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Sorgerecht  

"Ich will doch nur meinen Sohn zurück"

08.12.2008, 16:10 Uhr | Kathrin Fichtel, Spiegel Online, Spiegel Online

Sorgerecht. Schätzungsweise tausend Kinder werden jährlich von einem Elternteil entführt.

Schätzungsweise tausend Kinder werden jährlich von einem Elternteil entführt. (Bild: Archiv)

77 Staaten unterstützen Rückführung

Befindet sich das Kind eines Deutschen in einem Vertragsstaat, setzt das zuständige Bundesamt für Justiz die Hebel für die Rückführung in Bewegung. Auch der Internationale Sozialdienst des Deutschen Vereins in Berlin, die Mediatorin des EU-Parlaments und die "Initiative Vermisste Kinder" aus Hamburg unterstützen Betroffene. Schwierig wird es, wenn Kinder von einem Elternteil in Nicht-Vertragsländer, wie es die allermeisten muslimischen Nationen sind, mitgenommen werden. "Zahlreiche Staaten sprechen den Müttern kein oder ein nur eingeschränktes Sorgerecht zu, so dass die Erfolgsaussichten einer Klage von vornherein sehr gering sein können", heißt es beim Bundesamt für Justiz. Es sind rund 40 Prozent aller entzogenen deutschen Kinder, die von muslimischen Vätern in deren Heimatländer gebracht werden, schätzt Hirts. "Die Chance, ein solches Kind zurückzubekommen, ist sehr gering", sagt sie. "Wir haben kaum eine rechtliche Handhabe, wenn ein Land die Haager Konventionen nicht unterzeichnet hat."

Politiker machen sich stark

Die Angst, ihr Kind für immer an seinen muslimischen Vater zu verlieren, kennt auch Gracia Kranz aus Bremen. Ihr Ex hatte den gemeinsamen Sohn Faris, 3, während des Tunesienurlaubs im August verschleppt. Die Sache kam erst in Bewegung, als sich Marieluise Beck, Bundestagsabgeordnete der Grünen und Vorsitzende des Menschenrechtsvereins "Brücke der Hoffnung", einschaltete. Wochenlang verhandelte die Politikerin mit Behörden und der tunesischen Familie, flog schließlich nach Tunis. Dort gelang es ihr zusammen mit dem deutschen Botschafter und dem in Bremen lebenden tunesischen Onkel, den kleinen Faris bei der Familie abzuholen und zu seiner Mutter zurückzubringen.

Traumatische Erfahrungen für die Kinder

Beck will nun einen Krisenstab anregen. "Das Thema Kindesentziehung sollte auf der Tagesordnung des Auswärtigen Ausschusses bleiben", sagt sie SPIEGEL ONLINE. "Wir müssen darauf drängen, dass im politischen Raum über solche Fragen geredet wird - allerdings braucht es oft unendliche Geduld, um bei internationalen Konflikten Lösungen ein Stück näher zu bringen." Geduldig zu bleiben fällt jedoch schwer, wenn man sein Kind im Ausland wähnt: Annett H. aus Leipzig kämpft seit Juni 2007 um ihren fünfjährigen Sohn, der gegen ihren Willen bei seinen Großeltern in Marokko lebt - obwohl sie das Sorgerecht hat. "Keine Behörde fühlt sich zuständig", klagt H., "ich will doch nur meinen Sohn zurück." Unter dem oft Jahre dauernden Rechtsstreit leiden jedoch nicht nur die Eltern. "Eine Kindesentziehung ist immer sehr belastend, wenn nicht sogar traumatisierend - in erster Linie für das Kind", sagt Gabriele Scholz vom Internationalen Sozialdienst im Deutschen Verein. "Manche Eltern führen einen jahrelangen Kampf und sehen gar nicht, was sie ihren Kindern damit antun."

Manche geben auf - andere haben Kontakt

Christiane Hirts kennt aber auch Eltern, die irgendwann aufgegeben haben. Zum Wohl ihrer Sprösslinge - auch wenn das bedeutet, dass der Kontakt zum eigenen Kind abbricht oder nur sehr selten ist. Hirts selbst hat inzwischen die Vorsichtsmaßnahmen im Laufe der Jahre gelockert: Nach der Rückkehr mit ihren Töchtern war sie überzeugt, beobachtet zu werden. Sie zog in ein Haus mit geschlossenem Hinterhof, schrieb sich auffällige Autonummern auf, erklärte den Kindern, bei wem sie im Notfall Hilfe finden. Ihr Ex-Mann ließ sich jedoch nicht blicken. Zahlte keinen Unterhalt, meldete sich nicht bei den Töchtern. Bis Carmen vor Kurzem 18 Jahre alt wurde. "Zum Geburtstag bekam sie eine Mail mit einer Einladung, ihn in den USA zu besuchen", sagt Christiane Hirts. "Da bekam ich doch einen Kloß im Hals." Seitdem schreiben sich Carmen und Claire mit ihrem Vater E-Mails, meist über oberflächliche Themen. Ein Besuch ist bislang nicht geplant. "Ich denke schon öfter an die ganze Sache - aber sie spielt nicht die Hauptrolle in meinem Leben", sagt die heute 17-jährige Claire. "Aber irgendwann werde ich meinen Vater sicher fragen, warum er das gemacht hat."

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