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Erziehung  

Linkshänder: Fremde in rechts dominierter Kultur

13.08.2010, 10:29 Uhr | Robert Scholz, t-online.de

Linkshänder haben es nach wie vor schwer in rechts dominierter Kultur. Linkshändischer Junge macht seine Hausaufgaben.

Noch immer werden linkshändische Kinder umgeschult. (Bild: imago)

Haben Sie als Rechtshänder schon mal mit Links Tischtennis gespielt? Oder das Ess-Besteck mit der jeweils anderen Hand verwendet? Tölpelhaft, ungeschickt, ungelenk, hölzern, grob..., - kurz: linkisch. Die deutsche Sprache kennt viele abwertende Umschreibungen für Linkshänder. Die Umgangssprache verwendet heute kaum noch das Wort "linkisch" für einen Menschen, der nicht immer auf direktem Wege zum Ziel kommt. Zwei linke Hände zu haben, steht allerdings immer noch für umständliches Arbeiten. Es hat sich so eingebürgert. Allerdings weicht die vormalige Ausgrenzung der Linkshänder einer eher gleichgültigen Haltung gegenüber Menschen mit dieser Prägung. Trotzdem gibt es auch immer noch Eltern, die ihre Kinder auf rechts umschulen wollen.

Wechselspiel zwischen den Hirnhälften

Die Ursache ist abschließend nicht geklärt. Die Theorien darüber was Linkshändigkeit begründet sind vielfältig und widersprechen sich zu einem Großteil. Fest steht nur, dass es ein Wechselspiel zwischen den Hirnhälften und den dort sitzenden Funktionen gibt. Bei Linkshändern ist die rechte Hirnhälfte mehrheitlich mit der Informationsverarbeitung beschäftigt und bei Rechtshändern ist dies genau andersherum. Ob genetische Faktoren eine Rolle spielen, die nun die Verteilung der Dominanz zwischen Rechts und Links festlegen, bleibt bisher eine offene Frage. Die so genannte Händigkeit - also die Tatsache, ob man rechts oder links schreibt oder malt - ist das deutlichste Zeichen für die entsprechende Dominanz einer Hirnhälfte. Welche dominiert ist eigentlich vollkommen egal. Die Dummheit und das Talent sind zwischen Links- und Rechtshändern gleich verteilt.

Linkshänder-Mythen

Seit Jahrhunderten ranken sich Mythen um die Linkshändigkeit. Im Mittelalter waren ohnehin alle des Teufels, die anders waren als die Mehrheit. In neuerer Zeit drückt die Statistik die Linkshänder an die Wand. So sollen Linkshänder empfänglicher für Allergien sein, die Haarwirbel sollen sich mit und entgegen dem Uhrzeigersinn drehen (bei Rechtshändern meist mit), sie sollen mit höherer Wahrscheinlichkeit homosexuell sein und sie regieren vornehmlich die USA, zumindest im 20. Jahrhundert  - dort gibt es auffällig viele Linkshänder in dieser Periode im Weißen Haus. Statistische Spielereien dieser Art haben das Ansehen der Linkshänder verklärt und beschädigt. Sie sind meist mit Zweifeln belegt und werden von Fachleuten genauso leidenschaftlich verfochten wie abgelehnt. Einzig im Sport haben Linkshänder in einigen Sportarten messbare Vorteile, die sich vor allem aus dem Überraschungsmoment ergeben. Im Handball wird die rechte Seite gern mit Linkshändern besetzt, weil sie einen anderen Raumwinkel abdecken können, Boxer fürchten die Rechtsausleger. Linkshändern wird darüber hinaus eine bessere Raumaufteilung zugesprochen, auch hier scheint die rechte Hirnhälfte eine Rolle zu spielen. Zusammengefasst: Man weiß eigentlich nichts über Gründe und Ursachen.

Wie können Eltern Gewissheit haben?

Die Zahlen, wie viele Linkshänder es gibt schwanken sehr. Zehn bis 15 Prozent, so ältere Schätzungen, fühlen sich mit der linken Hand wohler. Neuere Zahlen erwarten bis zu 50 Prozent. Diese Ungenauigkeit ist auch der Tatsache geschuldet, dass Linkshänder über viele Jahrzehnte versucht wurden umzuschulen. Und auch heute noch gibt es einige Eltern, die versuchen ihre linkshändigen Kinder auf rechts zu trimmen. Es gibt demnach eine Reihe von versteckten Linkshändern unter den rechtshändischen Zeitgenossen. Feststellen kann man dies nur durch Tests, die auf die Reflexe eines Menschen abstellen - etwa dem spontanen Fangen eines Apfels, der einem zugeworfen wird. "Mit vier, fünf Jahren steht definitiv fest, ob man Links- oder Rechtshänder ist“, sagt Johanna Barbara Sattler. Sie ist so etwas wie Deutschlands oberste Linkshänderwächterin. Eltern sollten auf die Betonung einer Seite bewusst verzichten. Schreib- oder Spielzeug, Besteck, Tassen und ähnliches sollte bewusst mittig aufgestellt werden, um die Reflexe des Kindes zu testen. Es wird immer seiner Natur folgen und mit der für ihn stärkeren Hand zugreifen.

Umerziehung

Das Umschulen hat für die Linkshänder oft keine angenehmen Folgen. Die festgelegte Dominanz in den Hirnarealen der rechten Hälfte bleibt davon gänzlich unberührt. Diese wird nun in ihrem dominanten Drang gehemmt und die schwächere linke Hälfte muss eine sehr energieaufwendige Überfunktion erfüllen. Beide arbeiten nun quasi gegen ihre Natur. Den Kindern bekommt dies meist nicht gut. Sie fühlen sich überlastet und in ihrem natürlichen Drängen gehindert. "Sie sind dann in einer Art Überkompensation manchmal zu außerordentlichen Leistungen in der Lage, können aber auch schwere Nachteile in ihrer Entwicklung erleiden“, berichtet Johanna Barbara Sattler weiter. Sie arbeitet als Psychologin seit Jahren mit Linkshändern, vor allem gegen die Begleiterscheinungen der Umschulung. Sprachstörungen, Legasthenie und psychische Auffälligkeiten sind die ungewollten Nebeneffekte der früher herrschenden Umerziehungsansichten. Aber auch die "erfolgreichen“ Linkshänder haben später mit Problemen zu kämpfen. Das ständige Abfordern von Hochleistung bleibt bei diesen nicht folgenlos im Erwachsenenalter und begründete die Legende der außerordentlichen Intelligenz und kreativen Kraft von Linkshändern. Statistisch nachweisbar sind diese allerdings nicht.

Praktische Hilfen

Linkshänder leben in einer rechts dominierten Kultur. Die linke Hand galt als beschmutzt, weil ihr die Aufgabe zukam, das Toilettengeschäft zu erledigen. Das ständige Umdenken in einer für sie seitenverkehrten Welt führt für Linkshänder im Alltag zu Stress und Belastungen. Wenn Sie einmal versuchen, sich morgens nicht mit der gewohnten rechten, sondern der linken Hand die Zähne zu putzen, dann bekommen Sie einen kleinen Einblick in diese Leistung. Die dominierende Festlegung unserer Kultur auf die rechte Hand, führt Linkshänder zu ganz praktischen Problemen. Da von rechts nach links geschrieben wird, fällt es vor allem Kindern schwer das zuvor Geschriebene nicht zu verwischen. Linkshänder können den Füllfederhalter oder den Kugelschreiber nicht über das Papier ziehen, sie müssen ihn schieben. Dies führt bei normalem Schreibgerät oft zum Reißen des Papiers, zumindest aber zu einer angestrengten Schreibhaltung. In Klassenzimmern sind die Fenster meist Links angeordnet, um beim Schreiben einen Schattenwurf zu vermeiden. Linkshänder erleben genau das Gegenteil. Haushaltsgeräte wie Messer oder Scheren sind durch den Schliff auf Rechtshänder festgelegt - Computermäuse und andere technische Geräte ebenfalls. Deswegen haben sich in den letzten Jahren Spezialgeschäfte für Linkshänder und ein engmaschiges Netz von Linkshänderberatern etabliert. Im Internet finden sich mehrere Beratungsangebote und Foren, die sich der Linkshändigkeit widmen. Beispielhaft sei hier das Linkshänderforum erwähnt, unter www.linkshaenderforum.org. Auch entsprechende Online-Shops sind abrufbar, mit Listen von Linkshänderläden vor Ort oder Angeboten Online zu bestellen (zum Beispiel www.linkshaenderseite.de oder www.linkshaender.de).

Alles nicht so schlimm - ein Ausblick

Johanna Barbara Sattler hat 1985 die erste deutsche Beratungsstelle für Linkshänder in München mitgegründet. Heute ist sie deren Leiterin und Autorin mehrerer Bücher über die Linkshändigkeit. Auf der Internetseite der Beratungsstelle ist eine Fülle von weitergehenden Informationen, Kursangeboten, eine Suchmaske für Beratungsstellen vor Ort, Shops und vieles mehr enthalten (www.linkshaender-beratung.de). Handlungsbedarf gäbe es vor allem in Schulen und Kindergärten beim Erlernen einer lockeren Mal- und Schreibhaltung. Auch die Industrie sollte Bedienelemente mittiger anordnen, um beiden Händen Entfaltung zu gönnen.

(Buchtipp: J. B Sattler "Der umgeschulte Linkshänder: Oder der Knoten im Gehirn", Taschenbuch, 2005)

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