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Schulen: Brauchen unsere Kinder Benimmunterricht?

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Kindererziehung: Benehmen  

Brauchen unsere Kinder Benimm-Unterricht?

26.11.2009, 11:39 Uhr | rev, ddp

Kleinkinder, die sich im Supermarkt kreischend auf den Boden schmeißen, weil sie nicht die gewünschten Süßigkeiten bekommen. Kinder, die beim Essen im Lokal ihre Langweile damit bekämpfen, dass sie wild unter, über und zwischen den Tischen und anderen Gästen umher toben. Pubertierende Teenager, die gar nicht einsehen können, warum sie am 70. Geburtstag der Großmutter auf ihre geliebten Baggy-Jeans verzichten sollen. Bis der Nachwuchs erst einmal gelernt hat, sich gut zu benehmen, werden Eltern in zahlreiche Situationen verwickelt werden, in denen sich die Kinder alles andere als höflich und rücksichtsvoll verhalten. Kann da vielleicht ein professioneller Benimm-Unterricht weiterhelfen? Eine Gelsenkirchener Hauptschule ist nun diesen Schritt gegangen.

Nuscheln verboten!

Korrektes Benehmen hängt auch mit dem richtigen Händedruck und verständlicher Kommunikation zusammen. Das lernen die Schüler der Gelsenkirchener Hauptschule Frankampstraße gleich zu Beginn des Unterrichts. Petra Schlüter geht auf jeden Schüler zu, lässt sich die Hand geben und den Namen nennen. "Die Endsilben der Namen bitte richtig aussprechen und lieber langsamer als zu schnell sprechen", sagt die 58-Jährige zu den Schülern der Klasse 10 b. Dennoch nuschelt so mancher Schüler seinen Namen eher, als dass er ihn sagt. Schlüter macht deshalb gleich nach dem ersten Durchgang den Praxistest: "Wie viele haben den Namen jetzt verstanden?", fragt sie die Mitschüler. Die 58-Jährige ermahnt die Schüler, ihre Namen klar und deutlich auszusprechen. "Wenn ich ein Arbeitgeber bin, habe ich keine Lust, fünfmal nach dem Namen zu fragen", erläutert sie den Jugendlichen.

Benimm-Unterricht im Stundenplan

Für die Schüler der Klasse 10 b steht an diesem Tag nicht Mathematik, Deutsch oder Geschichte, sondern Benimm-Unterricht auf dem Programm. Petra Schlüter führt die Schüler im Alter von 15 bis 17 Jahren in die Feinheiten der Etikette ein - unterstützt wird sie dabei von ihrer 61-jährigen Mitstreiterin Regina Klein. Beide Frauen sind ehrenamtliche Mitarbeiterinnen der Projektwerkstatt "50 plus". Seit Anfang 2008 bietet die Initiative Benimm-Unterricht für Hauptschüler an. Das Thema des Unterrichts lautet "1 mal 1 des guten Tons". Rund zehn Benimmkurse hat Schlüter bereits gegeben.

"Den Teller bitte nicht zu voll laden"

"Ich habe mich schon immer mit Fragen des guten Benehmens befasst", sagt Schlüter, die im Hauptberuf selbstständige Versicherungskauffrau ist. Durch den Kontakt zu der Projektwerkstatt kam sie auf die Idee mit dem Benimm-Unterricht. "Als ich meinen Söhnen davon erzählt hab, sagten die nur: 'Du weißt nicht, auf was du dich da einlässt'", erzählt sie. Dennoch ließ sie sich nicht entmutigen. Bei den Lehrern lief Schlüter mit ihrem Angebot offene Türen ein. "Wir sind alle ganz angetan von dem Unterricht. Vor allem das Abschlussessen in dem Hotel tut den Schülern gut und gibt ihnen Sicherheit", sagt die für Berufsorientierung zuständige Lehrerin Irmtraut Milobinski. Zum Benimm-Unterricht gehören nämlich auch der richtige Gebrauch von Gabel und Messer sowie die sonstigen Tischmanieren. Mitdozentin Klein malt auf die Schultafel, wie Besteck und Teller angeordnet werden. Zudem gibt sie Tipps, wie sich die Schüler richtig an einem Büfett zu verhalten haben. "Den Teller bitte nicht zu voll laden", rät sie.

Der Unterricht kommt gut an

Natürlich zählt auch das richtige Verhalten bei einem Vorstellungsgespräch zum Unterricht. Schließlich sind die Schüler in einem Alter, in dem das Thema auf sie zukommt. "So was kann einem weiterhelfen. Diese Art von Unterricht könnte man ruhig öfter machen", sagt der 17-jährige Liridon, nachdem er gerade mit einer Mitschülerin ein Vorstellungsgespräch simuliert hat. Auch Schulkollege Orkan stimmt zu: "Der Unterricht war interessant. Wir haben viel gelernt", sagt der 15-Jährige. Wie positiv der Unterricht bei den Schülern ankommt, hat Schlüter auch schon in der städtischen Fußgängerzone bemerkt. Da kamen Hauptschüler, denen sie Benimm-Unterricht gegeben hatte, auf sie zu und gaben ihr die Hand. "Die haben mich sogar zur Hochzeitsfeier eingeladen", berichtet Schlüter. Über so viel Zuspruch kann sich ein ehrenamtlicher Lehrer nur freuen.

Eltern bleiben hauptverantwortlich

Doch trotz des positiven Feedbacks, dürfte klar sein, dass ein bisschen Benimm-Unterricht alleine nicht ausreicht, um Kindern und Jugendlichen ein höfliches und angemessenes Auftreten zu vermitteln. Selbst wenn andere Schulen dem Beispiel der Hauptschule Frankampstraße folgen sollten, sind damit die Eltern längst noch nicht von ihren Aufgaben befreit. Diese stehen weiterhin in der Verantwortung und sollten ihren Kindern die richtigen Werte vorleben und ihnen sinnvolle Grenzen setzen. Dabei ist immer auch das "Warum" entscheidend: Oft wissen (besonders jüngere) Kinder nicht, wenn sie sich "falsch" benommen haben und warum andere verärgert reagieren. Daher ist es wichtig mit dem Kind zu sprechen und zu erklären, weshalb ein bestimmtes Verhalten nicht in Ordnung war. Denn eigentlich wünscht sich jedes Kind, die Dinge richtig zu machen und dafür respektiert und gemocht zu werden. Eltern sollten Kindern dann nicht nur sagen, was gutes Benehmen ist, sondern auch warum das so ist. Die Begründung "Das ist halt so" reicht Kindern nicht aus und überzeugt sie meistens nicht.

Gutes Benehmen - warum eigentlich?

Wieso sich Kinder überhaupt gute Manieren aneignen sollten, erklärt "Der große Knigge" einleuchtend: Den Kindern zuliebe, den anderen zuliebe und sich selbst zuliebe. Kleinen Kindern mögen andere noch nachsehen, wenn sie sich einmal daneben benehmen. Doch spätestens in der Schule wird sich schlechtes soziales Verhalten und Unhöflichkeit negativ auswirken. Womöglich durch schlechte Noten, mit Sicherheit jedoch durch ein gespanntes Verhältnis zu Mitschülern und Lehrern, eben zum sozialen Umfeld. Das trifft natürlich erst recht auch auf das spätere Arbeitsleben zu, wenn zum Beispiel schon kleinere Formfehler zum Scheitern beim Bewerbungsgespräch führen können. Denn grundsätzlich gilt: Wer anderen Freundlichkeit, Rücksicht und Hilfsbereitschaft entgegenbringt, wird diese Eigenschaften auch von anderen erfahren.

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