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Kindeswohl: Wie viel Verwahrlosung kann man dulden? (1)

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Kindeswohl  

Verwahrlosung: Wann soll man einschreiten?

26.02.2009, 10:58 Uhr | mmh, t-online.de, dapd

Kindeswohl: Wie viel Verwahrlosung kann man dulden? (1). Wann sollte man eingreifen?

Wann sollte man eingreifen? (Bild: Imago)

Verwahrlosung, Schläge, heruntergekommene Wohnungen, betrunkene Eltern, verlassene Kinder, kein Vorbild, keine Erziehung, keine Zuwendung. Sozialarbeiter und Polizisten haben schon viel gesehen und sind immer wieder erschüttert, unter welchen Bedingungen Menschen hausen. Hinter verschlossenen Türen spielen sich oft Dramen ab, direkt nebenan. Kinder sind oft am schlimmsten betroffen. Manchmal droht sogar Lebensgefahr. Doch hin und wieder dringt ein Hilferuf zum Jugendamt, zur Polizei, zu Sozialarbeitern, zu Erziehern. "Kindeswohl" heißt das Schlüsselwort bei der Abwägung, wann Kinder aus einer Familie geholt werden müssen, oder ob die Familie durch sozialpädagogische und therapeutische Hilfe ihr Leben wieder ordnen kann.

Tatort Berlin: Vier Fälle in wenigen Stunden

Ingesamt neun Berliner Kinder hat die Polizei an einem Tag binnen weniger Stunden aus der Verwahrlosung gerettet und vor ihren gewalttätigen oder betrunkenen Eltern in Sicherheit gebracht. Dort holten Beamte vier von ihren Eltern geprügelte Kinder im Alter von zwei bis neun Jahren aus einer völlig verdreckten Wohnung im Wedding, wo sich Wäscheberge häuften und Fäkalien von vier Katzen und einem Hund den Boden bedeckten. In der Wohnung gab es nichts zu essen. Die Kinder waren nach Angaben der Polizei von der Mutter und ihrem Lebensgefährten seit geraumer Zeit geschlagen worden.

Wann soll man eingreifen

So etwas kommt nicht von heute auf morgen. Nachbarn, Lehrer, Erzieher - irgendwann keimt ein Verdacht auf, dass da etwas nicht stimmt. Erzieherinnen und Lehrer sind streng angehalten, Verdachtsmomente auch an die Jugendämter weiterzugeben. Doch die Abwägung ist schwierig: Kommen die blauen Flecke vielleicht doch von einem Sturz mit dem Fahrrad? Die dreckige Kleidung - naja, vielleicht ist die Waschmaschine kaputt? Betroffene bauen sich oft ein Doppelleben auf, ein Kartenhaus aus Lügen und Ausreden, das irgendwann zusammenbricht - manchmal zu spät. Nachbarn und Bekannte fragen sich dann oft: Haben wir Alarmsignale übersehen? Hätten wir früher einschreiten können?

Was passiert bei einer Anzeige?

Alarmiert worden waren die Ordnungshüter in diesem Berliner Fall von einem Nachbarn, der die herumirrenden Kinder im Hausflur sah und dem auch der starke Uringeruch durch die geöffnete Wohnungstür auffiel. Die zwei Jungen und zwei Mädchen kamen zum Kindernotdienst. Dieser nahm auch ein zweijähriges Mädchen und einen fünfjährigen Jungen auf, die die Mutter abends nicht von der Kindertagesstätte im Bezirk Marzahn-Hellersdorf abgeholt hatte. Die Verantwortlichen riefen die Polizei. Zwei Stunden später tauchte die 41-jährige auf, allerdings nach Polizeiangaben "merkbar alkoholisiert". Sie sagte, ein Bekannter hätte die Kinder abholen sollen. Wenige Stunden später mussten sich Beamte um einen 13-Jährigen kümmern, der in einer Kneipe Schutz vor den eigenen Eltern gesucht hatte. Der Junge gab an, seine Eltern hätten ihn massiv geschlagen und gekratzt, und zwar schon mehrfach. Er habe sich von ihnen losreisen können und sich in das Lokal geflüchtet. Der Junge wurde ärztlich behandelt und ebenfalls dem Kindernotdienst übergeben, wie es weiter hieß.

Erste Anlaufstelle: Kindernotdienst

Kurz nach Mitternacht schließlich rückten die Beamten erneut aus, weil eine 26-jährige Frau in einem Hausflur in Lichtenberg randalierte. Die Betrunkene hatte beim Aufschließen ihren Schlüssel in der Wohnungstür abgebrochen, wie die Polizei weiter berichtete. In der dreckigen Wohnung befanden sich ihre beiden Kinder, ein vierjähriges Mädchen und ein sechsjähriger Junge. Auch sie kamen zum Kindernotdienst. In allen vier Fällen ermittelt das Landeskriminalamt.

Überforderung der Eltern?

Kinder verhungern, verdursten, haben nichts anzuziehen, und das mitten im wohlhabenden Deutschland. Sind die Eltern überfordert? Kann dies eine Entschuldigung sein? Zumindest darf es nicht das Kindeswohl gefährden. Können die Eltern - aus welchen Gründen auch immer - die Erziehung der Kinder nicht gewährleisten, dann ist das Kindeswohl gefährdet und das Jugendamt greift ein. Erste Maßnahme bei akuten Krisen ist oft, die Kinder vorübergehend beim Kindernotdienst unterzubringen. Angestrebtes Ziel ist immer, Kinder möglichst in ihren eigenen Familien zu belassen und den Familien insgesamt zu helfen, um ihren Alltag in den Griff zu bekommen. Dabei helfen Sozialarbeiter. Ein Hilfeplan wird erstellt und gemeinsam mit den Familien umgesetzt. Hilfe zur Selbsthilfe heißt das Motto. Die Schritte wirken klein, bedeuten aber für die Betroffenen oft eine Riesenleistung, weiß Jacques Kiewning, Sozialpädagoge aus Darmstadt. "Es geht darum, Strukturen in das Leben zu bringen.", erklärt er die ambulante Familienhilfe. Der Auftrag heißt laut Sozialgesetzbuch "Kindeswohlsicherung". Wird also ein Kind auffällig in Kindergarten oder Schule und sieht das Jugendamt das Wohl der Kinder gefährdet, dann bekommen Sozialpädagogen vom Jugendamt einen Auftrag, in dem die Ziele der Maßnahme definiert sind, dann wird dort Hilfe „installiert“.

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