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Wenn Geschwister schwer krank sind

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Krankheit  

"Am liebsten wäre ich auch krank…"

29.12.2009, 14:12 Uhr | Simone Blaß, t-online.de

Wenn Geschwister schwer krank sind. Wenn ein Geschwisterteil schwer erkrankt ist, leidet der andere mit.

Wenn ein Geschwisterteil schwer erkrankt ist, leidet der andere mit. (Bild: Imago)

Es ist fast unmöglich, seine Liebe und Fürsorge zwischen Geschwisterkindern immer so aufzuteilen, dass sich keines zumindest vorübergehend benachteiligt fühlt. Noch schwieriger wird das, wenn eines der Kinder chronisch krank oder behindert ist. Denn dieses Kind bekommt, das liegt in der Natur der Sache, besonders viel Zeit und Aufmerksamkeit der Eltern. Da können die gesunden Geschwister im Alltagsstress schon einmal untergehen.

Emotionale Stabilität kann viel auffangen

Ist ein Kind einer Familie chronisch krank oder behindert, dann leiden dessen Geschwister auf psychischer Ebene oft erheblich. Das hat eine Studie der Universität Köln ergeben. Die untersuchten Kinder zeigten aufgrund emotionalen Belastung deutlich mehr Verhaltensauffälligkeiten als Kinder aus gesunden Familien. Vorherrschend waren aggressives Verhalten, Angst und Depressionen. Fazit: Auch die Geschwister brauchen Hilfe und emotionale Stabilität in dieser besonderen Lebenssituation. Waltraud Hackenberg beschäftigt sich schon seit vielen Jahren mit dem Thema und hat unter anderem das Buch "Geschwister von Menschen mit Behinderungen: Entwicklung, Risiken, Chancen" herausgebracht. Sie weiß: „Bedingt durch die große eigene Belastung der Eltern und ihre Enttäuschung über die Behinderung kann es zu zeitweiliger Vernachlässigung der Geschwister kommen. Problematisch ist es auch, wenn die Eltern von den Geschwistern kompensatorische Leistungen oder besondere Anpassung erwarten.“ In ihrer Arbeit zeigt sie aber auf, dass im Leben mit einer behinderten Schwester oder einem behinderten Bruder auch viel Positives zu sehen ist. „Das gemeinsame Aufwachsen mit einem behinderten Kind bringt für die nicht behinderten Geschwister Risiken und Chancen mit sich. Risiken können unter anderem in Benachteiligung (objektiv oder subjektiv), Überforderung oder Vernachlässigung der nicht behinderten Geschwister liegen. Auch die Beziehung zu den Eltern kann durch deren Sorgen belastet werden. Chancen können aber in den Herausforderungen für die Persönlichkeitsentwicklung liegen.“ Wobei hier vor allem die Förderung der sozialen Entwicklung eine große Rolle spielt.  Viele dieser Kinder sind für ihr Alter ziemlich verantwortungsbewusst, reif und kooperativ.

Das Umfeld ist für die Entwicklung entscheidend

Von Waltraud Hackenberg durchgeführte Studien zeigen eindeutig, dass man aus einer solchen Geschwisterbeziehung heraus zu einem sozial besonders kompetenten und selbstbewussten Menschen mit Zivilcourage heranwachsen kann. Wobei es hier stark auf die Einstellung des Umfeldes ankommt und darauf, wie die Eltern mit der Situation umgehen. Und wie selbstverständlich die Umwelt das kranke Kind annimmt. Wenn die Eltern mit ihrem Schicksal hadern, dann werden auch die gesunden Kinder verunsichert. Sie sehen Mutter und Vater leiden und das macht sie hilflos und manchmal auch wütend dem kranken Kind gegenüber. Allerdings dürfen diese Gefühle nicht gezeigt werden, denn in der Regel ist es so, dass die Eltern gerade von älteren Geschwistern Rücksichtnahme verlangen, die Kinder lernen dann schnell, dass die eigenen Bedürfnisse nicht so wichtig genommen werden. Die Psychologin weist aber darauf hin, dass Ambivalenz zwischen positiven und negativen Gefühlen immer die allgemeine Geschwisterbeziehung kennzeichnet. „Dies trifft natürlich auch für Geschwister behinderter Kinder zu. Allerdings finden sich hier Zusammenhänge mit der Schwere der Behinderung. Geschwister schwerstbehinderter Kinder zeigen vermehrt oder ausschließlich positive Gefühle dem behinderten Kind gegenüber. Hier muss sorgfältig beobachtet werden, ob negative Gefühle zurückgehalten werden. Denn eine Unterdrückung negativer Gefühle ist für die kindliche Entwicklung generell ungünstig.“

Die Geschwisterkonstellation hat Auswirkungen

Entscheidend für die Beziehung der Geschwister zueinander ist unter anderem, in welcher Konstellation sie geboren wurden. War das behinderte oder kranke Geschwister bereits da und das gesunde Kind ist das jüngere, dann kann das von Vorteil sein: Erstens kennt das zweite Kind die Situation gar nicht anders und wächst damit von Anfang an auf, die Krankheit wird also als etwas Selbstverständliches angesehen und zweitens haben sich die Eltern bereits mit ihrer Situation arrangiert und sich dafür entschieden, dass Platz und Raum ist in ihrem Leben für ein weiteres Kind. Anders stellt sich die Sache dar, wenn das kranke Kind das Jüngste ist. Das bedeutet für die älteren Geschwister nicht nur, dass sie sich, wie alle anderen älteren Geschwister auch damit auseinandersetzen müssen, dass da plötzlich jemand ist, mit dem man die elterliche Liebe und Zeit teilen muss. Das bedeutet ebenfalls, dass da jetzt jemand ist, der über das normale Maß hinaus Fürsorge braucht.

Hier gelten andere Spielregeln

Rivalität unter Geschwistern ist etwas völlig Normales, schließlich geht es um die Gunst der Eltern. Durchsetzungsvermögen und Konkurrenz sind hier die Schlagworte. Ist aber ein Geschwister krank, dann kann der Kampf um die beste Stellung nicht einfach so ausgetragen werden, die Vorzeichen haben sich verändert, die Spielregeln sind andere. Ilse Achilles ist Journalistin und Autorin des Buches „... und um mich kümmert sich keiner: Die Situation der Geschwister behinderter und chronisch kranker Kinder“. Sie hat selbst zwei gesunde Mädchen und einen geistig behinderten Sohn. Dazu, dass die Geschwisterkinder sich oft permanent anpassen beziehungsweise Rücksicht nehmen (müssen), schreibt sie: „Das macht diese - meist unbewusst - wütend. Ihre Wut dürfen sie aber nicht auf die behinderte Schwester oder den kranken Bruder richten. So haben Studien ergeben, dass Eltern auf Zornesausbrüche ihrer Kinder weniger tolerant reagieren, wenn sich die Wut gegen die behinderte Schwester oder den kranken Bruder richtet. Sie verlangen Loyalität und Rücksichtnahme.“

Unbewusste Prozesse

Manchmal geht es so weit, dass die Geschwister kranker Kinder selbst krank sein wollen, um die Aufmerksamkeit der Eltern wiederzuerlangen. Oder sich die Schuld an der Krankheit geben und glauben, die Eltern bestrafen sie damit, dass sie sich nicht mehr um sie kümmern. Je jünger die Kinder sind, desto schneller setzen sich solche Gedanken fest. Vor allem kleine Kinder können auch Ängste vor einer Krankheit entwickeln, Ängste zum Beispiel sich anzustecken oder gar vor dem Tod. Bereits vorhandene Schuldgefühle werden dann noch dadurch verstärkt, dass das Geschwisterkind Dinge machen kann, die das kranke Kind vielleicht nie wird tun können. Auch die Reaktionen von Freunden und Mitschülern spielen eine Rolle, denn schließlich ist es für die Kinder nicht einfach, mit mitleidigen Blicken umzugehen oder gar gemieden zu werden, wenn zum Beispiel die behinderte Schwester oder der behinderte Bruder dabei sind. Eine schwierige Situation. Denn gerade jetzt brauchen die Geschwisterkinder vermehrt Aufmerksamkeit und Eltern, mit denen sie über ihre Gefühle und beispielsweise über die Wahrnehmung von gesellschaftlicher Diskriminierung sprechen können.

Ehrlich mit der Situation umgehen

Was sie aber ebenfalls - und zwar mindestens genauso dringend - brauchen, ist Ehrlichkeit. Die Eltern sollten versuchen, altersgerecht zu erklären, was es mit einer bestimmten Diagnose oder einer bevorstehenden Behandlungen auf sich hat. Besonders schwierig ist die Situation, wenn längere Krankenhausaufenthalte notwendig sind. Die dadurch verbundene häufige beziehungsweise auch räumliche Trennung von den Eltern sowie die Destabilisierung des Familienalltags wirken sich stark auch auf die Geschwister aus. Wichtig ist hier unter anderem, den Kontakt zwischen den Kindern aufrechtzuerhalten und die gesunden Kinder mit einzubeziehen in die Krankenhausbesuche. Vor allem aber sollte man versuchen, trotz alledem eine alltägliche Routine zu entwickeln, die den Geschwisterkindern einen festen Rahmen gibt, an dem sie sich orientieren können. Und sich als Eltern immer wieder bewusst machen, in welcher schwierigen Situation sich auch die gesunden Kinder befinden.

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