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Wolfgang Bergmann fordert Kreativität statt Disziplin in der Erziehung

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Erziehungsratgeber  

Der Ruf nach Disziplin verunsichert Eltern

08.05.2009, 15:05 Uhr | Simone Blaß

Wolfgang Bergmann fordert Kreativität statt Disziplin in der Erziehung. Für Wolfgang Bergmann sind Kinder keine Tyrannen sondern Glück.

Für Wolfgang Bergmann sind Kinder keine Tyrannen sondern Glück. (Bild: Imago)

Der Ruf nach Disziplin verunsichert Eltern. Darauf reagiert der Autor Wolfgang Bergmann mit dem Buch "Warum unsere Kinder ein Glück sind". Denn seit einiger Zeit tobt ein Expertenkrieg zum Thema "Disziplin in der Erziehung"‘ durch die Medien, gefüttert von sehr unterschiedlichen Neuerscheinungen auf dem Büchermarkt der Erziehungs-Ratgeber. Bergmanns Buch will vermitteln, was elterliche Kunst tatsächlich ist: Liebe, Geborgenheit und Vertrauen.

Kreativität statt Disziplin, Super-Nanny und Tyrannen

Auslöser waren sowohl das vielumstrittene Buch von Bernhard Bueb mit dem Titel "Lob der Disziplin" als auch Michael Winterhoffs "Warum unsere Kinder Tyrannen werden", das mehrere Bestsellerlisten anführte und jetzt aktuell ergänzt wird durch das erst in diesem Jahr erschienene "Tyrannen müssen nicht sein". Prominenter Anführer der Kritiker ist Wolfgang Bergmann, renommierter Kinder- und Familientherapeut, Autor von zahlreichen Büchern zum Thema Erziehung und Vertreter einer "guten Autorität", geprägt von Gelassenheit, Geduld und Liebe. Er setzt auf Einfallsreichtum und Kreativität und stört sich an der neuen Erziehungskultur, die auf Gehorsam abzielt und unter anderem mit der "Super-Nanny" zahlreiche Anhänger findet. Dabei sind sich Wolfgang Bergmann und Michael Winterhoff durchaus in einigen Punkten einig. Winterhoffs Buch allerdings ist nicht als Erziehungsratgeber gedacht, sondern, wie er selbst sagt, eine "Analyse aus kinderpsychiatrischer und tiefenpsychologischer Sicht". Und er beklagt, genau wie Bergmann, dass immer mehr Kinder und Jugendliche als auffällig gelten. Doch die Schlüsse, die beide daraus ziehen, sind höchst unterschiedlich. t-online.de sprach mit Wolfgang Bergmann über seinen Ansatz.

Herr Bergmann, wie erklären Sie sich, dass heutzutage immer mehr Kinder als auffällig gelten?
Darauf gibt es keine erschöpfende Antwort, diese Frage bewegt die klugen Sozialwissenschaftler wie die psychologisch-pädagogischen Debatten seit 20 Jahren intensiv, getrieben von der besorgten Frage: Zerfällt unsere Gesellschaft in egozentrische Individuen ohne einen verinnerlichten, also tief empfundenen Gemeinsinn? Stirbt das soziale Gewissen? Feststellbar ist, wir sind einander gleichgültig geworden. Auf jeder Verkehrskreuzung können sie beobachten, wie rücksichtslos wir selbst mit den Schwächsten, den Alten und den kleinen Kindern umgehen. Zynismus in der Wirtschaft wird gegenwärtig offenkundig, ein weiteres Warnsignal. Die modernen Kinder haben kaum noch starke moralische Gegenbilder. In der Schule herrscht ein oft erbarmungsloser Leistungsstress, der im Übrigen die Schüler nicht schlauer, sondern dümmer macht und zuhause wirken Mutter und Vater oft gehetzt, von Zukunftsangst getrieben. Moderne Kinder sind mehr denn je eine Kindergeneration auf der Suche nach starken beispielhaften Erwachsenen – und finden sie oft nicht.

In Ihrem neuesten Buch sprechen Sie davon, dass ein zu strenges "Nein" genauso wenig zu empfehlen ist wie ein zu nachsichtiges, in dem die Kinder dank der mitschwingenden Zwischentöne doch noch Hoffnung auf ein "Ja" erkennen und es nicht ernst nehmen. Das "Nein" soll einen Klang von Bestimmtheit haben und entschieden sein. Ist das nicht auch eine Form von dem, was Michael Winterhoff "Grenzen setzen" nennt?
Grenzen setzen sagen zur Zeit alle – auf jeder Tagung wird mehrmals deklariert, dass man Grenzen setzen müsse, bevor mal einer aufsteht und darauf hinweist, dass Kinder auch eine große Freude sind, dass sie eine neugierige Lust auf das Leben haben und wir von ihnen in diesem Punkt viel lernen könnten. Winterhoff sagt übrigens, man müsse dem Kleinkind Widerstand entgegensetzen, sonst entwickle es die „Nervenzelle Mensch“ nicht. Das lasse ich unkommentiert! Ich bin seit Ewigkeiten für Autorität, war es schon, als wir in den 70ern einen der ersten Kinderläden gründeten. Die Frage ist nur, was man darunter versteht. Dieser schneidige disziplinierende Ton, der sich in vielen Ratgeber-Büchern und überhaupt in der pädagogischen Diskussion eingeschlichen hat, ist des Teufels. Er schadet nicht nur den Kindern, den Eltern auch. Warum? Kinder gehorchen ihren Eltern, weil sie sie lieb haben. Beschädige ich die Liebe mit dauerndem Meckern und Konsequenz oder gar Strafen, dann mache ich auch die Bereitschaft zum Gehorsam kaputt. Kinder sind dann enttäuscht, gekränkt, fühlen sich im Stich gelassen. Dann gehorchen sie natürlich nicht, sondern werden trotzig, deprimiert oder wütend. Erziehung ist eine Kunst der Feinheiten. Nicht, dass sie „nein“ sagen, ist für ein Kind so ungemein wichtig, sondern, wie sie es sagen. Um es kurz zu machen: Erst die Liebe, dann der Gehorsam, umgekehrt geht es nicht. Spürt Ihr Kind Ihre Liebe im Blick Ihrer Augen, im Klang der Stimme, in all den vielen kleinen kommunikativen Zeichen, die in der Erziehung ausschlaggebend sind, dann will es auch gehorchen. Es will diese Bindung nicht unterbrechen! Kinder lieben ihre Eltern, das ist das A und O und Gehorsam ist ein Kind der Liebe. Jedenfalls meistens. Manchmal haben Kinder wie wir auch einfach schlechte Laune und sind durch nichts daraus hervorzulocken. Dann darf man auch ruhig mal sagen: „Mein Kleines, du hast zwar die süßeste Nasenspitze unter der Sonne, aber im Augenblick gehst du mir extrem auf die Nerven. Halt jetzt den Mund“. Jedes Kind versteht das. Liebe schließt Konflikte nicht aus, nur Lieblosigkeit – die darf niemals sein.

Sie zitieren einige Passagen aus "Warum unsere Kinder Tyrannen werden" ihres Kollegen Michael Winterhoff sowie aus Bernhard Buebs "Lob der Disziplin". Diese Passagen einzeln betrachtet, klingen teilweise tatsächlich erschreckend. Worin liegt Ihrer Ansicht nach der Erfolg, den die beiden Autoren trotzdem vorweisen können? Fehlt unserer Gesellschaft die Orientierung, so dass wir Halt suchen im Extremen?
Ich finde manche Bücher einfach nur unmoralisch. Und viele Pädagogen – Therapeuten übrigens auch, Bildungs- und andere Politiker erst recht – wissen nicht, wie es weitergehen soll. Aber zum Nachdenken haben sie kaum Zeit, da müssen sie schon den nächsten Aktionsplan oder den allerneuesten Erziehungskurs vorlegen. Folge: Sie greifen auf alte Klischees zurück –  so wie „Kinder müssen gefälligst funktionieren, hat uns auch nicht geschadet“ – und versuchen des Gedankens Blässe mit markigen Worten zu übertünchen. Deshalb hat der zurzeit am meisten Erfolg, der am lautesten schreit. Winterhoff beispielsweise fasst in seinem Buch eine tiefe kindliche Persönlichkeitsstörung und das Verhalten eines schlicht unerzogenen Jungen unter dem Wort „Tyrannen“ zusammen. „Tyrannen“ klingt massiv, bombastisch, es gibt einfach viele genervte Erwachsene, die sofort heftig mit dem Kopf nicken. Aber natürlich führt diese gedankliche und diagnostische Nachlässigkeit in eine Sackgasse. Die Kinder sind so etwas wie der Sündenbock für eine zunehmend zerfallende Gemeinschaftskultur, dabei machen sie nur nach, was ihnen jeden Tag an Rücksichtslosigkeit vorgezeigt wird. Aber selbst das gilt nur für einen bestimmten Prozentsatz von ihnen – im Übrigen begegnen mir die meisten Kinder höflich, sie sagen „Entschuldigung“, wenn sie mich angerempelt haben – darauf können sie bei vielen Erwachsenen lange warten!

Disziplin und Ordnung, von Herrn Winterhof gefordert, machen Kinder unglücklich, manche erkranken sogar seelisch, so Ihre Aussage. Aber ist eine gewisse Disziplin und eine gewisse Ordnung der Dinge nicht grundsätzlich notwendig im Zusammenleben mit anderen?
Natürlich. Kinder wollen starke Erwachsene, aber keine, die sie klein machen, die sie mit Strafen und „Konsequenz“ bedrohen und sonst nichts im Kopf haben. Dieses Denken greift um sich, zumindest bei vielen Autoren und Pädagogen. Bei Eltern beobachte ich zu meiner stillen Freude, dass sie immer noch in weitaus größter Zahl liebevoll und behutsam mit ihren Kindern umgehen. Ich bin in meiner Praxis gerade zu den schwierigen Kindern und Jugendlichen stinkautoritär, aber erst, wenn ich mir über zwei Dinge ganz sicher bin. Erstens: Das Kind hat Vertrauen zu mir, Bindung und Zuneigung bestimmt und prägt das Klima zwischen uns und zweitens: Auch bei einem autoritären Satz schwingt immer ein Ton von Gemeinsamkeit, von "Komm her, wir zwei beide, wir schaffen das!" mit, also von Zuneigung, sogar von einer prinzipiellen Liebe zu Kindern. So wird aus Ordnung und meinetwegen Disziplin dann Geborgenheit, und nicht Einschüchterung. Dann ist ja alles gut!

Sie arbeiten in Ihren Fallbeispielen häufig mit der "Ablenkung". Zum einen, um Wutanfällen vorzubeugen, zum anderen, um einen Perspektivwechsel zu erzeugen. Aber ist es wirklich sinnvoll, mit Ablenkung zu agieren, statt das Kind die Situation ausleben zu lassen und dabei zu erleben, dass es Grenzen gibt und zwar für jeden von uns? Sollte ein Kind nicht lernen, beispielsweise mit einem "Nein" an der Supermarktkasse klarzukommen? Und damit auch lernen, mit Frustrationen angemessen umzugehen, ohne sich mit etwas anderem davon abzulenken?
Nun ja, aber ein Kind muss das eben „lernen“. Lernen heißt, man muss es zu dieser, für eine Vierjährige beispielsweise, schwierigen Einsicht hinführen. Ein stures „Nein“ ruft vor allem bei den Kleineren nur ein einziges Gefühl hervor: Mama hat mich gar nicht lieb, Papa mag mich nicht – dazu noch der versagte Wunsch. Was erwarten wir denn? Natürlich ernten wir dann Trotz, Tränen und Wut, Das Kind weiß vor lauter Kränkung und Versagung nicht mehr ein noch aus. Das ist doch ganz einfach zu verstehen. Also lenke ich nicht einfach ab, ich zeige dem Kind, wie man beispielsweise auf den ersehnten Joghurt, der in Wahrheit eher eine verkleidete Zuckerdose ist, zwar verzichten muss, aber gleichzeitig frohen Herzens sich auf die Heringsdose mit der scharfen Chilisoße freuen darf – weil die beim Abendbrot so schön in der Nase kitzelt und Papa immer niesen muss. Über die Vorfreude erträgt das Kind den Verzicht. Und lernt: Ich kann ganz gut verzichten, ist gar nicht so schwer! Ohne die vergnügte, humorvolle und zugleich entschiedene Haltung von Eltern lernen Kinder das nicht – schon gar nicht durch ein barsches „kommt gar nicht in Frage“. Noch eine letzte Anmerkung: Man kriegt das als Eltern nicht immer hin, man ist nicht immer ausgeglichen und gelassen. Das muss auch nicht sein: Kein Kind braucht perfekte Eltern. Aber um liebevolle und beruhigende Zuwendung zum Kind können wir uns doch wenigstens so oft es nur eben geht bemühen, oder etwa nicht? Wir lieben unsere Kinder doch! Die Disziplin-Pädagogen stören diese Liebe, auf beiden Seiten – bei den Kindern, und zuletzt bei uns selber auch. Das ist meines Erachtens miserable Pädagogik und entwicklungspsychologisch-fachlich ist es einfach falsch. Das sagen uns 100 Jahre analytische Psychologie, 50 Jahre Bindungsforschung und seit einiger Zeit auch die Gehirnforschung. Wir wissen es, oder können es wissen. Wir haben also die Verantwortung.

Ist es wirklich nötig, so viele Diskussionen zum Thema ‚Erziehung‘ zu führen? Sollten nicht alle Eltern einfach etwas mehr auf ihr Bauchgefühl und ihre Liebe zum Kind hören?
Dem stimme ich vorbehaltlos zu! Das Wichtigste ist nicht, was wir im Umgang mit Kinder denken oder beabsichtigen, unsere Erziehungsziele sind den Kleinen ziemlich egal – wichtig ist, wie wir das Kind anschauen, wie unsere Stimme klingt, ob wir gehetzt oder ruhig sind, ob wir Geborgenheit stiften und dadurch wirkliche Vorbilder werden oder bei jeder Kleinigkeit ausrasten und das dann auch noch „Konsequenz“ nennen. Und dann eben miese Vorbilder sind. Liebe erzeugt Gehorsam, meckern und strafen erzeugt Trotz. So einfach ist das. Herr Bergmann, vielen Dank für dieses Gespräch.

Buchtipp: Wolfgang Bergmann: „Warum unsere Kinder ein Glück sind – So gelingt Erziehung heute"

Zum Autor: Bergmann ist Vater dreier Kinder, Diplom-Pädagoge, Familientherapeut mit eigener Praxis und war Chefredakteur der "Deutschen Lehrer Zeitung". Er plaudert oft ein bisschen aus dem Nähkästchen, bringt konkrete Beispiele, die in ihrer Einzigartigkeit so oft nicht übertragbar aber trotzdem interessant sind. Seine Lösungswege sind manchmal außergewöhnlich, aber meist erfolgreich. In seinem neuesten Werk „Warum unsere Kinder ein Glück sind“ plädiert er vehement für eine Erziehung mit Kreativität, Mitgefühl und Einfühlsamkeit. Den in seinen Augen kinderfeindlichen und gefährlichen Trend hin zu mehr Disziplin und Ordnung, zur Rückkehr zu den "guten, alten Tugenden der Erziehung" führt er gezielt mit Beispielen aus den Büchern Winterhoffs und Buebs vor und analysiert nicht nur deren Sprache, sondern auch deren Erfolg auf dem Markt. Und vergisst dabei nicht, auf derzeit herrschende gesamtgesellschaftliche Probleme hinzuweisen und diese damit in Zusammenhang zu bringen. Es kommt Bergmann darauf an, dass nicht Konsequenz sondern Geborgenheit das ist, was Kinder spüren sollten, denn nur so wächst seiner Ansicht nach Vertrauen und das wiederum führt von alleine zum erwünschten Ziel. Wolfgang Bergmann sieht sein neuestes Werk als die Antwort auf Winterhoff. Eine Antwort, die vermitteln soll, was elterliche Kunst tatsächlich ist: Liebe, Geborgenheit und Vertrauen.

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