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Erziehung: Symbiose - Mein Kind!

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Symbiose  

Mein Kind!

21.07.2009, 13:42 Uhr | Robert Scholz

Erziehung: Symbiose - Mein Kind!. Manchmal sollen Kinder die fehlender Erfolge ihrer Eltern ausgleichen.

Manchmal sollen Kinder die fehlender Erfolge ihrer Eltern ausgleichen. (Bild: Imago)

Es macht stolz, es macht auch Angst. Mit dem Kind identifizieren sich Mutter und Vater sofort. Sie haben Angst um seine Zukunft und sie sind unendlich stolz, wenn sie sehen, wie es wächst. Manchmal aber betreten die Eltern einen unsichtbaren Bereich. In ihm geschieht etwas, was Therapeuten Symbiose nennen. Dinge wandern vom Erwachsenen zum Kind – Unerfülltes. Dann sind Eltern und Kind scheinbar Eins, aber in Wahrheit weit entfernt. Das Kind wird zum Teil von einem selbst. Dann heißt es nur noch „Wir“ und selten „Ich“.

Eislauf-Eltern und Manager-Papas

Es gab die so genannten Eislauf-Eltern, die Manager-Papas und -Mamas von Sportlern. Eltern, die ihre Kinder mit den eigenen unerfüllten Wünschen, Erwartungen und Hoffnungen ausstatteten, damit diese letztlich doch erfüllt wurden. Leider mussten sie von den Kindern erfüllt werden. Diese Eltern-Kind-Beziehungen sind selten problemfrei. Es ist eine andere Art von Übergriff auf das Kind, wenn Eltern so mit dem Kind verschmelzen, dass dessen Wünsche und eigene Identität gar nicht mehr zu erkennen ist. Auf der anderen Seite ist es für Eltern nicht gut, wenn das Kind bis zum Auszug jede Sekunde ihres Lebens bestimmt. Es kommt zu wenn die Gedanken und das eigene Leben nur noch dem Kind gewidmet sind.

Alles beginnt mit gutem Willen

Kaum ist das Baby, müsste man sich schon wieder von ihm lösen. Aber das geht nicht. Das Kind fordert Fürsorge ein und gleichzeitig soll man einen Abstand herstellen können? Alles bestimmt das Kind, den ganzen Tag, die Nacht, das Zusammenleben mit dem Partner. Man denkt, isst, riecht, schmeckt ab, ist Kind. Es ist kein Wunder, wenn dann eine magische Kraft eine Verbindung herstellt, die unauflöslich scheint. Aber sie muss gelöst werden. Es ist weder für den Nachwuchs, noch für die Eltern gut, wenn man symbiotisch zusammengefügt ist. Was heißt das - Symbiose?

Ich bin mein Kind…  

 

Die vollkommene Identifikation mit seinem Kind ist eine in vielen Publikationen beschriebene Fehlentwicklung in der Eltern-Kind-Beziehung. Und verwirrend ist diese Beziehung allemal. Eigentlich weiß man nie, ob man zu viel oder zu wenig macht. Aber etwas drängt die Mutter (oder den Vater) häufig zum Zuviel.

…mein Kind ist Ich

Michael Winterhoff ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und ein Vertreter mutiger Thesen. Sie entsprechen nicht ganz dem Fürsorgegedanken, so wie ihn die Erziehungsberater vergangener Tage formulierten. Er zeigt eher die Probleme auf, die durch ein Zuviel an Fürsorge auftreten. Wenn mein Kind anfängt mein Ich zu werden. Er zeichnet ein Bild aus seiner Praxis von kleinen Kindern, die jegliches Gefühl für Andere verloren haben, die ihre Mütter miss- und verachten, die vollkommen inkompatibel für ein soziales Umfeld geworden sind. Alle hatten Mütter, die irgendwann in Tränen aufgelöst vor ihm saßen und sagten: „Ich habe doch alles für sie/ihn getan…“. Und dann sehen sie ratlos in die wutgetränkten Augen eines eigentlich süßen Kindes, das sie lieben und doch manchmal kaum erkennen.

Projektion und Symbiose

Winterhoff unterscheidet "Projektion" und "absolute Identität". Beides führt oft zu einer Fehlentwicklung. Bei der Projektion werden die eigenen Unzulänglichkeiten in das Kind hinein projeziert. Ich kann etwas nicht und erwarte umso mehr, dass es mein Kind kann. Mehr noch, es wird zum Gradmesser meiner eigenen (Lebens-)Leistung, wie sich mein Kind in diesen Prüfungen bewährt. Die Eislauf-Mutter an der Bande der Halle, sie erinnern sich? Die übliche Hierarchie zwischen Eltern und Kind wird dabei ins Gegenteil verkehrt. Das Kind wir dadurch erwachsener gemacht als es ist und der Erwachsene kann Kind bleiben. Das heißt, beide werden absolut identisch. „Es kommt zu einer psychischen Verschmelzung, von eigentlich voneinander strikt zu trennenden Einheiten“, so Winterhoff. Als Folge wird die Psyche des Kindes in einem frühkindlichen Entwicklungsstand gefangen gehalten. Beide leiden und aus dem Kind wird ein unreifer Erwachsener.

Ein schmaler Grad

Wohl gemerkt, dass sind Beispiele aus der Praxis von Dr. med. Winterhoff. Es sind somit erst einmal Einzelfälle und es gibt auch andere Meinungen aus der Fachwelt zu diesem Problem. Es ist ein Schock für alle Eltern, die sich ihrem Kind intensiv widmen, diese Dinge zu hören und damit ihr eigenes Engagement in Frage gestellt zu sehen. Aber es gibt einige gute Hinweise, dass Michael Winterhoff nicht ganz falsch liegt. Die Zahl der Kinder mit Aggressionen gegen andere und sich selbst steigt. Die Zahl der suchtkranken Kinder steigt, das Einstiegsalter in diverse Abhängigkeiten sinkt… - dies alles in einer Zeit, wo der hohe Lebensstandard die meisten Kinder behütet. Die Kinder der Mittelschicht befinden sich immer stärker im Sog von Drogen und Verhaltensauffälligkeiten. Gesunde Kinder, die eigentlich einen Sinn im Leben hätten, ihn aber immer seltener finden. Kann zuviel Liebe und Fürsorge, ein Kind so bedrängen, dass es sich versucht mit allen Mitteln zu entziehen?

Hilfe und Besitz?

Michael Winterhoff würde diese These wohl nicht ganz von sich weisen. Ein Maß muss gefunden werden. Ein Maß an Liebe, ein Maß an Autorität, ein Maß an Konsequenz, ein Maß an Nähe. Es gibt Kinder die benötigen intensive Hilfe. Sie brauchen die intensive Nähe der Eltern - bei Schwierigkeiten in der Schule, im eigenen Leben, wenn sie eine Krankheit erdulden müssen. Aber davon spricht der Psychologe Winterhoff nicht, er spricht von einer stillen Inbesitznahme des Kindes, um mit ihm eine Einheit zu bilden. Und das ist auch für Kinder, die größere Fürsorge brauchen nicht gut. Es gibt einen Unterschied zwischen Hilfe und Verantwortung einerseits und der Einverleibung des eigenen Kindes- auch wenn es gut gemeint ist.

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