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Erziehungsstile  

Machen Erziehungsratgeber abhängig?

05.08.2009, 11:38 Uhr | mmh, t-online.de

Erziehung: Machen Ratgeber abhängig?. Gesunden Menschenverstand und Bauchgefühl in der Erziehung zulassen statt nur auf Tests, Quoten und Pläne vertrauen.

Gesunden Menschenverstand und Bauchgefühl in der Erziehung zulassen statt nur auf Tests, Quoten und Pläne vertrauen. (Bild: Archiv)

Entwicklungspläne, Förderkurse, Tabellen. Eltern von heute sind fast süchtig nach Erziehungsratgebern. Sie suchen Expertenmeinungen statt auf Bauchgefühl, gesunden Menschenverstand und ihren Instinkt zu vertrauen. Eltern wollen pädagogisch korrekt handeln, sind aber mehr denn je verwirrt, wie richtige Erziehung funktioniert.

Flut von Ratgebern

"Patentante, juhu!" Lena freut sich, als ihre Schwester Sina erzählt, sie sei schwanger. Lena soll in wenigen Monaten Tante und sogar Patentante werden. Beide lesen gerne, also geht es zur Einstimmung in den Buchladen, nicht wie sonst zu den Krimis und Romanen, sondern zum Regal mit den Erziehungsratgebern. Lena findet eine lange Reihe. An die Erziehungsratgeber reihen sich die Rubriken "Geburt und Schwangerschaft", "Kindergesundheit", "Kinderentwicklung", "Kinderpsychologie", "Kinder fördern" ... und noch mehr. Lena guckt sich um. Wer kann das alles lesen? Hilfesuchend wendet sie sich an die Buchändlerin, die ihr einige "Klassiker" der pädagogischen Fachliteratur empfiehlt.

Gebrauchsanleitung für das Kind

In der Erziehung scheinen Bauchgefühl und Instinkt nicht mehr zu zählen. Eltern suchen nach Rezepten, nach Leitfäden, nach Anleitungen, nach Tipps, nach goldenen Regeln, nach einer Gebrauchsanleitung für das Kind. Eltern wollen Sätze wie "das wird schon wieder" oder "das verwächst sich" nicht mehr hören, schon gar nicht von Großeltern. Sie wollen die Einschätzung von Experten, am besten schwarz auf weiß. Zudem sind die Großeltern oft gar nicht in der Nähe, können also gar nicht befragt werden. Der "Spiegel" (32/2009) schreibt, dass sich der Markt der Eltern-Ratgeber 2008 nahezu verdoppelt hat. Er schreibt, "Die Bescheidwisserei unter Deutschlands Eltern nimmt zu", und zwar in allen Schichten. "Noch nie waren so viele Eltern darauf erpicht, das Heranwachsen ihrer Kinder zu steuern", zitiert der Spiegel Heidi Keller, Professorin für Kleinkindforschung. Eltern betreiben die Erziehung nach einem Businessplan oder bauen es zu einem Weiterbildungsstudium aus. Sie wollen optimieren, statt es sich entwickeln zu lassen. Ratgeber machen süchtig, wer einen Rat befolgt hat, braucht den nächsten.

Bescheidwisserei und Zwang zum Vergleich

Doch Hebammen beobachten auch die negativen Seiten der neuen "Eltern-Experten". Eltern vergleichen, sie klammern sich an Tabellen und Entwicklungskurven, an Statistiken und Leitfäden. In den Krabbelgruppen herrscht Konkurrenzdenken statt gemeinsamer Spaß und Freude an der individuellen Entwicklung. Eltern leiden an der ständigen Angst, verkehrt oder zu spät zu fördern. Sprachkurse, Musikunterricht, Kinder-Uni, Sport - Eltern wollen die Entwicklung nicht nur fördern, sondern noch lieber beschleunigen. Ein Viertel der Kinder in Deutschland, so schreibt der Spiegel wird in den ersten acht Lebensjahren schon in eine Fördertherapie geschickt. Mediziner und Pädagogen beobachten, dass Eltern nicht mehr abwarten können, ungeduldig wollen sie die Entwicklung optimieren. Doch Kinder haben ihren eigenen Entwicklungsplan angelegt.

Angst als schlechter Ratgeber

Eltern machen sich immer Sorgen um Kinder und wollen das Beste, das ist normal. Doch wenn aus Sorge Angst wird, dann kann das die Entwicklung wiederum hemmen. Der "Spiegel" zitiert eine Forsa-Umfrage von 2006, nach der 78 Prozent der Mütter angeben, dass man heute mehr Angst haben müsse als früher, obwohl die Verkehrsunfallzahlen mit Kindern gesunken sind und die Kriminalitätsraten nicht gestiegen sind. Kinder spielen nicht mehr im Wald, auf der Straße oder auf der Wiese mit Gleichaltrigen, die auch immer weiter entfernt wohnen. Wissen über Kinderpflege, Kinderkrankheiten, die Entwicklung wird nicht mehr im natürlichen Zusammenleben in der jeweiligen Situation weitergegeben. Es gibt kein tradiertes Wissen mehr. Keiner passt mehr auf den anderen auf so wie früher, ist der Eindruck in der anonymen modernen Welt. Die Kinder der "Rücksitz-Generation" werden vom "Mama-Taxi" chauffiert und wo sie sich gerade befinden, kontrolliert das Handy mit GPS-Ortung. Kinder-Uhren mit GPS-Funktion beruhigen besorgte Eltern. So fehlen aber den Kindern die Freiräume für eigene Erlebnisse und Geheimnisse. Außerdem sieht man täglich in den diversen Erziehungs-Dokus was schief laufen kann in Familien. Keinesfalls will man so werden und im öffentlichen Kreuzfeuer der Kritik stehen. Das macht verkrampft und unsicher.

Husten wird zum Notfall

Ärzte bestätigen den Eindruck: An Wochenenden sind die Notfall-Praxen voll mit Eltern und Kindern, aber nicht schwere Fälle, sondern Fälle, die Zeit hätten, bis die Kinder-Arzt-Praxis wieder öffnet oder Krankheiten, die von selbst heilen. Doch das Vertrauen der Eltern mit solchen unbekannten Situationen fertig zu werden, sich selbst die Einschätzung zuzutrauen, fehlt. Wann ist es Durchfall, wann nur dünnflüssiger Stuhl? Wann ist es Fieber, wann nur erhöhte Temperatur? Nur etwa drei Prozent der kleinen Patienten der Münchner Notaufnahme zeigen Notfallsymptome, schreibt der Spiegel: verschluckte Gegenstände, Krämpfe, Infektionen, weitere 20 Prozent benötigen wirklich einen Arzt, der Rest hätte Zeit. Das Problem ist nicht nur eine unnötige Überlastung der Notfallärzte, sondern auch eine mögliche Über- und Fehlversorgung der Kinder, eventuell sogar stationär, denn Eltern neigen dazu, die Symptome zu übertreiben, in der Hoffnung, damit eine bessere Behandlung für ihre Kinder zu erreichen, auf deren Beschreibung müssen sich Ärzte verlassen, denn die Kleinen können nicht für sich sprechen. Doch eine "professionelle" Pflege ersetzt nicht unbedingt Kuscheln und elterliche Fürsorge. Beispiel Magen-Darm-Infekte: Die Zahl der Kinder hat sich versechsfacht, die damit in Kliniken aufgenommen wurden, nach Zahlen der Gmünder Ersatzkasse, die hygienischen Bedingungen hätten sich aber in derselben Zeit nicht verschlechtert. Dabei ist es sehr wichtig - das betonen Ärzte auch dringlich - rechtzeitig einen Arzt aufzusuchen, lieber zu früh als zu spät. Doch Eltern sollten sich ein eigenes Urteil zutrauen, wann "rechtzeitig" ist.

Gesunder Menschenverstand

Unsicherheit auf allen Ebenen. Beispiel Zoff im Sandkasten: Der dreijährige Malte zieht dem gleichaltrigen Hannes das Schaufelchen über den Kopf. Aufschrei bei den Müttern am Rand, große Diskussion. Was steht da gleich noch im Erziehungsratgeber? Die Unsicherheit breitet sich aus. Darf man einen Streit zwischen Kleinkindern schlichten? Was steht da im Erziehungsratgeber? Das fragen sich Eltern, statt spontan einzugreifen und Krisensituationen im Sandkasten zu entschärfen. Kleinkinder brauchen schnelle und direkte Reaktionen der Erwachsenen. Andreas Rödder, Professor für Neueste Geschichte an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, Fachmann für die Entwicklung der Familie, erklärt im Spiegel: "Die Eltern geben nichts mehr auf ihre eigenen Erfahrungen. Gar nichts. Auch ohne Kind - aber besonders mit: Der Wert unserer Erfahrungen sinkt: Wir sind eine Wissens- und keine Erfahrungsgesellschaft mehr." Die Werte der Familien, lebenslange Loyalität, Stabilität und lebenslange Bindung, passen nicht mehr in die heutige Zeit, in der alles als vorübergehend gilt und als Projekt angelegt ist. Eltern sind im Dauer-Zwiespalt: Wie sollen sie Kinder auf diese Zukunft vorbereiten, gleichzeitig aber andere Werte leben? Viele Eltern werden zu Hobby-Psychologen und versuchen die Talente und Psyche ihrer Kinder aus ersten Kunstwerken zu deuten.

Zahlen und Quoten zählen

Man versucht es mit Masse, viel vermitteln, viel fördern, viel messen, viel vergleichen. Pisa-Tests machen es vor. Gesunder Menschenverstand zählt nicht mehr. Doch die Gefühle kann man nicht messen, das Geburtserlebnis, das Gefühl nach den großen Geburtsanstrengungen, das wollen Hebammen vermitteln in den Kursen für Eltern, die schon alles andere aus Büchern wissen. Hebammen sehen aber auch genug Eltern, die sich nach der Geburt auf das "Elterngefühl" einlassen, die sich treiben lassen von den Gefühlen, Instinkten, die Ratgeber-Bücher nur als grobe Orientierung brauchen. Dann werden Kinder und Eltern ihre eigene Linie finden, sicher, selbstbewusst und gestärkt das gemeinsame Leben meistern, Perspektiven werden sich auftun, auch viele die nicht geplant und optimiert sind.

Mehr im Ratgeber: Erziehung

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