichen sind dabei nur die sichtbarsten möglichen Folgen. Die Leiden sind Sozialforschern zufolge vielmehr häufig Teil von Armutsspiralen jenseits der öffentlichen Wahrnehmung. Kinder aus ärmeren Familien mit weniger Bildungschancen haben ein vier Mal so großes Risiko psychischer Störungen. Migranten sind im Schnitt stärker betroffen als "Mittelstand-" oder "Oberschicht-Kinder". Belastend ist nach den Ergebnissen des Robert-Koch-Instituts vor allem schlechtes Klima mit ständigen Konflikten zu Hause. Bis 2020 sollen die psychischen Krankheiten bei Kindern nach internationalen Schätzungen um die Hälfte zunehmen.

Angebote für Eltern

Der nun forcierte Ausbau bei der Früherkennung ist ein Mittel dagegen. Alle sozialen Frühwarnsysteme, Vorsorgehilfen und Beratungsangebote können aus Sicht von Wissenschaftlern ebenso wie gute Kindergärten helfen. Betroffene müssen vor allem erst mal erreicht werden. Obwohl Eltern für Früherkennungs-Untersuchungen nichts dazuzahlen müssen, sinkt die Teilnahme der betroffenen ärmeren Familien trotzdem. Ministerin Schmidt ruft die Länder deshalb auf, Eltern verstärkt einzuladen.

Eltern-Kind-Bindung muss gestärkt werden

Schon rund um Schwangerschaft und Geburt sollten die Eltern nicht alleingelassen werden, fordert der Münchner Psychotherapeut Peter Lehndorfer: "Alle Maßnahmen, die dazu beitragen, eine gesicherte Eltern-Kind-Bindung entstehen zu lassen, sind immens wichtig." Schließlich ist für eine gesunde Entwicklung bereits die sichere, facettenreiche und intensive Bindung zwischen Eltern und Baby zentral.






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