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Kinderpsychologie: Was Kinder psychisch robust macht

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Interview  

Was Kinder psychisch robust macht

08.04.2009, 15:09 Uhr | Katja Thimm, Spiegel Online , Spiegel Online

Kinderpsychologie: Was Kinder psychisch robust macht. Wie wird ein Mensch psychisch so robust, dass er später erfolgreich durch das Leben kommt?

Wie wird ein Mensch psychisch so robust, dass er später erfolgreich durch das Leben kommt? (Bild: Imago)

Warum sind manche Menschen erfolgreich, andere jedoch nicht - obwohl sie unter ähnlichen Voraussetzungen ins Leben starten? Die Psychologin Insa Fooken erklärt im Interview mit "Spiegel Online", wie Kinder widerstandsfähig genug werden, um das Leben zu bewältigen.

SPIEGEL ONLINE: Frau Fooken, ein Mensch wie Gerhard Schröder wird Bundeskanzler - sein Bruder aber, ein arbeitsloser Heizungsmonteur, kam nicht weit. Wie lässt sich so etwas erklären?

Fooken: Gerhard Schröder hat sich von mindestens einer wichtigen Bezugsperson, seiner Mutter, geliebt und akzeptiert gefühlt, er hat ein ausgeglichenes Temperament, ist als Kind offen und aufgeschlossen gewesen, auf andere zugegangen. Er hat es geschafft, sich - durch Leistung und Sport - Anerkennung und wichtige Beziehungen zu schaffen. Obwohl sein Leben voll schwieriger Umstände war, ist es ihm gelungen - weil er immer bereit war, nach machbaren Lösungen und Bewältigungsmöglichkeiten zu suchen, die ihm sein Fortkommen ermöglicht haben.

SPIEGEL ONLINE: Mit eben solchen Strategien beschäftigt sich Ihr Forschungsgebiet, das einen sehr sperrigen Namen trägt: Resilienz. Was verbirgt sich genau dahinter?

Fooken: Ursprünglich stammt der Begriff aus der Werkstofflehre und bezeichnet die Eigenschaft elastischen Materials, auch unter starker Spannung nicht zu reißen oder zu zerbrechen. Psychologen verstehen darunter die Verhaltensmuster und Eigenschaften eines Menschen, die es ihm ermöglichen, trotz ungünstiger Umstände das Leben zu bewältigen. Je früher ein Kind die Erfahrung macht, mit schwierigen Situationen fertig zu werden, desto größer ist seine Chance, auch später heikle Situationen unbeschadet zu überstehen.

SPIEGEL ONLINE: Von welchen Erfahrungen sprechen Sie?

Fooken: Man kann es auf zehn Punkte bringen: Psychisch robuste Menschen haben gelernt, sich zu vernetzen; sie halten Krisen für überwindbar und sie akzeptieren Veränderungen als elementaren Teil ihres Lebens. Sie wenden sich eigenen Zielen zu, sind entscheidungsfreudig und eröffnen sich Möglichkeiten, eigene Fähigkeiten zu entdecken. Sie entwickeln ein positives Selbstbild, betrachten die Dinge aus einem realistischen Blickwinkel und bewahren eine hoffnungsvolle Haltung. Und: Sie geben Acht auf sich selbst.

SPIEGEL ONLINE: Wie lernt ein Mensch, nach diesen Maximen zu leben?

Fooken: Schon ein Kind sollte lernen, sein Leben so mitzugestalten, dass es sich wohl darin fühlt. Eltern können einen Zweijährigen schon in Entscheidungen mit einbeziehen, indem sie etwa fragen: "Wohin willst du gehen - in den Garten oder auf den Spielplatz?" So unterstützen sie ein Verhalten, bei dem "Selbstwirksamkeit" erfahren wird. Das Gefühl, sich nicht ausgeliefert zu fühlen, sondern Kontrolle über das eigene Leben zu haben, ist einer der bedeutendsten schützenden Faktoren. Allerdings brauchen Kinder Anleitung dazu. Anfangs haben manche Wissenschaftler geglaubt, psychische Robustheit sei angeboren. Heute wissen wir, dass es sich immer um ein Zusammenspiel zwischen dem Menschen und seiner Umgebung handelt.

SPIEGEL ONLINE: Welche Chancen haben Kinder aus sozial schwierigen Verhältnissen, psychische Robustheit zu erlernen?

Fooken: Es gibt Programme in Kindergärten oder Schulen. Viele stammen aus den USA, auch das Programm, das ich in Deutschland auswerte. Es trägt den Namen "FAST". Übersetzt heißt das so viel wie "Schule und Familie gemeinsam". Die Begründerin war Sozialarbeiterin, Psychotherapeutin und Entwicklungspsychologin an der University of Wisconsin. Sie hatte Kinder aus gefährdeten, belasteten, isolierten Familien im Auge, die aber noch nicht durch krankhaftes Verhalten auffällig geworden waren. Das Konzept: Lehrer und Mitarbeiter der städtischen Jugendhilfe treffen sich an acht Nachmittagen in der Schule mit ausgewählten Eltern und deren Kindern. Bei diesen Treffen lernen sie durch gemeinsame Familienaktivitäten, sich selbst und das Verhalten ihrer Kinder richtig einzuschätzen. Und in der Gruppe können sie erfahren, dass sie mit ihrer Erziehungsarbeit nicht allein dastehen.

SPIEGEL ONLINE: Und da reichen acht Nachmittage?

Fooken: Sie sind ein Anfang. Nach acht Sitzungen überreicht der Schulrektor eine Urkunde, und die Familien sollen sich - selbstorganisiert - weiterhin treffen. Auf diese Weise schafft man in einem Stadtviertel ein soziales vorbeugendes Netz: Gegenseitige Hilfe, aber auch Aufmerksamkeit und eine gewisse Kontrolle. Ein Kind, dessen Eltern an einer funktionierenden "FAST"-Gruppe teilhaben, könnte niemals unbemerkt verhungern.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehen die Treffen aus?

Fooken: Sie orientieren sich bewusst an festen Ritualen. Jede Familie wird jedes Mal mit Applaus begrüßt. Jede sitzt an einem eigenen Tisch und wird so von den anderen als Einheit wahrgenommen. Alle singen ein Begrüßungslied, dann essen alle gemeinsam, jede Woche kocht eine andere Familie für die "FAST"-Gruppe. Anschließend üben die Familien Wahrnehmung und Kommunikation: Sohn oder Tochter stellen zum Beispiel ein Gefühl dar, und die anderen müssen raten, was es bedeuten soll. Die Eltern sollen ihre Kinder dann fragen, wann sie sich schon einmal so gefühlt haben: Sie sollen so mehr mit ihren Söhnen und Töchtern ins Gespräch kommen. Dann toben und turnen die Kinder, während ihre Eltern sich mit Lehrern und Sozialpädagogen austauschen. Und schließlich gibt es ein spezielles Spiel, bei dem das Kind die Regeln vorgibt und die Eltern folgen müssen: keine Kritik, sondern 15 Minuten ungeteilte Aufmerksamkeit. Das ist für viele Familien eine neue Erfahrung.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie eine Erklärung dafür, dass die meisten Programme wie "FAST" aus Amerika kommen?

Fooken: Richtig ist zumindest, dass "FAST" in den USA leichter umzusetzen ist als in Deutschland. Familien und Schule arbeiten bei uns traditionell weniger zusammen. Dabei sind Elternhaus und Schule im Leben der meisten Kinder die wichtigsten Bezugssysteme. Zudem kann "FAST" den Zusammenhalt in einem Stadtviertel fördern. Im amerikanischen Madison verschönert eine Gruppe jetzt die Straßen und Plätze ihrer Nachbarschaft.

SPIEGEL ONLINE: Wo sehen Sie die Grenzen des Programms?

Fooken: Wie bei allen Präventionsprogrammen ist der Nachweis, wie stark sie wirken, schwierig zu führen. Das fängt damit an, dass gerade bildungsferne Eltern etwa Fragebögen oft unzureichend ausfüllen. Um zu zeigen, inwieweit ein Programm langfristig wirkt, müsste man zudem fortlaufend die Lebenssituation der Kinder untersuchen. Das ist personalaufwendig - doch es führt kein Weg daran vorbei: Wir wissen, dass Programme selbst bei hochgefährdeten Kindern eine Wirkung erzielen können. Also gilt es herauszufinden, welches die besten sind.

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