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Gewalt  

Prügelstrafe macht Kinder dumm

28.09.2009, 09:44 Uhr

Erziehung. Vater zieht seinen kleinen Sohn am Ohr.

Ein Vater zieht seinem Sohn die Ohren lang. (Bild: Imago)

Wenn Eltern ihre Kinder schlagen, schädigen sie damit deren geistige Entwicklung. Das haben Forscher der University of New Hampshire in dieser Woche auf der Internationalen Konferenz zu Gewalt, Missbrauch und Trauma in San Diego berichtet. Laut ihren Studien führt das Geschlagenwerden zu einer messbar geringeren Intelligenz auch noch Jahre später. "Je öfter Kinder geschlagen werden, desto langsamer verläuft ihre geistige Entwicklung", so Forschungsleiter Murray Straus. Die häufigen Stress- und Angstzustände, denen geschlagene Kinder ausgesetzt sind, könnten eine wichtige Ursache für diesen Zusammenhang bilden.

Körperliche Bestrafung senkt IQ

Untersucht wurde das zunächst in den USA mit insgesamt 1.500 zwei- bis vierjährigen sowie fünf- bis neunjährigen Kindern, die man repräsentativ für ihre Altersgruppe auswählte. Beide Gruppen durchliefen im Abstand von vier Jahren zweimal einem Test zur Ermittlung des Intelligenzquotienten (IQ). Bei den anfangs zwei- bis vierjährigen Kindern, die von ihren Eltern geschlagen wurden, war der IQ-Wert vier Jahre später um fünf Punkte niedriger als der der nicht-geschlagenen Alterskollegen, während dieser Unterschied bei der etwas älteren Versuchsgruppe immerhin noch 2,8 Punkte betrug. Auch weitere, weltweite Erhebungen der Forscher wiesen in dieselbe Richtung. So zeigte etwa ein Ländervergleich, dass hohe Raten von körperlicher Bestrafung bis ins Jugendalter den durchschnittlichen IQ der Gesamtbevölkerung senkt. Weiter fragten die Wissenschaftler 17.000 Studenten in 32 Ländern, ob sie in der Kindheit geschlagen wurden. Auch hier wurde der Zusammenhang mit der Intelligenz deutlich.

Chronischer Stresszustand dauert über Jahre

Als Ursache für dieses Phänomen sehen die Studienautoren die Tatsache, dass Kinder bei körperlicher Bestrafung viel Stress empfinden. Werden Kinder regelmäßig geschlagen, begünstige das einen chronischen Stresszustand, der für viele über Jahre andauere. Die Forschung zeigt, dass dieser Stress auch posttraumatische Stresssymptome wie übertriebene Angst vor schrecklichen Ereignissen oder leichtes Erschrecken auslösen kann, die die Entwicklung der Intelligenz beeinflussen. Weiter glauben die Wissenschaftler, dass die Verbreitung der Gewalt in der Erziehung und der höhere Intelligenzquotient der Bevölkerung wichtige Faktoren für die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes sind.

Kinder mit guter Bindung lernen leichter

"Wie sich die Intelligenz von Kindern entwickelt, wird von mehreren Faktoren bestimmt", erklärt die Wiener Gesundheitspsychologin Claudia Rupp im Gespräch mit pressetext. Beteiligt seien die genetischen Anlagen, die dem Kind zukommende Förderung und Bildung und das soziale Umfeld, jedoch auch die Art der Bindung zu seinen Bezugspersonen. "Kinder mit guter Bindung zu den Eltern lernen viel leichter. Gewaltanwendung oder Misshandlung bringt hingegen Unsicherheit oder Desorganisation in diese Beziehung und führt zu einem Stress, der Lernprozesse hemmt", so Rupp. Schädlich sei Gewalt in der Erziehung nicht nur dort, wo sie körperliche Verletzungen hinterlässt. "Allein die Tatsache, dass ein im Vergleich riesiger, älterer und mächtiger Mensch, der noch dazu als Elternteil wichtigste Quelle für Sicherheit und Geborgenheit ist, zuschlägt, ist für ein Kind schrecklich." Zwar sei es richtig, dass Kinder Grenzen brauchen, doch dürften diese nicht mit körperlicher Gewalt vermittelt werden. "Niemand wird durch Gewalt brav. Die psychische Verletzung bleibt hingegen lange bestehen", betont die Psychologin.

Zuschlagen aus Hilflosigkeit

Das Zuschlagen bezeichnet Rupp als Ausdruck der Hilflosigkeit der Eltern. "Erziehung ist die schwerste Arbeit der Welt. Viele wollen ihre Kinder gar nicht schlagen, wissen sich jedoch in bestimmten Situationen nicht mehr zu helfen." Die Vorstellung einer "gesunden" Züchtigung sei ebenso falsch wie das von Eltern oft vorgebrachte Argument, dass die Schläge in der eigenen Erziehung auch nicht geschadet hätten. "Irgendwann kommt man vielleicht drauf, dass man doch seelischen Schaden erfahren hat, denn sonst bräuchte man nicht zu Gewalt greifen." Wenn die Situation eskaliert, rät die Psychologin den Eltern, professionelle Unterstützung in Beratungsstellen aufzusuchen. Hier könne man durch externe Hilfen genauer ansehen, warum es zum Zuschlagen kommt, wie es vermieden werden kann und welche besseren Reaktionen möglich sind. Ein besserer Umgang mit dem Thema gelinge, wenn es seine Scham verliere. "Statt Bestrafung für elterliches Fehlverhalten ist rechtzeitige und präventive Hilfe wichtig. Wer in der Erziehung Hilfe braucht, muss sie auch bekommen."

Ansatz "Frühe Hilfe" wird getestet

Die Bedeutung der Prävention betont auch Eveline Holzmüller, Sozialarbeiterin und Kinderschutz-Expertin beim Amt für Jugend und Familie der Stadt Wien. "Derzeit wird der Ansatz 'Frühe Hilfe' getestet. Sozialarbeiter versuchen hier, Eltern mit hohem Risiko für Gewalt bereits in den Geburtsspitälern gezielt anzusprechen, sie zu beraten und Maßnahmen der Unterstützung zu vermitteln, falls die Eltern diese annehmen möchten." Als Risikofaktoren, die in Fragebögen oder offenen Gesprächen erkundet werden, gelten vor allem Armut sowie die eigene Erfahrung von Gewalt. Die Körperstrafe ist in Deutschland und Österreich seit 1989 verboten. Kinder besitzen ein "Recht auf gewaltfreie Erziehung", stellt das Gesetz fest, unzulässig sind demnach körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigenden Maßnahmen.

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