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Kinderbetreuung  

Tagesväter und Kindergärtner

21.07.2009, 17:22 Uhr | Robert Scholz

. Verstärkt fordern Politik und Wissenschaft den männlichen Erziehungsprofi.

Verstärkt fordern Politik und Wissenschaft den männlichen Erziehungsprofi. (Bild: Imago)

Sie machen drei Prozent des Personals von Kindergärten und -tagesstätten aus. Sie sind eine Seltenheit und werden oft mit einer gewissen Skepsis beäugt. Männer als Erzieher und in der Tagesbetreuung müssen sich gegen Vorurteile der eigenen Geschlechtsgenossen und der Eltern „ihrer“ Kinder durchsetzen. Und, sie werden gebraucht. Politik und Wissenschaft fordern den männlichen Erziehungsprofi, denn den Jungen gehen die Männer aus.

Der alltägliche Held

„Herr Simmank, ich muss mal. Kann ich mal auf Klo?“ Frank Simmank, 32, ist einer von sehr, sehr wenigen. Nicht einmal jeder 20. Beschäftigte in Kindertagesstätten ist ein Mann. Von 426.000 Beschäftigten in Kindertageseinrichtungen, arbeiten 350.000 direkt in der Betreuung der Kinder - 10.400 von ihnen sind Männer. Die Zahlen entstammen dem Datenreport des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahre 2008. „In den Grundschulen ist nur jede zehnte Lehrkraft ein Mann“, Tendenz sinkend - so äußerte sich die Kultus- und Frauenministerin von Schleswig-Holstein, Frau Ute Erdsiek-Rave, am 21. Mai 2008. Ein denkwürdiger Tag, denn an diesem Tag startete die Ministerin die Initiative „Helden des Alltag“. Die Aktion richtete sich nicht an junge Anwärter auf den Feuerwehrdienst, an Elitesoldaten oder Notfallärzte. Die Zielgruppe wird vielmehr deutlich, wenn man die Klammer weglässt und den ersten Teil der Überschrift hinzufügt: „Lehrer und Erzieher - Helden des Alltags“. In fast allen Bildungseinrichtungen Deutschlands sind die Männer zur Mangelware geworden. In der frühkindlichen Erziehung im Kindergarten, wie auch in den einzelnen Schulformen. Mehr noch, ihr Anteil am Lehrpersonal sinkt stetig. Nur an den Universitäten sind sie noch eine Hausmacht.

Der Kindergärtner

Frank Simmank hat sich bewusst für seinen Beruf entschieden. Heute leitet er in Leipzig eine Kindertagesstätte in kommunaler Trägerschaft. Mit Vorurteilen und fragenden Blicken, hat er deswegen nicht zu kämpfen, aber er kennt Skepsis. Ein Erzieher in seinem Hause sah sich mit eben jener Vorsicht konfrontiert, die ein Mangel an Vertrauen kennzeichnet. „Eltern haben eine klare Erwartungshaltung. Wenn dann ein Mann anstelle einer Frau ihr Kind betreuen soll, dann ist dies natürlich erst einmal neu und entspricht nicht den Erwartungen. Auch im Kollegenkreis wird der Mann sicherlich stärker und intensiver beobachtet am Anfang - mehr als das bei Frauen der Fall ist.“

Von der Jugendhilfe zum Kindergarten

Er kam aus der Jugendhilfe und hat sich ganz bewusst für den Kindergarten entschieden. „Nach den ersten PISA-Studien wurde programmatisch sehr viel verändert. Die Frühpädagogik bekam einen größeren Bildungsanteil und war somit nicht mehr „nur“ mit Basteln und Singen gefüllt. Das hat mich gereizt, weil man hier noch Kindern etwas mitgeben kann - Kindern, die noch keine großen Leistungsunterschiede aufweisen.“

Unter besonderer Beobachtung

Männer werden in den Frauendomänen von allen Seiten mit besonderer Beobachtung versehen. Und, Meldungen über Missbräuche von Kindern, haben die Eltern automatisch vorsichtiger gemacht. Auch wenn es nur selten offen gezeigt wird, die Mütter und Väter schauen skeptischer, wenn sie einem Mann in der Kita begegnen. „Da muss man durch Leistung überzeugen, muss das Vertrauen der Eltern insgesamt gewinnen. Moment bitte,…“ Er unterbricht, der kleine Junge kommt vom Klo zurück. Die Frage nach den gewaschenen Händen wird mit großen Kinderaugen bejaht, dann fährt er fort: „…Und das Vertrauen gewinnen Sie immer über solide Arbeit, über Transparenz und stetigen Kontakt.“

Mangel an Männern

Jetzt könnte man die Aktion der Bildungsministerin aus Schleswig-Holstein als politische PR abtun, aber der Hintergrund ist alarmierend. Der Mangel an Männern in Erziehungsberufen, wird für den Umstand verantwortlich gemacht, dass die Jungen die großen Verlierer des deutschen Bildungssystems sind. Sowohl die PISA-Studien, als auch das weit beachtete Jahresgutachten des Aktionsrates Bildung aus dem Jahre 2009, stimmen in dieser Beurteilung überein. "Die Bildungsbenachteiligung des 'katholischen Arbeitermädchens vom Lande' wurde durch neue Bildungsverlierer abgelöst: die Jungen", fasste im März dieses Jahres der Vorsitzende des Aktionsrats Bildung, Professor Dr. Dieter Lenzen, die Ergebnisse des Jahresgutachtens zusammen. Dieser Satz schreckte Eltern und Politik auf.

Der Tagesvater

„Benny, können wir heute in den Zoo?“ Benny schaut skeptisch, was deutlich auf ein Nein hindeutet. "Oder wir spielen Gitarre!?“ - hier wird allerdings sofort Bereitschaft signalisiert. Benny, 35, ist Musiker in einer Leipziger Band und kann davon mehr schlecht als recht leben. Er hat aber einen zweites Standbein, dass so gar nicht mit dem Image des rauen Musikers zusammenpassen will: Benny ist Tagesvater. Das erste gemeinsame Kind mit seiner jetzigen Freundin, brachte ihn auf diese (noch) ungewöhnliche Idee. Er betreut bis zu vier Kinder, bis abends 18:00 Uhr. Manchmal auch bis in den späten Abend, wenn Mama und Papa länger arbeiten müssen oder nach der Arbeit noch fortgehen möchten. Er lebt ein Leben, welches aus Musikersicht besser nicht sein kann, da es Berufung und Profession miteinander verbindet. Was denn nun für welche Tätigkeit gelte, das hänge…: “Nun ja, das hängt ganz von der Tagesform der Kinder ab. Aber generell sind Kinder doch immer Berufung.“ Er sagt dies mit einem ironischen Lächeln, hält kurz inne und schiebt hinterher: „…außer, dass sie gerade mal wieder gedanklich in die Einbahnstraße verkehrt herum einfahren und ihren Willen durchsetzen wollen - dann ist es Profession.“ Bei Musikern sei es aber ähnlich. Mit Vorurteilen musste er nicht kämpfen: „Die Eltern bringen ja freiwillig ihre Kinder zu mir.“ Bisher sind alle zufrieden. Er legt selbstverständlich besonderen Wert auf eine musische Betreuung der Kinder. In seiner „Tagesstätte“ wird viel gesungen und musischer Lärm produziert. Die Idee kam von ihm selbst und sie war für ihn vollkommen natürlich. Er ist Vater von zwei eigenen Kindern und somit kann er ein Erstaunen über seinen Zweitberuf nicht ganz nachvollziehen.

Geschlechterkampf andersherum

Die Jungen laufen innerhalb der einzelnen Bildungsschritte, bis in den Beruf, eigentlich immer hinterher, so das schon erwähnte Jahresgutachten des Aktionsrates Bildung. Sie können schlechter Lesen. Gehen häufiger als Mädchen auf Förder- und Hauptschulen. Beim Übergang auf das Gymnasium müssen sie deutlich höhere Leistungen erbringen. In die Berufsausbildungen gelangen sie mit größeren Problemen: Sie sind in den einzelnen Schulformen die größte Gruppe der Wiederholer von Klassenstufen und stellen die meisten Schulabbrecher (62 Prozent). Die fehlenden Abschlüsse machen dann den Weg in den Beruf besonders schwer. Schon wird ein sich weiter verschärfender Mangel an qualifizierten Arbeitskräften befürchtet.

Ohne Männer, keine guten Jungs

Als Ursache haben die Bildungsforscher den Mangel an männlichen Identifikationsfiguren, fast durchgängig durch ein gesamtes Leben, ausgemacht. In den letzten zwölf Jahren ist die Zahl der Alleinerziehenden um fast ein Viertel gestiegen. Sie liegt heute bei knapp drei Millionen. 90 Prozent davon sind Frauen - ihr Anteil steigt. Selbst in den Familien mit beiden Elternteilen übernimmt die Mutter mehrheitlich die Rolle der Erziehenden. Die Väter sind im Beruf meist überdurchschnittlich eingespannt. In Krippen, Kindergärten und Schulen sind zu einer übergroßen Mehrzahl Frauen beschäftigt. Jungen wachsen in der Frühphase bis zum Schulabschluss weitgehend in einer weiblich geprägten Welt auf. Forschung und Politik sprechen von einer Feminisierung der Bildung. Jungen sind auf der Suche nach dem Mann und einem männlichen Rollenvorbild, so die kühle Analyse, und finden es (ausreichend) weder in der eigenen Familie, noch in ihrem äußeren Umfeld. Wo sind die Männer?

Eine Frage des Images

Jetzt werden also Männer gesucht die Kinder betreuen und erziehen. Nicht nur zu Hause, sondern auch und vor allem in der frühkindlichen Erziehung und in der Schule. Und die Politik meint es ernst. Auf der letzten Konferenz der Gleichstellungs- und Frauenministerinnen/-minister wurden erste Handlungsempfehlungen vereinbart. Danach sollen alle mit dem Thema befassten Ministerien Strategien zur Männergewinnung entwickeln. Entsprechende Studiengänge sollen umgestaltet werden, um attraktiver für Männer zu werden. Es soll um Kindergärtner, Tagesväter und Lehrer gebuhlt werden, denn: “Es ist eine Imagefrage, davon bin ich überzeugt“, gab die Ministerin aus Schleswig-Holstein der Tageszeitung Die Welt zu Protokoll. Am Geld könne es nicht liegen, Lehrer werden gut bezahlt - Erzieher weniger, diese hätten aber Aufstiegschancen.

Benny und Frank Simmank sind jedenfalls zufrieden mit dem was sie tun und sie sind sich ihrer besonderen Verantwortung bewusst. Gleichzeitig genießen sie auch ihre Einzelstellung. Der Hahn im Korb war und ist sprichwörtlich schon immer ein wenig stolzer als andere.


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