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Wenn Kinder Geheimnisse haben

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Erwachsenwerden  

"Das ist mein Geheimnis!“

16.07.2009, 13:02 Uhr | Robert Scholz

Wenn Kinder Geheimnisse haben. Mädchen flüstert einem Jungen etwas in sein Ohr.

Je älter die Kinder werden, desto mehr Bedeutung bekommen die Geheimnisse mit Freunden. (Bild: Imago)

Eine Umfrage brachte es zu Tage. Fast 50 Prozent der Jungen würden ihre Geheimnisse am liebsten Michael Ballack anvertrauen. Wenn die Mädchen mit in diese Rechnung einbezogen werden, sind es immerhin noch 25 Prozent. Das könnte uns alle beruhigen. Zumal lediglich ein Prozent der Befragten unter 14 Jahren ein Geheimnis mit Paris Hilton teilen würde. Kinder haben Geheimnisse und müssen sie auch haben. Geheimnisse schaffen "Räume ihrer Privatheit“, sagt Michael Schnabel vom Staatsinstitut für Frühpädagogik. Sie sind erste Schritte in das Erwachsenwerden. Sie sind ab dem Grundschulalter das Tor zur eigenen Identität, "zu eigenen Vorstellungen, Meinungen, Ansichten und Urteilen“, so Michael Schnabel weiter. Geheimnisse sind so etwas wie die Bestätigung eines eigenen Lebens. Ich bin jemand, ich habe eine Identität - das wird damit deutlich gemacht.

Tief vergraben

Geheimnisse können aber auch belasten - Ängste beherbergen und weitere auslösen. Und, wenn sie sich verfestigen, dann wird aus dem Geheimnis eine Bedrohung. Wer hatte sie nicht, die dunklen Geheimnisse? Verheimlicht wurden die schlechten Noten, das Eis vor dem Mittagessen, der Streit mit dem Freund und der Diebstahl eines Schokoriegels, um den Kumpels zu gefallen. Meist wurden Dinge für sich behalten, die eigentlich verboten waren. Die Leipziger Psychotherapeutin, Agnes Dawir-Kursawe, sagt: "Heimlich, ist immer unheimlich“, und meint damit die Art von Geheimnissen, die mehr Trauma sind, als etwas, was man aus Furcht vor Strafe verbergen möchte. Ängste, Übergriffe und Demütigungen werden von Kindern auch geheim gehalten. Dies geschieht meist aus Scham oder Angst und gräbt sich in die Seelen. Diese Geheimnisse dürfen keine bleiben.

Wem vertrauen?

Platz zwei der vertrauenswürdigsten Personen belegt in der Umfrage der Gesellschaft für Erfahrungswissenschaftliche Sozialforschung (GEwiS), Bill Kaulitz, der Sänger von Tokio Hotel. Dieses wiederum könnte uns beunruhigen. Aber vermutlich wird bei nur wenigen Personen die Identität stiftende Funktion von Geheimnissen so deutlich, wie bei einer der Galionsfiguren der heutigen Kinder. Das natürliche Gegenstück von einem Geheimnis ist nämlich das Vertrauen. Auch Platz drei dieses Prominentenrankings hinterlässt gemischte Gefühle, aber macht die Bedeutung der Geheimnisse für die Suche nach Abgrenzung von den Eltern plausibel: Es ist der deutsche Rapper Sido. Ausgerechnet Sido. Michael Ballack, Bill Kaulitz und Sido - denen würden also die meisten Kinder ihre Geheimnisse anvertrauen. Da atmen die Mutter und der Vater erstmal durch. Sollten unsere Kinder nicht zu allererst uns vertrauen? Ist dies ein Indiz für ein gestörtes Eltern-Kind-Verhältnis, für ein Misstrauen gegen die eigenen Eltern? Nein. Es ist der Weg vom Kind zum Jugendlichen.

Zwischen Fürsorge und Kontrolle

Viele Eltern schauen in das Tagebuch der Kinder, durchsuchen ihre Schulranzen und lesen heimlich in den E-Mails. Ist die Klassenarbeit nicht doch versteckt worden? Mit wem trifft sie sich? Warum ist er gestern weinend nach Hause gekommen? Jeder will die eigene Sphäre seiner Kinder respektieren, aber wie soll man hinter die Geheimnisse kommen, die man vermutet? Wann wird aus der Fürsorge Kontrolle, die womöglich das Maß verliert? "Wenn Kinder Dinge geheim halten, die eine Gefahr für Leib und Seele beinhalten - Drogen, Alkohol, Übergriffe von anderen Kindern oder Erwachsenen etwa - dann könnte dies darauf hinweisen, dass in der Eltern-Kind-Beziehung bereits vorher etwas schief gelaufen ist. Dann besteht ein grundsätzlicher Mangel an Vertrauen. Hier müssen sich Eltern Hilfe suchen“, so fasst die Leipziger Therapeutin ihre Erfahrungen in 30-jähriger Berufspraxis mit Kindern und Eltern zusammen. Es gibt Bereiche, da sind die Geheimnisse der Kinder, wenn sie nicht entdeckt werden, eine Pflichtverletzung der Eltern. Zum Beispiel ein dubioser Freundeskreis, der vermutete Umgang mit Drogen, die schulischen Belange, das Internet und seine Möglichkeiten, das Spiel- und Medienverhalten - alles Bereiche, über die Eltern Bescheid wissen sollten. Zumindest sollten sie wissen, in welche Richtung sich ihr Kind bewegt, mit wem es Umgang pflegt und welche Nöte es belasten. Kurz: Welche Geheimnisse was genau verbergen sollen.

Unterschiede zwischen Fünfjährigen und 14-Jährigen

Fünf- und Sechsjährige verstehen unter Geheimnissen etwas ganz privates. Für sie sind Geheimnisse der alleinige Besitz. Etwas, was nur ihnen gehört; etwas, das man für sich behält - erst dann wird es zu einem Geheimnis. Es gehört einem allein. Trotzdem erzählten sie den Interviewern einer Studie nach nur wenigen Minuten alle ihre Geheimnisse. Sie können es noch nicht geheim halten, was sie als Geheimnis betrachten. Sie unterscheiden aber bereits zwischen "schönen“ und "schlimmen“ Geheimnissen. Letztere sind zum Beispiel Verbotsübertretungen oder Missgeschicke. Die "schönen“ Geheimnisse, das ist größtenteils ein besonderes Wissen. Max weiß, wo der Eingang zur Bude im Park ist. Er weiß, wo ein Geheimgang ist oder wo Mama die Schokolade versteckt hat. Beruhigen kann Eltern, dass Kinder von sich aus in diesem Alter sehr wohl unterscheiden, welche Geheimnisse preisgegeben werden können: "Schlimmes und Gefährliches verlangt nach Mitteilung. Die schönen Geheimnisse behält man für sich“, entspannt uns Michael Schnabel.

Geheimniskrämerei endet erst im Jugendalter

Werden die Kinder älter, so steigt die Bedeutung eines Geheimnisses. Die Bewahrung eines solchen hat oberste Priorität. Es zu verraten, wäre ein grober Verstoß gegen die Regeln. Freunde verraten sich nicht - das ist der Ehrenkodex und der wird eingehalten. Entscheidend dabei ist die Erfahrung von Strafe und Zwang durch Erwachsene. Sie macht es sozusagen "notwendig“, sich gegen Erwachsene über Geheimnisse unter Freunden zu verbünden. Max vereinbart mit seinen Freunden, dass er - offiziell - bei Felix lernt, aber eigentlich geht er mit ihnen in die Bude im Park spielen. Niemand darf das seinen Eltern sagen. Das schweißt die Freunde dann auch stark zusammen. Zum Ende kommt diese Geheimniskrämerei gegenüber den Eltern erst im Jugendalter. Wenn die Nähe zwischen Eltern und Kindern gelockert wird, weil man dem Kind seine eigenen Freiräume zugesteht und zugestehen kann: "(…) mit wachsender Selbstbestimmung des Individuums verliert das Geheimnis die Schutzfunktion der noch unentwickelten Selbständigkeit", soweit Michael Schnabel.

Zwischen Aufsichtspflicht und Persönlichkeitsentwicklung

Wenn also für Max ein Geheimnis eine Schutzfunktion ist, ein Mittel sich seiner eigenen Persönlichkeit zu versichern, ein Mittel auch, um mit seinen Freunden feste Bande zu schmieden - wenn das alles so ist, dann wäre natürlich ein Eingreifen in diesen privaten Raum eine große Verletzung. Wenn er sich dann noch gezwungen sieht, seine Geheimnisse zu verraten, dann würde dies ihn in einen großen Konflikt stürzen. Aus seiner Sicht müsste er etwas preisgeben, was ihn gerade vor elterlichen Regeln schützen soll, was ihn in einer Gruppe von Freunden erst zu einem Freund macht. Er lernt ja gerade in diesen Gruppen, die Fähigkeiten, die sich Eltern wünschen für ihre Kinder: Toleranz, Loyalität, Mut und so weiter. Egal, ob er mit dem Verschweigen eines Sachverhaltes auch - im Sinne der Eltern - richtig läge - für ihn wäre es die Aufgabe von einem Teil seiner Identitätsentwicklung. Der Rückzugsraum würde ihm genommen. Aber wie sollen Eltern dann ihrer Aufsichtspflicht nachkommen, ohne Max diesen Raum zu nehmen?

Was können Eltern tun?

Die Antwort ist relativ einfach: Lassen sie ihm seine Geheimnisse in Bereichen, in denen sie sicher sein können, dass dort kein Schaden für ihn entsteht. Man muss nicht wissen, wo der Eingang der Bude ist. Aber man muss wissen, warum er immer zu spät nach Hause kommt, wenn er dort spielt. Warum er Geld mitbringt, von dem keiner weiß, woher es stammt. Warum er die Klassenarbeit vorenthält; warum er sich zurückzieht; warum er Angst hat, in die Schule zu gehen; warum er blaue Flecken hat; warum er nicht sagen will, wo seine Freunde wohnen. Über die "schlimmen“ Geheimnisse muss gesprochen werden. Die "schönen“ kann Max für sich behalten. Erinnern wir uns an die Worte der Leipziger Therapeutin: "Wenn Kinder Dinge geheim halten, die eine Gefahr für Leib und Seele beinhalten (…), dann könnte dies darauf hinweisen, dass in der Eltern-Kind-Beziehung bereits vorher etwas schief gelaufen ist. Dann besteht ein grundsätzlicher Mangel an Vertrauen.“ Vertrauen und Geheimnisse sind die zwei Seiten einer Medaille. Hier bleibt Eltern nur, ein Augenmaß zu finden zwischen ihrer Aufsichtspflicht beziehungsweise Kontrolle und einem gesunden Vertrauen gegenüber ihrem Kind. Nur so wird es seinerseits den Eltern etwas anvertrauen können.

Einfühlungsvermögen und: Warum Sido?

Es ist ein Spagat. Wenn sich das Kind schon offenbart, dann muss es die Erfahrung gesammelt haben, dass dies nicht zu erheblichen Nachteilen für sich geführt hat. Die Strafen müssen in der Vergangenheit maßvoll gewählt worden sein, um dieses Vertrauen aufzubauen. Das Kind muss eine Loyalität spüren, auch wenn die Eltern in der Sache, dem "schlimmen“ Geheimnis, hart bleiben müssen. Konsequenzen müssen sein, aber sie müssen für Max plausibel gemacht werden. Geheimnis ist also nicht Geheimnis - welches nun Michael Ballack anvertraut werden würde, wissen wir nicht. Aber eine Frage bleibt, warum nur ist Sido für ihn vertrauenswürdiger als seine Eltern? Vermutlich, weil Max von ihm nie bestraft werden kann. Außer mit seiner Musik, aber die mag er ja, die bestraft nur seine Eltern.

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