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Elternschaft geistig Behinderter ist Tabu-Thema

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Behinderung  

Tabu-Thema: Elternschaft geistig Behinderter

11.08.2009, 13:06 Uhr | mmh, t-online.de

"Mama ist anders": Wie leben Kinder, deren Mütter geistig behindert sind? (Bild: ZDF)"Mama ist anders": Wie leben Kinder, deren Mütter geistig behindert sind? (Bild: ZDF)

Sie haben viel Zeit für ihre Kinder und können ihnen viel Liebe geben. Doch bei den Hausaufgaben, beim Ausfüllen von Formularen und beim Lesen des Busfahrplans müssen die Kinder den Erwachsenen helfen. Deshalb dürfen die Mütter von Amts wegen ihre Kinder nicht allein großziehen, nur mit pädagogischer Betreuung. Die 37°-Dokumentation „Mama ist anders" hat Mütter mit geistiger Behinderung begleitet, die alles tun, um mit ihren „normalen“ Kindern zusammenleben zu dürfen. Der Film wirft dabei auch die Frage auf, was eigentlich eine gute Mutter ist.


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Erfahrungen, die weh tun

Sie sind Stadtgespräch in ihrem Wohnort, es wird getuschelt, andere Kinder dürfen nicht mit ihren Kindern spielen, das tut weh. Und doch entwickeln sich die Kinder gut, überholen jedoch bald ihre Mütter. Kein Vorlesen, keine Hausaufgabenhilfe - das ist zu schwierig für die Mütter. Trotzdem geben die Mütter tiefe Geborgenheit und nehmen die Betreuung durch Fremde oder das Leben in einer betreuten Gruppe in Kauf, um mit ihren Kindern zusammenleben zu dürfen. Denn ihre Mutterrolle und ihre Fähigkeit, eine gute Mutter zu sein, wird immer wieder in Frage gestellt, nicht zuletzt von der Öffentlichkeit und vom Jugendamt, das sich fast lückenlos in allen Lebensbereichen um diese Mütter und Kinder kümmert, damit diese schwierige Konstellation gelingen kann.

Hoher Preis für Elternschaft

Die Elternschaft geistig behinderter Menschen gilt als Tabu-Thema, kaum jemand weiß etwas darüber. In vielen Fällen schreitet das Jugendamt sofort nach der Geburt ein und trennt Mütter mit geistiger Behinderung von ihren gesunden, "normalen" Kindern, denn die Behinderung ist nicht oder nur äußerst selten erblich. Nur selten erhalten geistige behinderte Mütter die Chance, ihre Elternschaft auszuüben. Drei von ihnen porträtierte die 37-Grad-Reportage. Sie stehen unter ständiger Beobachtung durch das Jugendamt. Das bedeutet strenge Auflagen, Druck und kaum Privatsphäre. Diesen Preis zahlen sie, um ihr Kind zu behalten.

Besonderes Mutter-Kind-Verhältnis

Dabei es geht es wie in jeder Familie immer um das Wohl des Kindes. Die Autoren stellten sich die Fragen: Wie steht es um die Kinder? Haben sie die gleichen Chancen auf ein glückliches Leben, wie andere Heranwachsende auch? Oder leiden sie unter dem geistigen Defizit ihrer Mütter, das von Lebensjahr zu Lebensjahr für die Kinder offensichtlicher wird?

Unterschiedliche Wahrnehmung

Die porträtierten Kinder sind in verschiedenen Entwicklungsstadien und nehmen die Situation je nachdem unterschiedlich wahr: André (7) ist dieses Jahr eingeschult worden. Dass seine Mutter Heike "anders" ist, ist ihm kaum bewusst. Melanie (11) weiß, dass ihre Mutter Michaela geistig behindert ist. Die Elfjährige kann mittlerweile besser schreiben und rechnen als ihre Mutter. Für Melanie ist das "normal", und es macht ihre Mutter nicht "kleiner". Mutter und Tochter halten eng zusammen. Für Melanie sind die Kindergeburtstage immer ganz besonders, schön gestaltet, selbst wenn die Mutter knapp bei Kasse ist. Für Inga (18) ist das anders. Sie hat sich oft "eine andere Familie gewünscht". Doch heute ist sie stolz, es mit "ihrer Mutter gemeinsam geschafft zu haben". Sie glaubt, ihr großes Selbstbewusstsein und ihre Energie aus der schwierigen Kindheit geschöpft zu haben.

Gemeinsam geschafft

„Nur deshalb bin ich so geworden wie ich bin“, sagt die 18-jährige Inga, die jetzt aus der gemeinsamen Wohnung mit der Mutter wegzieht, die Verantwortung für sie abgibt und eine Ausbildung beginnt. „Ich habe einen Schulabschluss, ich mache eine Ausbildung, ich habe alles erreicht, ich kann mich nicht beklagen.“ Vor allem hat sie "so viel Liebe gegeben". Das erzählt Inga. Als ihre Oma starb, die sich um Britta und Inga kümmerte, sagte die Mutter zu dem traurigen Kind: "Komm unter meine Decke, du musst nicht alleine weinen."

Frühe Verantwortung

Inga schrieb schon als Kind alles über sich und ihre Mutter Britta (40) in ein Tagebuch und verarbeitete so die Situation.  Seit dem Tod der Großmutter lebte sie mit ihrer behinderten Mutter allein. "Von da an musste ich alle Aufgaben übernehmen. Meine Kindheit war mit acht Jahren bereits Vergangenheit." Einmal in der Woche wurden Mutter und Tochter seitdem von einer Betreuerin der "Lebenshilfe" unterstützt. Behördengänge und die Haushaltsführung waren Ingas Aufgabe. Sie ist heute stolz, es mit „ihrer Mutter gemeinsam geschafft zu haben". Inga sagt: „Meine Mutter ist mit mir gewachsen."

Keine normale Kindheit

„Ein bisschen Scham war schon“, gibt sie zu, obwohl es für sie selbstverständlich war, als Kind zu ihrer geistig behinderten Mutter zu stehen und ihr zu helfen. Inga hat früh gelernt, als Kind Verantwortung für die Mutter zu übernehmen. Jetzt freut sie sich, ihre Mutter zu besuchen, die mittlerweile in einer betreuten Wohnung lebt, sie ist alleine ohne ihre Tochter nicht zurecht gekommen.

Außergewöhnliche Hauptdarsteller

Die Autoren, Julia Horn und Alessandro Nasini sagen: „Das Besondere an unserem Film sind unsere Protagonisten: Wir haben drei Frauen mit geistiger Behinderung porträtiert, die alles dafür tun, um ihre Kinder selbst groß zu ziehen. Alle drei Frauen haben mit großer Offenheit über ihre geistige Behinderung gesprochen, über das Verhältnis zu ihren Kindern, über die Wünsche an ihr Leben und auch über ihren Verzicht.“ Sie waren besonders beeindruckt von der spürbar „tiefen emotionalen Bindung und Stabilität, die sie ihren Kindern geben können. Sie lieben ihre Kinder und haben einen besonders liebevollen Umgang mit ihnen“.

Mütter kommen alleine nicht zurecht

Doch es bedeutet wohl oft einen Verzicht, die Regeln im betreuten Wohnen zu akzeptieren, beispielsweise in der „Kate“, in der Heike Kabbert (36)  mit ihrem siebenjährigen Sohn André wohnt. Sie träumt davon, eines Tages mit ihrem Sohn André (7) ganz allein zu leben. Dann bestimmt sie, wann André aufräumt und wann gegessen wird. Was für andere Mütter selbstverständlich ist, legt für Heike Kabbert und ihren Sohn ein Betreuer fest, denn sie ist geistig behindert. Seit zwei Jahren lebt sie mit André in dem Wohnprojekt "Die Kate e.V." in Bonn, zusammen mit acht weiteren Müttern, betreut von Sozialpädagogen. André hat oft Angst, seine Mutter zu verlieren, er spricht davon, ihr weggenommen zu werden.

Leben in der WG

Die Kinder in der Wohngruppe sind im Gegensatz zu ihren Eltern gesund. In der "Kate" geht es zu  wie in einer Wohngemeinschaft: Die Mütter wohnen in Einzelzimmern, die Kinder teilen sich jeweils ein Doppelzimmer. Heike Kabbert vermisst ihre Familie und ihre Freunde daheim in Lüdenscheid. Doch würde sie das Wohnprojekt verlassen, nähme das Jugendamt ihr den Sohn weg. Denn der Staat traut ihr nicht zu, allein ein Kind großzuziehen. In der Kate gibt es Rundum-Betreuung für alle Lebensbereich, beispielsweise auch Hauslehrer für die Kinder, ohne die kämen diese Mutter-Kind-Familien nicht zurecht. Väter gibt es hier nicht. In der Bonner Behinderteneinrichtung versucht man, das als eine Selbstverständlichkeit zu betrachten, dass die Mütter von der Entwicklung der Kinder bald überholt werden: "Auch in anderen Eltern-Kind-Beziehungen kommt es dazu, dass Rollenbilder sich verschieben und Kinder ihre Eltern geistig überholen", meint die Leiterin des Hauses, Sigrid Lücke-Haumann: "Kinder machen zum Beispiel Abitur, obwohl ihre Eltern einen Hauptschulabschluss haben. Heute ist so etwas ganz normal."

Ohne Betreuung kein Kind

Auch Michaela Schröder (37) darf ihre Tochter Melanie nicht allein versorgen. Seit Melanies Geburt vor elf Jahren lebt sie in der "Kate". Die zuständigen Betreuer befürchten, sie würde ohne Anleitung in alte Muster verfallen, Schulden machen, das Kind vernachlässigen. Vier ihrer Kinder sind Michaela Schröder bereits entzogen worden. "Wenn sie mir mein Kind nehmen, breche ich zusammen", sagt sie.  Melanie hat sogar eine Empfehlung für das Gymnasium bekommen, darauf ist ihre Mutter sehr stolz. Das Ausfüllen des Anmeldeformulars für die höhere Schule bedeutet für Michaela eine riesige Hürde: Wer ist der "Gesetzliche Vertreter" und wo der "Geburtsort der Mutter"? Meli hilft ihrer überforderten Mutter – wie so oft. Für Kinder in solchen Lebenssituationen ganz normal. Melanie macht das ganz locker.

Vertiefung des Themas

Die 37°-Dokumentation "Mama ist anders" wird am Mittwoch, 12. August 2009, 19.30 Uhr, im ZDFdokukanal wiederholt und um eine vertiefende Hintergrunddiskussion ergänzt. Um 20.00 Uhr spricht Doro Wiebe in "37° plus" mit Betroffenen und Experten über die Probleme und Herausforderungen von geistig behinderten Müttern und ihren Kindern. Ist ein Zusammenleben möglich? Wie wird man dem Wohl des Kindes am besten gerecht? Wie sollte die professionelle Unterstützung der Mütter aussehen? Und was wird aus den Müttern, wenn die Kinder ausziehen? Gäste im Studio sind: Inga, eine Protagonistin aus dem 37°-Film, deren Mutter geistig behindert ist; Professorin Ursula Pixa-Kettner, Professorin für Behindertenpädagogik an der Uni Bremen; Anne Oberdorfer, Geschäftsführerin des Sozialdienstes Katholischer Frauen Wesel, zu dem auch ein Heim für geistig behinderte Eltern und ihre Kinder gehört; und Guy Walther, Sozialpädagoge beim Jugendamt Frankfurt. Die Diskussion wird am 18. August, 2.25 Uhr, im ZDF-Nachtprogramm wiederholt. (Mit Material des ZDF)

Buchtipps:

Ursula Pixa-Kettner, Tabu oder Normalität? Eltern mit geistiger Behinderung und ihre Kinder, Universitätsverlag Winter (2008); Claudia Pöpping, Geistig behinderte Frauen als Mütter, ihr Leben - unsere Vorurteile - gemeinsame Wege. Studienarbeit, GRIN Verlag (2007), Gisela Hermes, Behinderung und Elternschaft leben - Kein Widerspruch!  (2004)


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