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"Erwachsen auf Probe" - viel Lärm um Nichts?

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Doku-Soap  

Eltern auf Probe - viel Lärm um Nichts

04.06.2009, 11:15 Uhr | rev, t-online.de, dpa

"Erwachsen auf Probe": Wirklich schon reif für ein Baby? (Bild: RTL)"Erwachsen auf Probe": Wirklich schon reif für ein Baby? (Bild: RTL)Baby Nummer vier stirbt noch in der ersten Nacht. Zum Glück war es nur der Baby-Simulator, den "Leihvater" Elvir in der am Mittwochabend ausgestrahlten ersten Folge der RTL-Serie "Erwachsen auf Probe" im Schlaf erstickt. Der 17-Jährige nimmt mit seiner gleichaltrigen Freundin an der laut RTL "sozialen Reifeprüfung für Teenager" teil. Vier jugendliche Pärchen mit Kinderwunsch sind dafür in vier bunte Häuschen einer Vorstadtsiedlung gezogen und spielen "Erwachsensein". Die Fernsehsendung hatte noch vor ihrer Ausstrahlung für Aufregung gesorgt. Zahlreiche Organisationen, darunter der Kinderschutzbund, liefen Sturm gegen die Serie, Klagen gegen die Ausstrahlung scheiterten erst Stunden vor Sendebeginn.

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24 Stunden mit falschem "Baby-Bauch"

Vier Pärchen im Alter von 16 bis 19 Jahren leben darin vor, was es heißt, erwachsen zu sein und Kinder zu haben. Die meisten der Teenager haben scheinbar auch ohne Kind bereits genug Probleme, die als Rahmenhandlung dienen: Ohrfeigen vom Freund, Konflikte mit dem Gesetz, eine Fehlgeburt. Dann kommt es "hart auf hart": die Pärchen müssen entscheiden, wer arbeiten geht, die Mädchen müssen für 24 Stunden einen "Baby-Bauch" umschnallen, der in Umfang und Gewicht einen Schwangerschaftsbauch Anfang des neunten Monates simuliert.

Elternschaft im Zeitraffer

Dann folgt die nächste Stufe: In einer Tasche vor der Haustür liegt für jedes Paar ein sogenannter Baby-Simulator, der die nächsten 24 Stunden betreut werden muss. Der Baby-Dummy sieht einem echten Baby täuschend ähnlich und weint, nässt sich ein und reagiert auch sonst wie ein richtiges Kind. Am sechsten Tag bekommen drei der vier Paare echte Babys, um die sie sich kümmern müssen. In späteren Folgen werden die Babys schließlich durch Kleinkinder, Schulkinder und Teenager ausgetauscht. Das komplette Elternsein im Zeitraffer.

Proteste gegen RTL

Unzählige Verbände sowie Politiker haben sich gegen die Ausstrahlung der Show eingesetzt. Heftige Proteste kritisierten die Eltern, dass sie ihre Kinder verleihen würden und RTL dafür, dass sie Babys und Kinder vorführten um Quote zu machen. "Die Produzenten dieser Sendung setzen insbesondere kleine Kinder bewusst existenziellen Ängsten aus und nehmen die seelische Gefährdung der Kinder billigend in Kauf. Das Kindeswohl ist selbst durch psychologische Betreuung im Umfeld nicht gesichert", erklärte die Kinderkommission. Auch der Hebammenverband protestierte gegen die Sendung, verlangte ihr Verbot und sprach von einer "neuen Form der Prostitution", da Säuglinge im grellen Licht der Öffentlichkeit ausgesetzt würden. Ebenfalls im Forum von t-online.de/eltern drückten die User ihr Unverständnis gegenüber der angekündigten Show aus: "Nur um Geld zu verdienen, tun manche Eltern wohl alles ohne Rücksicht auf Verluste. Wenn mich einer fragt, gehören die Eltern der Kinder bestraft", so einer der User verärgert.

Nicht viel mehr als Babysitter

Und nach Ausstrahlung der ersten Folge: Viel Lärm um Nichts? Im Anschluss an die Sendung erklärt eine Mutter bei "Stern TV", die ihr zehn Monate altes Kind für die Sendung "verliehen" hat, dass ihr Sohn nach den Dreharbeiten genauso entspannt gewesen sei wie sonst auch. Auch habe er abends immer bei ihr geschlafen und auch nie den ganzen Tag im Haus der Leiheltern verbracht. Die Jugendlichen sind insofern nicht viel mehr als Babysitter auf etwas längere Zeit. Gezeigt wird das in der Serie so aber nicht. Marlis Herterich vom Kinderschutzbund bleibt daher bei ihrer Kritik: In der Sendung werde den Zuschauern der Eindruck vermittelt, dass die Kinder vier Tage komplett von ihren Eltern getrennt worden wären. Das könne Experten zufolge bei so kleinen Kindern zu Bindungsstörungen führen. 14 Tage am Stück mit den Baby-Dummies hätten bei den Jugendlichen einen ähnlichen Effekt gehabt und man hätte die Kinder dem Ganzen nicht aussetzen müssen, sagte Herterich. Der Dreh der Sendung mag also wenig gefährlich gewesen sein für die Kinder. Der Eindruck, den die Show jedoch vermittelt, bleibt zumindest bedenklich.

Kinder der Öffentlichkeit ausgesetzt

Gerechtfertigt bleibt die Kritik, dass in der Sendung Kinder vorgeführt werden - das aber gilt auch gleichermaßen für andere Erziehungsshows wie "Super-Nanny". Kinder werden in diesen Formaten dem Voyeurismus der Fernsehzuschauer ausgesetzt. Und zwar geschickt so geschnitten, dass sie dem Publikum als besonders dramatische Fälle erscheinen. Die Zuschauer sind nicht nur ein anonymes Publikum. Auch die Nachbarn, Arbeitskollegen und die Schulkameraden der Kinder können zusehen. Die Intimsphäre wird bei "Super-Nanny" & Co. aufgegeben. Man sieht Kinder toben, brüllen und heulen. Sie werden als "Monster", "Zoff-Kinder", "Satansbraten" oder "kleine Tyrannen" dargestellt und diskriminiert. Man kann sich vorstellen, wie die Kinder in einigen Jahren reagieren werden, sollten sie mit Ausschnitten aus der damaligen Sendung konfrontiert werden. Laut eigener Aussage will RTL mit der "Super Nanny" betroffenen Familien Hilfestellung bieten und Lösungsansätze aufzeigen. Doch Kinder auf diese Weise ihrer Privatsphäre zu berauben und der Öffentlichkeit auszusetzen, zeugt nicht nur von der Verantwortungslosigkeit der Sender - sondern auch der Eltern.

Jugendliche "Leiheltern" werden bloßgestellt

In "Erwachsen auf Probe" werden allerdings weniger die Babys und Kinder, die "verliehen" werden, bloßgestellt, sondern vor allem die jugendlichen Leiheltern selbst. Für diese Rollen hat sich RTL fast durchgehend Teenager ausgesucht, denen es schon von vornherein an sozialer Kompetenz mangelt und deren Beziehungen kaum gefestigt sind. Wenn man sie dabei beobachtet, wie sie fast am Einkaufen im Supermarkt oder beim Aufbau eines Ikea-Stuhls scheitern, kann man schnell Mitleid bekommen. Elvir ist sich bereits mit 17 Jahren sicher, dass Arbeiten nichts für ihn ist und hält es auch für in Ordnung, dass ihm einmal die Hand ausgerutscht ist, als ihm seine Freundin nicht genügend Respekt entgegengebracht hatte.

"Deppen der Nation"

RTL-Unterhaltungschef Tom Sänger erklärt zur Sendung: "Es ist unbestritten, dass in Deutschland die Zahl der Teenager-Mütter und der Schwangerschaften bei minderjährigen Mädchen kontinuierlich zunimmt und dass viele Jugendliche leider nicht 'reif' für eine Familiengründung sind. Auch wegen dieser großen sozialen Relevanz machen wir das Projekt und sehen es als eine soziale Reifeprüfung für Jugendliche." Man darf jedoch daran zweifeln, dass diese Jugendlichen nach einem Crash-Kurs dieser Art bereit sind für ein Kind. Es ist ein komplexer Entwicklungs- und Sozialisationsprozess, der aus Kindern und Jugendlichen letztendlich Erwachsene macht. Und nicht ein paar Wochen Doku-Soap. Wenn RTL glaubt, dass sie den Teenagern hilft, liegt der Sender falsch. Er präsentiert sie vielmehr als weitere "Deppen der Nation". Was also den pädagogischen Nutzen dabei angeht, gilt tatsächlich: viel Lärm um Nichts.

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