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Dietmar Hopp im Interview zu Jugend und Fußball

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Fußball und Kinder, Spaß oder Leistungsdruck?

19.03.2010, 12:38 Uhr | ruf,mmh, t-online.de

Dietmar Hopp im Interview zu Jugend und Fußball. Mäzen Dietmar Hopp mit Maskottchen Hoffi (TSG 1899 Hoffenheim).

Fußball-Mäzen Dietmar Hopp im Stadion. (Bild: imago)

Der Mäzen des TSG 1899 Hoffenheim, SAP-Gründer Dietmar Hopp (69), baute nicht nur ein schickes Stadion für seine Profis, ihm liegen ganz besonders die jungen Nachwuchs-Talente im Fußball am Herzen. Sport- und Jugendförderung wird groß geschrieben und reichlich bezuschusst. In der Neckar-Region rund um Hoffenheim gibt es mehrere Stützpunkte, die im Jugend-Förderprogramm "Anpfiff ins Leben" zusammengeschlossen sind. Breitensport und Spitzensport wird gefördert. Es geht um Perspektiven im Leben und um Alternativen, falls es mit dem Profi-Sport doch nicht klappt. Im Gespräch mit Ruth Friedrich und Maria Magdalena Held nimmt Dietmar Hopp Stellung zu Jugend und Fußball.

Depression und Leistungsdruck. Diese Themen rückten durch den Tod von Robert Enke in den Fokus. Wird dies auch unter den Jugendlichen thematisiert?

Hopp: "Der Freitod Robert Enkes hat uns alle betroffen gemacht. Depression ist eine Krankheit, die nicht nur im Hochleistungssport auftaucht. Dasselbe gilt für Leistungsdruck. Das ist kein sportliches, sondern ein gesellschaftliches Phänomen, das auch in unseren Jugendmannschaften - im Dialog mit den jeweiligen Trainern - ständig thematisiert wird."

Wie geht man bei Kindern und Jugendlichen mit Leistungsdruck um?

Hopp: "Kinder sind meiner Meinung nach nicht von Leistungsdruck betroffen. Ganz im Gegenteil: Bei 1899 Hoffenheim arbeiten wir zurzeit gezielt Trainingskonzepte aus, wie Fußball kindgerecht trainiert werden und der Spaß im Vordergrund stehen kann. Bei den Jugendlichen wird es schon schwieriger. Es geht um Stammplätze und um eine eventuelle Profi-Karriere. Die Trainer müssen viel mit den Jugendlichen sprechen, ihnen erklären, was sie falsch machen und warum es im einen oder anderen Fall nicht reicht. Niederlagen und Enttäuschungen gehören leider zum Leben dazu."

Lernen Kinder, die für den Profi-Sport trainieren, Entspannungstechniken oder Stressbewältigungs-Strategien?

Hopp: "Wir arbeiten mit Sportpsychologen zusammen. Nicht erst seit Enkes Freitod sind sie immer mehr gefragt. Aber auch sie können nur Hilfestellung leisten und Tipps geben. Die Stressbewältigung können auch sie niemandem abnehmen."

Sind die Trainer und sportlich Verantwortlichen dafür sensibilisiert?

Hopp: "Ja. Bernhard Peters zum Beispiel, Direktor für Sport- und Nachwuchsförderung bei 1899 Hoffenheim, hat in einer Trainersitzung an die Trainer appelliert, kontinuierlich auf die Kinder und Jugendlichen einzugehen und viel mit ihnen zu sprechen. Er legt großen Wert darauf, dass die Betroffenheit, die Enkes Selbstmord ausgelöst hat, nicht einfach so verpufft, sondern dass sich die Trainer diese Tragödie ständig vor Augen halten und versuchen, Probleme frühzeitig zu erkennen."

Konkurrenzkampf unter Kindern – diese Erfahrung benötigen die zukünftigen Sportler sicherlich für die Karriere. Wie können Kinder die Balance finden zwischen Persönlichkeitsentwicklung und Konkurrenzkampf?

Hopp: "Wie schon erwähnt: Unter Kindern, darunter verstehe ich die Bis-Elfjährigen, sehe ich keine Konkurrenzkämpfe. Erst später wird es ernst, und um die richtige Balance zu finden zwischen Persönlichkeitsentwicklung und Konkurrenzkampf bedarf es sehr gut ausgebildeter Trainer. Und natürlich den starken Rückhalt aus dem Elternhaus. Der Fußball ist aber - und das betone ich immer wieder - bei allem Konkurrenzkampf ein sehr gutes Instrument, um sich eine starke Persönlichkeit anzueignen, auch für die Schule, den Beruf und so weiter."

Nur die wenigsten Projekt-Teilnehmer werden am Ende Profis. Wie fängt man die auf, die es nicht schaffen?

Hopp: "Das ist natürlich keine leichte Aufgabe, aber man muss den Jugendlichen eben frühzeitig klar machen, dass eine Profi-Karriere kein Selbstläufer ist, dass sie sich nicht von den Medien blenden lassen dürfen und dass es nur ganz wenige schaffen. Daher ist es umso wichtiger, sie ganzheitlich auszubilden und ihnen das Rüstzeug für ein Leben abseits des Fußballplatzes mitzugeben. Eine Aufgabe, der sich Anton Nagl - Vorsitzender von "Anpfiff ins Leben" - und sein Team mit Leib und Seele verschrieben haben. Wenn schon kein Profi-Fußball, dann immerhin eine ordentliche Ausbildung, eine starke Persönlichkeit mit hoher Sozialkompetenz und im Idealfall ein guter Beruf. Wenn dafür die Voraussetzungen geschaffen werden, sind alle, die es nicht "packen", sehr gut aufgefangen."

Sport, Schule, Beruf, Soziales - so heißen die Säulen des Programms, deren Gleichrangigkeit macht die Ganzheitlichkeit aus. Sehen die leistungsorientierten Jugendlichen auf dem Weg zum Profi das auch als gleichrangig an?

Hopp: "Da müssten Sie die Jugendlichen selbst fragen. Die meisten erwachsenen Männer haben früher lieber Fußball gespielt haben, als für eine Klassenarbeit zu büffeln. Ich glaube das ist ganz normal und sicherlich keine Schande. Es geht weniger um die absolute Gleichrangigkeit, sondern darum, den Kindern klar zu vermitteln: Ja, Fußball macht Spaß, aber es gibt Dinge, die mindestens genauso wichtig beziehungsweise für den späteren Lebensunterhalt viel wichtiger sind. Das will "Anpfiff ins Leben" ihnen vermitteln. Dass dies bei allen Kindern und Jugendlichen gelingt, ist der Idealfall, den es anzustreben gilt."

Der Sport, die Karriere steht im Vordergrund. Die Mitschüler haben dasselbe Ziel. Leistungsorientierung. Abhängen und in den Tag leben gibt es kaum. Bleibt da nicht die Persönlichkeits-Entwicklung auf der Strecke?

Hopp: "Ich würde jetzt nicht unbedingt 'Abhängen' und 'In den Tag leben' als Eigenschaften ansehen, die eine gute Persönlichkeitsentwicklung ausmachen. Aber ich verstehe, was Sie meinen: Das Kind- beziehungsweise Teenager-Sein kommt zu kurz. Man findet immer ein Haar in der Suppe. Es geht wie so oft um den goldenen Mittelweg. Sicherlich bleibt bei leistungsorientierten Sportlern der ein oder andere 'Spaßfaktor' - wie Alkoholkonsum oder Discothekenbesuche - auf der Strecke. Das verhindert aber meines Erachtens nicht eine vernünftige Persönlichkeitsentwicklung."

Die vielzitierten ehrgeizigen 'Eislauf-Mamis' gelten als abschreckende Beispiele: Wie werden die Eltern mit einbezogen, damit sie ihr Kind weiterhin auf allen Ebenen unterstützen können und ihnen eine normale Kindheit - auch mit Geschwistern - ermöglichen, trotz Training und Leistung?

Hopp: "Wir wollen und können Eltern nicht vorschreiben, wie sie ihre Kinder erziehen sollen. Bei 'Anpfiff ins Leben' sind die Eltern jederzeit willkommen, sich an Projekten zu beteiligen und sich einzubringen. Es gibt zum Beispiel auch regelmäßige "Elternabende", bei denen die Eltern über unsere Programme und dergleichen informiert werden. Bei schlechten Zeugnissen sensibilisieren wir die Eltern und legen ihnen nahe, ihre Kinder an unseren Förder- beziehunsgweise Nachhilfemaßnahmen teilnehmen zu lassen. Dazu zwingen können wir sie nicht."

Was entgegnen Sie der Kritik: Guten Sportlern wird der Schulabschluss nachgeschmissen?

Hopp: "Ob dieser Vorwurf stimmt, kann ich nicht beurteilen. Es mag Einzelfälle geben, bei denen das zutrifft. Die Betroffenen - Schulen und Schüler - sollten sich nur darüber im Klaren sein, dass ein "nachgeschmissener Schulabschluss" niemandem etwas nutzt."

Wie ist das pädagogische Personal ausgewählt? Gibt es Zusatz-Kriterien? Anders als bei "normalen" Trainern oder Sport-Lehrern?

Hopp: "Wir arbeiten ja unter anderem mit den Lehrern der Schulen zusammen, die unsere Sportler besuchen. Das sind von Haus aus sehr gut ausgebildete Pädagogen. Ansonsten setzen wir jetzt keine utopischen Maßstäbe an und haben auch kein knallhartes Auswahlverfahren. Anton Nagl und sein Team suchen sich die Leute, die sie einstellen, aber mit hoher Sorgfalt aus. Ein gut abgeschlossenes Studium und viel Praxiserfahrung sind natürlich Voraussetzung."

Wie lernen Kinder und Jugendliche mit Rassismus, mit Beleidigungen, mit unfairem Verhalten auf und neben dem Platz umzugehen? Es selbst zu vermeiden?

Hopp: "Rassismus ist eine schlimme Sache und hat in unseren Jugendförderzentren keinen Platz. Nicht umsonst befinden sich etwa die Zentren in Ludwigshafen und Mannheim in sozialen Brennpunkten, um gerade hier intensive Arbeit zu leisten. Beleidigungen und unfaires Verhalten sind ebenfalls unerwünscht, gelten aber leider oft auch als ein Ausdruck von Selbstbewusstsein und "Coolness". Wir versuchen in unseren Förderzentren durchaus, den Jugendlichen eine gewisse Portion Frechheit beizubringen. Auch hier gilt es, die richtige Balance zwischen Selbstbewusstsein und Respekt zu finden. Rassismus aber wird in keiner Form geduldet."

Müsste sich nicht auch die Politik mehr in dieser Förderung engagieren?

Hopp: "Diese Frage lässt sich nicht mit einem einfachen Ja oder Nein beantworten, außerdem möchte ich hier keine Forderungen stellen. Ein großes Engagement in dieser Förderung aus allen Bereichen der Gesellschaft wäre sicherlich wünschenswert."

Würde Sportförderung ohne private Investoren überhaupt funktionieren?

Hopp: "Nicht auf diesem hohen Niveau, obwohl Idealismus und ehrenamtliches Engagement auch viel bewegen können."

Ist solch ein ganzheitliches Programm nur in wirtschaftlich guten Zeiten möglich?

Hopp: "Nein. Im Moment sind die wirtschaftlichen Zeiten nicht sonderlich gut - aber unser ganzheitliches Programm funktioniert dennoch. Es hängt viel vom guten Willen der Menschen ab, die es gestalten."

Solch ein Programm wächst, verändert sich. Wo sehen Sie selbst Schwachstellen, Handlungsbedarf, welche Themen kommen neu dazu?

Hopp: "Mit den Bereichen Sport / Schule / Beruf / Soziales haben wir die wichtigsten Themen abgedeckt. Das sind grob zusammengefasst die Dinge, auf die es im Leben ankommt. Inwieweit sich irgendwann unsere gesellschaftlichen Strukturen einmal verändern, kann ich heute nicht beurteilen, im Moment sehe ich keinen Handlungsbedarf. 'Anpfiff ins Leben' ist ein einmaliges Projekt und ich wünschte mir, es gäbe in Deutschland mehrere solcher Vereine…"

Ist es ein persönliches Ziel von Ihnen, einen Spieler aus ihrem Förderprogramm bis in die Nationalmannschaft zu führen?

Hopp: "Es ist kein Ziel, an dem ich mit aller Macht arbeite, das ginge auch gar nicht. Darüber freuen würde ich mich selbstverständlich. Ich habe schon vor zehn Jahren gesagt, dass ich mich gerne zu meinem 70. dafür beglückwünschen würde, dass bei der WM 2010 ein Spieler aus unserem Ausbildungsprogramm in der Nationalmannschaft spielt. Das wird nun vielleicht nicht mehr ganz reichen, aber so lange existiert 'Anpfiff ins Leben' nun auch noch nicht."

Wie bringen sich Ralf Rangnick und die 1899-Spieler in das Projekt ein?

Hopp: "Ralf Rangnick wäre nicht der richtige Mann für 1899 Hoffenheim, wenn er die Projekt-Idee nicht mittragen würde. Seine Zeit ist natürlich stark begrenzt, aber wann immer er kann, bringt er sich ein, indem er zum Beispiel Trainingseinheiten mit unseren Jugendspielern absolviert und Vorträge für unsere Jugendtrainer hält. Auch einige Spieler, vor allem die jüngeren, bringen sich ein, indem sie ab und zu in den Zentren vorbeischauen und gegenüber den Jugendlichen die Bedeutung einer dualen Ausbildung betonen, da der Weg ins Profi-Geschäft sehr schwer und steinig ist."

Schauen Sie sich gelegentlich Jugendspiele an?

Hopp: "Nicht nur gelegentlich, ich bin relativ häufig bei der U23 und der U19, manchmal auch bei der U17."

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