Startseite
Sie sind hier: Home > Eltern > Erziehung >

Die Welt der Babysprache

...
t-online.de ist ein Angebot der Ströer Content Group

Sprache  

Die Welt der Babysprache

04.05.2009, 13:41 Uhr | Robert Scholz

Die Welt der Babysprache. Wie lernen Kinder zu kommunizieren?

Wie lernen Kinder zu kommunizieren? (Bild: Archiv)

Vom Erkunden von Papas Nasenhaaren, über „Adada…Bbbb…“, vergnügtem Quietschen und Jauchzen, zum ersten Wort. Zuerst ist es ohne Bedeutung, dann der erste Satz, der Beginn des Spiels mit Sprache. Es folgt der taktische Einsatz von Worten und Sätzen im sozialen Umfeld. Man lernt strategisch zu kommunizieren, auch zu manipulieren. Zuletzt die Schrift. Kommunikation ist eine sehr komplexe Angelegenheit, die spielerisch gelernt und im Erwachsenenalter scheinbar immer schwieriger beherrschbar wird - wenn man Talk-Shows sieht.

Aber wie lernt das Kind eigentlich zu kommunizieren?

Zu allererst sei gesagt, Wissenschaftler mögen die Einordnung in Altersgruppen, wenn es um die Kindesentwicklung geht, gar nicht. Dies würde die Eltern, wie auch die Kinder, in unnötigen Stress setzen. Deswegen beschreiben wir hier Entwicklungsabläufe, aber keine Anforderungsprofile für das sprechende Kind in Altersgruppen.

Am Anfang ist das Ohr

Ab der 20. Schwangerschaftswoche können Kinder hören. Wie muss man sich das vorstellen? Halten Sie einfach einmal den Kopf beim Baden im Sommer unter Wasser und lauschen Sie der Welt. Man versteht nicht ein einzelnes Wort, aber man hört das Rauschen der Welt, die Melodie, die Tonhöhen und -tiefen, die Schnelligkeit der Silben. Sprache ist am Anfang wie Musik. Ein Lautbrei, aus unterschiedlichen Tonmustern, der Melodie wird. Melodie ist dann auch aus entwicklungspsychologischer Sicht der Schlüssel für die Sprachentwicklung, so Werner Deutsch, Psychologe an der Universität Braunschweig, in einer breit angelegten Reihe des SWR-Rundfunks über Kommunikation. Musikalische Frühförderung, hilft demnach Kindern zu sprechen, auch wenn sie noch nicht allen Worten eine eindeutige Bedeutung zuordnen können.

Nach der Geburt…

…folgt das Trauma aller Eltern: der Schrei. Es ist das erste Lebenszeichen auch im sprachlichen Sinn. Geschrieen wird vorerst aus einem rein körperlichen Grund. Die Atmung des Kindes muss sich auf die Luftatmung umstellen. Die erste überlebensnotwendige Äußerung des Kindes ist gleichzeitig der Beginn von Sprache. Der Schrei wird dann in der Folge von dem Kind variiert. Spielerisch und mit großer Leidenschaft werden Laute gemalt und ausprobiert. Wenn Sie so wollen die Musik des Lernens. Eltern werden diese nach durchwachten Nächten selten als solche erkennen, aber vielleicht hilft es, wenn man sich diese Perspektive versucht anzueignen. Das Kind treibt dieses Lautspiel auch für sich. Es vergewissert sich sozusagen seiner Anwesenheit. Aber vor allem tritt es auf diese Weise mit den vertrauten Personen in Kontakt.

Nonverbale Kommunikation

In dieser Phase ist „Adada…Bbbb…“ die einzige verbale Komponente in der Verständigung zwischen Eltern und Kind. Auf die Sprache kommt es aber erst einmal auch nicht an. Viel wichtiger ist die nonverbale Kommunikation, das Abtasten des Gegenübers. Kinder, Kleinkinder zumal, müssen begreifen was sie erfahren wollen. Sie entdecken die Welt über die Hände. Diese Form der Unterhaltung kennen Erwachsene aus Dokumentarfilmen über vergessene Völker. Wenn die Forscher dann in das Dorf einmarschieren mit Kamera und Mikrofon, dann werden die Neuankömmlinge erst einmal angefasst. Die Phase ist für das Kind existentiell wichtig. Die Mimik zu studieren, Zuneigung und Nähe zu erfahren, dass ist in diesem Moment entscheidender als den Lauten einen Inhalt zu geben. Hier wird die emotionale Basis für ein ganzes Leben gelegt. Forscher gehen sogar soweit zu sagen, dass ein Kind, welches zu schnell spricht, nicht ausreichend diese Phase des Spürens von Stimmungen, des Studierens von Mimiken, erleben konnte. Dies hat negative Auswirkungen auf seine kommunikativen Fähigkeiten in der Zukunft, so Gerald Hüter, Prof. für Neurobiologie an der Universität Göttingen. Zeit ist ein wichtiger Faktor für die Entwicklung der sprachlichen und kommunikativen Kompetenz des Kindes. Ein so komplexes System wie die Kommunikation richtig zu verstehen, braucht seine Zeit.

Wie war das denn damals, Andrea?

Andrea, 42, ist Mutter von zwei Söhnen im Alter von acht und elf Jahren. Machen wir den Praxistest dieser ersten Kommunikationsschritte: „Ich habe in der Schwangerschaft sehr deutlich gespürt, wie das Kind auf Trubel, bei Geburtstagsfeiern zum Beispiel, im Bauch reagiert hat. Das hat sich übertragen, die Unruhe war spürbar. Auch die Wirkung beruhigender Musik auf das ungeborene Baby habe ich feststellen können.“ Was das Kind denn nun genau wollte, wenn es schreit, das ist für die junge Mutter später eine Herausforderung gewesen. Sie musste einen Code entschlüsseln, den sie nicht kannte. Was will denn ein Schrei genau besagen?: Ich bin müde, ich habe Hunger, ich fühle mich nicht wohl, die Windel ist voll? Beide, Mutter und Kind, sahen sich vor eine neue Kommunikationsaufgabe gestellt.

Vom Laut zum Leise, oder wie aus „Adada“ Andrea wird?

Das erste Wort muss warten bis der Körper sich vervollständigt hat. Vokale können Kinder erst sprechen, wenn der Kehlkopf in seiner endgültigen Position ist. Erst dann kann das erste Wort, auf das alle Mütter und Väter warten, gesprochen werden. Aus dem Spiel mit Lauten, entstehen Silben. Aus der Wiederholung der Silben, das erste Wort. Noch ist dieses nicht mit Bedeutung aufgeladen. Es wird schlicht gesagt. Vielleicht, weil es oft gehört wurde.  Aus „Adada“ wird Andrea. Zuerst noch zögerlich und schüchtern, dann natürlich mit der ganzen Kraft des nun orientierten Kehlkopfs. Zu diesem Zeitpunkt ist das Kind ein wahrer sprachlicher Weltbürger, alle Möglichkeiten der menschlichen Sprache liegen jetzt dem Kleinen auf der Zunge. Erst ab jetzt wird er deutschsprachig oder lässt sich zum bayerischen (oder vielleicht kantonesischen) Dialekt verführen. Wenn es das Hören und Sprechen von Lauten koordinieren kann, dann fügt sich das Kind in das ihn umgebende Sprachgewirr ein.

Kauderwelsch vs. Hochsprache – jeder ist anders

Jedes Kind fügt sich in seinem eigenen Rhythmus in die ihn umgebende Sprachwelt ein. Die Anlage, oder man könnte auch sagen die individuellen Voraussetzungen, entscheiden über den Sprachfortschritt. Wo die eine noch undeutlich mit den Silben kämpft, ist der andere schon beim Nachplappern von Papas Fremdwortkauderwelsch, das er aus der Arbeit mit nach Hause bringt. Umgekehrt gilt dies natürlich genauso.

Die Revolution - ein Wort hat was zu sagen

Die Silben werden mit einer Bedeutung versehen. Sie werden sozusagen mit Strom versorgt. Vorerst mit Niedrigstrom, denn ein Wort steht für alle ähnlichen Bilder, die das Kind wahrnimmt. Alles was hoch und aus Stein ist, ist ein Haus – auch wenn es eine Gartenlaube ist. Alles was fliegt ist ein Vogel. Mit wenigen Wörtern wird versucht, eine ganze Welt zu beschreiben. Erst im Laufe der nächsten Entwicklungsschritte werden sich die Bedeutungen, mit dem Anwachsen des Wortschatzes, erweitern und feiner unterscheiden. Jetzt kann der im frühkindlichen Stadium gelernte Umgang mit der Sprachmelodie endlich auch mal eingesetzt werden. Dem Wort wird neben der reinen sachlichen Bedeutung eine Absicht hinzugegeben. Die Begleitmusik der Kommunikation. Ein Wort kann allein durch die Stimmung dieser Musik mehrere Bedeutungen haben. Schokolade, kann nun stimmlich als solche benannt oder eingefordert werden. Alles hängt von der Tonhöhe ab, und vielleicht dem danach folgenden Geschrei, wenn es die „...lade“ eben nicht bekommt.

Das Wort wird zur Sprache – der Wortschatz füllt sich

Der Wortschatz wächst nun sehr schnell. Kinder können in dieser Phase ihrer kommunikativen Entwicklung mehr Verstehen als Ausdrücken. Sie greifen jetzt auf ihre mimischen Erkundungstouren durch Papas Gesicht zurück. Sie wissen wann etwas verheimlicht werden soll, allein aus der Tatsache, dass Seitenblicke getätigt werden und die Stimme sich senkt. Kinder sind gute Beobachter. Mit dem Wortschatz wächst auch die Komplexität der Sprache. Sätze werden länger und in sie kann mehr Inhalt hineingegeben werden. Es wird auch kreativ mit Sprache gearbeitet in dieser Zeit, um Dinge zu benennen, für die man noch kein Wort hat. Die Ur-Oma wird zur Tick-Tack-Oma, erinnert sich Andrea. Als Felix, der kleinere Bruder von Leon, geboren wurde, erklärte sie Leon lange vor dem großen Tag, dass jetzt bald ein Brüderchen geboren werden wird. Dieser fragte dann folgerichtig nach der Bohrmaschine, die diesen Vorgang in Gang setzen sollte. Hier regiert noch der Laut und die Silbe. Die für diese feinen Unterscheidungen notwendige Kenntnis der Schrift folgt erst später. Die Wörter, die es hat, wendet das Kind auf die Welt an. Mit sprachlichen Neuschöpfungen, die auch Erwachsenen deutlich machen, wie konventionell unsere Alltagssprache eigentlich ist.

Das eigene Ich 

Die Grammatik wird autonom, wie von selbst, gelernt und auch sonst wird Autonomie gewonnen. Es wird widersprochen. Die Psychologie nennt dies: Die Entdeckung des eigenen Ich. Manchmal zum Leidwesen der Eltern, aber dringend notwendig, wenn das Kind nicht mit 35 noch am elterlichen Küchentisch sitzen soll. Sprachlich kommt das „Ich“ erst recht spät zum Tragen. Bis dahin sind Kinder einfach sie selbst, sie spüren nicht den Drang sich abgrenzen zu müssen. Bei Geschwistern geschieht die Entwicklung und der sprachliche Ausdruck des „Ich, Ich, Ich“ früher, da sich in diesem Fall das Kind vom Bruder oder der Schwester zeitig abgrenzen muss.

Sprache strategisch eingesetzt

Das „Ich“ wird auch entdeckt zu einem Zeitpunkt, wo Erziehung und die Einführung in die gesellschaftlichen Regeln, dem Kind Bauchschmerzen verursachen, weil bestimmte Grenzen deutlich werden. Hier ist das „Ich“ die beste „Waffe“, so Werner Deutsch. Und, das Kind entdeckt, dass es eine Außenwirkung hat, die strategisches Handeln geradezu herausfordert, wenn man sein „Ich“ durchsetzen will. Offenbar wird dies in der zunehmenden Zurückhaltung bei Kindern. Haben sie früher noch vor sich hingeplappert, wenn sie sich unbeobachtet fühlten, so sind sie jetzt in sich versunkener. Kleine Kinder fordern offen ihre Bedürfnisse ein, ältere hingegen stellen stillschweigende Erwartungen - sehr zum Leidwesen der Eltern, die nicht immer wissen, was genau denn jetzt gewollt ist. Die eigenen Gefühle können immer genauer beschrieben und die der Anderen mitgefühlt werden. Eine andere Perspektive kommt in das Bewusstsein des Kindes - kann jetzt mitgedacht und natürlich auch strategisch genutzt werden, zum Beispiel durch Lügen. Aber generell erhöht die Möglichkeit, nun Einblicke in andere Lebens-, Gefühls- und Gedankenwelten zu erlangen, die kommunikative Kompetenz des Kindes.

Andrea, wie groß war denn das kleine „Ich“?

„Schon sehr früh habe ich die Äußerung des eigenen `Ich` bei meinem Kind wahrgenommen. Meine eigene Sprache hat sich dann automatisch dem kindlichen Sprechen angepasst.“ “Haben!“, lautete damals die Forderung des Ältesten und, „Nein, nicht Haben!“, die entschiedene Antwort. Reaktionen zu zeigen, auch auf das noch so unverständliche Brabbeln der Kleinen, das hält die zweifache Mutter für sehr wichtig bei der Ausbildung einer guten gegenseitigen Verständigung. Später dann, wenn das „Ich“ gewachsen ist, die Pubertät schon um die Ecke blinzelt, ist dies auch ein Lernprozess für die Eltern. „Es ist nicht leicht, sich daran zu gewöhnen, dass jetzt die Dinge nicht mehr nur gesagt werden müssen, sondern, dass man mit Widerspruch und Gegenargumenten rechnen muss.“

Die Schrift

Mit Erlangung der Schulreife kommt die Schrift als Kommunikationsinstrument hinzu. Sie bereichert nochmals enorm den Wortschatz, außerdem kann nun raum- und zeitunabhängig kommuniziert werden. Dies ist vor allem wichtig mit Blick auf die neuen Kommunikationskanäle, wie SMS via Handy, E-Mail und Chatangebote, integriert in Spielkonsolen. Die Schrift hat aber noch ein zwangsläufiges Gegenstück - das Lesen. Kindern, denen sehr viel vorgelesen wurde, attestieren Wissenschaftler einen Kommunikationsvorsprung.

Die Zeit der Diskussionen

Nun ist es soweit. Die Zeit der widerspruchslosen Erziehung ist endgültig vorbei. Man sieht sich einem Partner gegenüber, der jeden Tag mehr die Mechanismen „erwachsener“ Kommunikation durchschaut. Konflikte und deren Lösung fordern ab jetzt den Konsens geradezu heraus. Die Diskussionskultur im Elternhaus ist entscheidend für die weitere sprachliche und soziale Entwicklung des Kindes. Dies gilt im Negativen wie Positiven. Diskussion kann auch übertrieben werden und beim Kind ähnlich falsche Signale setzen wie gar kein Austausch. Aber, auch Kinder untereinander sind ja nun auf Verhandlungen angewiesen, ob auf dem Schulhof oder im Sportverein. Je besser sie dies durch Sprache beherrschen, desto geringer ist die Versuchung den Oberarm anzufragen.

Liebe Leserin, lieber Leser, aktuell können zu diesem Thema keine neuen Kommentare abgegeben werden. Ab 6 Uhr können Sie hier wieder wie gewohnt diskutieren. Wir danken für Ihr Verständnis.
Liebe Leser, bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel kommentieren zu können. Mehr Informationen.

Kommentare

(0)
Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre Adresse an.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht

Wählen Sie aus dem Pull-Down-Menü Ihren gewünschten Ansprechpartner aus. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail
Anzeige
Video des Tages
Rutschpartie des Jahres 
Selbst der Schneepflug scheitert an diesem Hügel

Das Video begeistert schon mehr als 22 Millionen Menschen im Internet. Video

Anzeige

Shopping
Shopping
Jetzt EntertainTV Plus bestellen und 1 Jahr sparen!

EntertainTV Plus 1 Jahr statt 14,95 € für 4,95 €* mtl. sichern. www.telekom.de Shopping

Shopping
Macht den Kaffeemoment zur besten Zeit des Tages

Siemens Kaffeevollautomat der EQ Serie: Erfahren Sie vollendeten Kaffeegenuss. von OTTO

tchibo.deOTTObonprix.deESPRITC&ACECILzalando.dedouglas.deKlingel.de

Anzeige
shopping-portal