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Babysprache: Gebärdensprache - Gesten statt Geschrei

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Babysprache  

Gesten statt Geschrei: Gebärdensprache für Babys

05.03.2010, 10:41 Uhr | rev, ddp, dpa

Babysprache: Gebärdensprache - Gesten statt Geschrei. Baby schreit.

Noch vor Lautsprache: Babys lernen Gebärdensprache. (Bild: Archiv)

Jonathan spreizt die Finger auseinander. "Ja, ich habe das Licht angeschaltet", sagt seine Mutter und spreizt ebenfalls die Finger. Jonathan lauscht und macht eine flatternde Handbewegung. "Er hört die Amsel draußen zwitschern", erklärt seine Mutter und geht mit ihrem elf Monate alten Sohn zum Fenster. Jonathan beguckt den Vogel und freut sich. Reden kann er noch nicht. Sich verständigen schon. Er hat einen der Kurse für Babyzeichensprache besucht, die in immer mehr deutschen Städten angeboten werden.

75 Gebärden in zwölf Wochen

"Im englischen Sprachraum sind die Kurse schon seit Jahren sehr verbreitet, in Skandinavien auch", sagt Vivian König, Gründerin des Unternehmens "Zwergensprache" aus Markranstädt bei Leipzig. Etwa 75 Gebärden werden in ihren zwölfwöchigen Kursen vermittelt, mitmachen dürfen Babys ab sechs Monaten. Das Interesse ist groß. "Das ist absolut im Wachsen begriffen", sagt auch Wiebke Gericke, Gründerin von babySignal, einem weiteren Anbieter für Baby-Gebärdensprachkurse aus Hamburg. Viele Eltern sähen zufällig, wie andere Mütter und Väter über Gesten mit ihrem Baby kommunizierten und wollen das auch können.

Einblick ins Baby-Denken

"Die Gebärden sind ein Fenster ins Denken der Kinder", sagt Gericke. Vivian König erzählt von einem Baby, dass einen schwarz-weiß gekleideten Mann kurzerhand als Pinguin bezeichnete und für die grün gezackte Palme im Kinderbuch das Zeichen für Krokodil verwendete. "Da merkt man erst mal, was für Gedanken sich Babys machen."

Gebärdende Kinder im Vorteil

Wenn andere das erste "Mama" oder "Papa" plappern, hätten gebärdende Kinder mitunter schon einen Wortschatz von 20 oder mehr Begriffen. "An und Aus, Hund, noch mal - Die Gebärde dafür kann Monate vor dem entsprechenden Wort kommen", erläutert Gericke. "Es gibt viel weniger Situationen, in denen die Kinder frustriert sind, weil Mama mal wieder nicht verstanden hat, was gewollt oder gemeint war", ergänzt König. Die Begeisterung für bestimmte Begriffe ist bei Eltern und Babys jedoch unterschiedlich verteilt: "Eltern finden die Gebärden für Essen, Trinken, Schlafen spannend", sagt Gericke. Die Kleinen gerieten eher bei "Licht an", Tieren und dem "Weg"-Zeichen für verschwundene Dinge aus dem Häuschen.

Forschung noch nicht sehr weit

Auf ihrer Seite wirbt Vivian König mit Verweis auf US-Studien damit, dass die Babyzeichensprache Hirnentwicklung und Spracherwerb fördere. Das allerdings finden Wissenschaftler zu forsch formuliert. "Der Stand der Forschung ist: Man weiß es nicht", sagt die Psychologin Mechthild Kiegelmann von der Universität Trier, die Untersuchungen zur Babyzeichensprache leitet. Zwar gebe es eine ältere Studie, die positive Effekte auf das Sprechenlernen zeigte, "da wurde aber nicht über moderne Programme geforscht, sondern einige Eltern wurden aufgefordert, mit ihren Kindern über selbst erfundene Gesten zu kommunizieren. Eine nette erste Studie, aber kein überzeugender Beleg."
Erfolge eher kurzfristig. Sie selbst sei "vorsichtig optimistisch", dass der Spracherwerb durch die Gebärden begünstigt werden kann, sagt die Psychologin. In der Sonderpädagogik zum Beispiel habe es sich als hilfreich erwiesen, die Lautsprache Behinderter mit Gebärden zu fördern. Und auch bei Gehörlosen hätten Studien gezeigt, dass die Gebärdensprache als Erstsprache den Erwerb der Lautsprache unterstütze. "Dass mit Baby Signing die Welt verändert wird, glaube ich nicht. Aber es gibt vielleicht einen kurzen Spracherwerbs-Vorteil für gebärdende Kinder, der sich später wieder verwächst."

"Es geht nicht darum, Vokabeln zu büffeln"

Das Argument einiger Kritiker, die Kinder würden mit den Babyzeichensprache-Kursen überfordert, hält Kiegelmann für falsch. Überforderung resultiere nicht aus einem bestimmten Kurs, sondern aus dem Verhalten der Eltern. "Extrem bildungseuphorische Eltern übertreiben alles, auch Babyschwimmen", sagt sie. Wiebke Gericke und Vivian König betonen, dass ihre Kurse kein Lernprogramm sind. "Es geht nicht darum, Vokabeln zu büffeln", sagt Gericke. "Sprache darf man nicht besessen üben, das passiert nebenbei." Es gehe vielmehr um Aufmerksamkeit füreinander. "Kinder wollen informiert werden." Mit einer Gebärde könne man beim Spielen zum Beispiel vermitteln: Wir machen das noch einmal, und dann ist Schluss. "Dann hört für das Kind nicht ganz plötzlich etwas Schönes auf, und es schreit nicht."

Kritiker warnt vor Konditionierung der Kinder

Moritz Daum vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften sieht das kritisch: "Kinder haben zwar schon sehr früh Möglichkeiten, sich non-verbal auszudrücken. Die Frage ist aber, inwieweit man das trainieren kann." Man solle darauf achten, das Kind nicht einfach zu konditionieren. Lobe man ein Kind dafür, dass es eine bestimmte Geste macht, wenn es das Wort Apfel hört, werde es dies immer wieder tun - aber vielleicht nur, weil es wieder gelobt werden möchte. "Diese Geste zu machen, um zu sagen, dass es einen Apfel möchte, das wäre für ein sechs Monate altes Kind schon eine sehr fortgeschrittene kognitive Leistung", sagt Daum. Die langfristig positiven Effekte auf die kognitive Entwicklung oder Sprachentwicklung, die manche Anbieter solcher Kurse versprechen, könnten bislang nicht bewiesen werden. Allerdings reagierten Babys tatsächlich auf Gesten und Blicke. Und sie verstünden Sprache, die von Gesten begleitet werde, besser als Sprache oder Gesten allein. Schaden könnten die Kurse einem Baby daher nicht, sagt der Wissenschaftler, im Gegenteil: "Die Eltern beschäftigen sich sehr intensiv mit dem Kind, und das hat auf jeden Fall einen positiven Effekt." Allerdings einen, den man wohl auch ohne Kurse erreichen könne.

Uralte Vorurteile

Ärgerlich finden die Babyzeichensprachler ein anderes Argument von Kritikern: Das Gebärden behindere das Erlernen der Lautsprache, sei immer wieder von Logopäden und Ärzten zu hören. "Das ist ein uraltes Vorurteil, durch nichts untermauert", sagt Gericke, die als Pädagogin mit gehörlosen Eltern arbeitet. Gerade diese Gruppe habe lange unter der falschen Vorstellung gelitten, sagt auch Kiegelmann. Gehörlose Kinder hätten nicht gebärden dürfen, um bloß nicht mundfaul zu werden. Tatsächlich sei aber das Gegenteil der Fall: "Gebärdensprache hilft ihnen, sprechen zu lernen."

Informationen: Ein Faltblatt zum Thema "Babyzeichensprache" kann kostenlos auf der Internetseite der Humboldt-Universität in Berlin heruntergeladen werden unter www2.hu-berlin.de/gebaerdensprachpaedagogik, Stichwort "Abteilung" - "Materialien" - "Informationen zu 'Baby-Signs'".

Literatur: Wiebke Gericke: Babysignal - Mit den Händen sprechen, Kösel, ISBN: 978-3-466 34532-8, 15,95 Euro (2009); Vivian König: Das große Buch der Babyzeichen, Karin Kestner, ISBN: 978-3-981-07097-2, 27,90 Euro.

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