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RTL: "Mädchen-Gang" - Erziehungshilfe per TV

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Doku-Soap  

Gewalt als Publikumsmagnet

23.02.2010, 10:00 Uhr | iri, dpa

RTL: "Mädchen-Gang" - Erziehungshilfe per TV. Junge Frau in Boxpose.

Die 16jährige Kiki aus der "Mädchen-Gang". (Bild: RTL II)

Körperverletzung, versuchter Totschlag, Drogenabhängigkeit und Diebstahl, das sind Themen, die eigentlich gerne verschwiegen oder ausgeblendet werden. Nicht so im deutschen Fernsehen: RTL II lässt seine Zuschauer in der Doku-Soap "Mädchen-Gang" gewissermaßen hautnah miterleben, wie sechs junge Frauen zwischen 16 und 20 Jahren, die tief im Sumpf von Gewalt und Kriminalität stecken, drei Wochen zusammengesteckt und öffentlich vorgeführt werden.

Problemlösung oder -steigerung?

Die aggressiven und gewaltbereiten Mädchen werden direkt zu Beginn mit einer Durchsuchung ihrer Koffer provoziert. Auch eine Spaltung in zwei Lager der Mädchen wird forciert, so wird die 19-jährige Carina, eigentlich selbst harte Schlägerin, zum Opfer der Gruppe auserkoren und gequält. Zusehen bekommt hier fast schon voyeuristische Züge. "Drogen, Sex, Gewalt und Alkohol bestimmen den Alltag der Mädchen. Ihre Strafregister sind lang und sie verbringen mehr Zeit auf der Polizeiwache als in der Schule.", so RTL II. Fast alle haben Anzeigen wegen schwerer Körperverletzung und teilweise sogar versuchten Totschlags. Doch der Privatsender hat sich sehr hohe Ziele gesteckt, er will die Probleme nicht nur in zugespitzter Großaufnahme zeigen, sondern auch gleich lösen: "Jetzt bietet RTL II den Mädchen eine letzte Chance", heißt es da, denn sie "wissen genau - die 'Mädchen-Gang' ist ihr letzter Ausweg".

Ausweg oder Irrweg?

Das Ganze sei aber keineswegs ein Ausweg, sondern ein Irrweg, meint der Medienwissenschaftler Alexander Kissler, der in seinem Buch "Dummgeglotzt - Wie das Fernsehen uns verblödet" auch Reality-TV-Formate analysiert. "Das Fernsehen spielt sich als Gouvernante der Nation auf. Aber das klappt nicht", sagt er. "Wichtige Themen wie Erziehung und Bildung werden durch solche Sendungen auf Radau und Krawall reduziert."

Stress und Krawall

Den wird es bei der "Mädchen-Gang" wohl auch geben. Im Jugendknast waren fast alle schon mindestens einmal. "Kikis beste Freunde sind Alkohol und Jungs, mit Mädchen kommt sie überhaupt nicht klar. Da ist Stress mit den anderen fünf Damen aus der 'Mädchen-Gang' vorprogrammiert", heißt es. Denn die Mitbewohnerinnen der 16-jährigen Kiki in einem "abgeschiedenen Haus" sind auch keine Kinder von Traurigkeit: Jeanette (18) lebe nach dem Motto "Angriff ist die beste Verteidigung", Carina (19) und Laura (16) haben bereits etliche Anzeigen bei der Polizei gesammelt, Vanessa (16) geht schon seit zwei Jahren nicht mehr zur Schule und der drogenabhängigen Ex-Heimbewohnerin Jessica (20), deren drei kleine Kinder bei Pflegefamilien leben, scheint sowieso alles egal. Gegen alle Widerstände sollen die Psychologin Susann Szyszka und der Anti-Gewalt-Coach Ralf Seeger die Sechs wieder auf Kurs bringen. Dazu haben sie drei Wochen Zeit.

Coaching-Sendungen sind Publikumsrenner

Und das Publikum kann anscheinend nicht genug bekommen von solch niveaulosen, völlig überzogenen Coaching-Sendungen, in denen Menschen in schwierigen Situationen Lebenshilfe versprochen wird - sofern sie ihre Not per TV öffentlich machen. Hilfe bekommt hier nur, wer sich öffentlich zum Gespött macht, wenn es denn überhaupt Unterstützung gibt, meist sind es nur leere Versprechungen. Als Zuschauer hat man das Gefühl, während der Sendung zu verblöden, so dumm und naiv kommen einem die Protagonistinnen vor. Und doch scheint sich die breite Masse auf dieses Niveau mit Begeisterung begeben zu wollen. So startete RTL am Mittwoch, den 17. Februar bereits seine vierte Staffel der Reihe "Teenager außer Kontrolle" - 3,76 Millionen Zuschauer sahen zu. Schuldenberater Peter Zwegat zieht mit seiner Show "Raus aus den Schulden" regelmäßig bis zu 20 Prozent der TV-Zuschauer an, ebenso wie "Rach - der Restauranttester". Die Reihe der Lebenshilfe-Sendungen ist lang: "Die Super-Nanny", "Zuhause im Glück", "Die Kochprofis"...

Wirklich eine Hilfe?

"Es gibt aber keine nachhaltige Untersuchung darüber, ob den Menschen tatsächlich geholfen wird", kritisiert Kissler. Bei der letzten Staffel von "Teenager außer Kontrolle" habe RTL selbst einräumen müssen, dass nur einer der sechs gezeigten Rowdy-Jugendlichen sein Leben ändern konnte. "Und dem Zuschauer wird auch nichts vermittelt, was er nicht schon kennt: Reiß' dich zusammen, kümmere dich um dein Aussehen, sei pünktlich und arbeite an dir. Die Ratschläge gehen nicht über diesen Appellfaktor hinaus."

Konzentration auf Randschichten

Auch die Konzentration vieler Formate auf soziale Randschichten sieht der Medienwissenschaftler problematisch. "Das Fernsehen sagt: So ist der Alltag in Deutschland und setzt damit Normen. Das ist bedenklich." Denn beim Zuschauer setze sich möglicherweise ein Bild der Gesellschaft im Kopf fest, das mit der Realität nur wenig gemein habe.

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