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Sexueller Missbrauch  

Deutschland versagt im Kampf gegen Kindesmissbrauch

21.04.2010, 14:39 Uhr | Daniel Reviol, t-online.de

Deutschland versagt im Kampf gegen Kindesmissbrauch. Im Kampf gegen Kindesmissbrauch herrschen erhebliche Mängel in Deutschland. (Bild: Imago)

Im Kampf gegen Kindesmissbrauch herrschen erhebliche Mängel in Deutschland. (Bild: Imago)

"Ein Staat, dem das Wohl der Kinder egal ist" - so lautete das vernichtende Urteil der NDR-Reportage "Sexobjekt Kind", die sich mit der Frage auseinandersetzte: Wie gut werden in Deutschland Kinder vor sexuellem Missbrauch geschützt? Und tatsächlich, die Mängel in der Bekämpfung von Sexualverbrechen an Kindern sind erheblich und betreffen sämtliche relevante Bereiche: Ermittlung, Strafverfolgung, Prävention, Aufklärung und Therapie. Daran hat sich nichts geändert, seit sich Anfang 2009 die damalige Familienministerin Ursula von der Leyen bewaffnet mit einem roten Stopp-Schild gegen Kinderpornografie eingesetzt hatte. Das zeigen nicht nur die unzähligen Missbrauchsfälle in kirchlichen und schulischen Institutionen, die für öffentliche Entrüstung und Beunruhigung sorgten, sondern auch unzählige andere Fälle.

Erschreckende Zahlen

Hartmut Bosinski ist einer von nur sehr wenigen Sexualmedizinern in Deutschland. Seinen Schätzungen nach werden jährlich beinahe 100.000 Kinder Opfer von sexuellen Übergriffen. Andere Experten gehen sogar von 200.000 Fällen aus. Wie Bosinski vor kurzem in einem Interview erklärte, leben schätzungsweise 220.000 Männer mit pädophilen Neigungen in Deutschland. Angesichts dieser Zahlen muss man sich zwangsläufig die Frage stellen, wie die Kinder geschützt werden können. Die Antworten hat man schnell zur Hand: Kinder und Eltern müssen über die Gefahren aufgeklärt werden. Die Ermittlungen gegen Verdächtige müssen rasch zu Ergebnissen führen. Männer mit pädophiler Veranlagung benötigen therapeutische Angebote. Und auch Täter müssten therapiert werden, um das Rückfallrisiko zu minimieren.

Kinderpornographie: 365 Millionen Bilder zu sichten

Die Realität sieht anders aus. Es mangelt in Deutschland deutlich an Sozialpädagogen, die auf der Straße, in Familien oder beispielsweise in Schulen Aufklärungsarbeit leisten könnten, genauso wie an Ermittlern: Die für den Grimme-Preis nominierte NDR-Dokumentation "Sexobjekt Kind" von Autor Sebastian Bellwinkel gewährt einen Einblick in die alltägliche Arbeit auf der Ermittlungsstelle Kinderpornographie in Sachsen-Anhalt. In der Asservatenkammer lagern Tausende von beschlagnahmten Computern und CDs. Laut Aussage des Abteilungschefs gibt es noch zirka 365 Millionen Bilder zu sichten, wofür nur zwölf Mitarbeiter zur Verfügung stehen.

Das Personal reicht nicht aus

In einem einzelnen Fall geht es um rund 1,2 Millionen Beweisstücke. Davon muss jedes einzelne gesichtet, ausgewertet und katalogisiert werden, denn es muss geklärt werden, ob der Beschuldigte nur mit Kinderpornographie gehandelt hat oder ob er sich auch des Missbrauchs schuldig gemacht hat. Für Wochen ist der zuständige Beamte mit nichts anderem beschäftigt als mit der Auswertung des Materials. Ist er nicht schnell genug, kann der mutmaßliche Täter die Daten zurückfordern. Der Kampf gegen Kinderpornographie und Kindesmissbrauch erweist sich an dieser Stelle zu oft als Sisyphosarbeit ohne Erfolge. Die Mittel und das Personal, das zur Verfügung gestellt wird, sind hier zweifellos nicht ausreichend - das gleiche gilt damit auch für den Schutz der Kinder, der Opfer.

Pädophilie ist nicht heilbar - aber therapierbar

Dunkelfeldstudien zufolge sind fast ein Prozent der erwachsenen Männer zumindest pädophil ansprechbar und haben diese Neigung zum Teil schon ausagiert. Auf die Frage, ob Pädophilie heilbar sei, erklärt Experte Hartmut Bosinski: "Niemand sucht sich seine sexuelle Präferenz aus, sie ist fester Bestandteil der Persönlichkeit und als solche nicht zu ändern." Trotzdem ist Prävention möglich, so Bosinski: "In der Therapie können diese Männer lernen, mit ihrer Neigung umzugehen, damit daraus keine Taten werden. Letztendlich müssen sich Pädophile mit einem asexuellen Leben abfinden. Mit Hilfe von Medikamenten kann ihr Sexualtrieb aber ausgeschaltet werden." Leider ist das Gesundheitswesen in Deutschland nur unzureichend auf die Behandlung von Pädophilen eingestellt.

Zu wenig Experten

In Berlin gibt es das Präventionsprojekt Kinderpornografie (PPK). Dieses gründet sich auf Erfahrungen aus dem Präventionsprojekt Dunkelfeld des Instituts für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Charité. Es verfolgt das Ziel, einen aktiven Beitrag zum Kinderschutz zu leisten, indem es die offenkundige Versorgungslücke für pädophile Männer durch ein Angebot zur therapeutischen Prävention zu schließen versucht. Oberstes Ziel des PPK ist es, die Nutzung von Kinderpornografie zu senken und auf diesem Weg sexuellem Kindesmissbrauch vorzubeugen. Doch das Projekt steht in Deutschland bisher ziemlich alleine da. Ähnliche therapeutische Angebote für Männer mit pädophilen Neigungen sind äußerst gering. Das gilt ebenso für die Zahl der Sexualmediziner und ausgebildeten Gutachter in Deutschland.

Deutsches Strafrecht versagt

Doch es hängt nicht nur am Gesundheitswesen - auch das Strafrecht versagt: Holt ein Richter in Deutschland ein Gutachten zu einem Täter ein, dann allein um die Frage der Schuldfähigkeit zu klären. Das heißt, es geht nur darum, was der Betroffene getan hat und wie das zu bestrafen ist. Ein medizinisches Gutachten wird hingegen nicht angelegt. Wie gefährlich der Täter ist und ob er womöglich therapiert werden kann, bleibt offen. Stattdessen beschäftigt man sich nur mit der zurückliegenden Tat. Von Prävention keine Spur.

Zürcher Erfolgsmodell

Die Folgen dieser Vorgehensweise sind verheerend: Die sehr oft psychisch kranken Sexualstraftäter bekommen in Deutschland kaum medizinisch-psychologische Betreuung. In der Haft wächst das pädophile Verlangen und nach der verbüßten Haft verlassen die untherapierten Männer das Gefängnis als "tickende Zeitbombe", wie ein Täter in "Sexobjekt Kind" berichtet. Die Rückfallgefahr wird auf diesem Wege sogar erhöht. Ein anderes System gibt es in der Schweiz: Im Kanton Zürich werden Sexualstraftäter vor Gericht auf ihr Risikopotenzial hin untersucht und bei einem entsprechenden Resultat sofort in eine Therapie überwiesen. So sollen zukünftige Taten vermieden werden - und wie Studien belegen, werden sie das auch! Das "Zürcher Modell" erweist sich als äußerst erfolgreich: Die Rückfallgefahr konnte um 50 Prozent gesenkt werden. Das bedeutet wesentlich weniger Opfer.

Hoffen auf die Zukunft

Die Mängelliste im Kampf gegen Kindesmissbrauch und Kinderpornographie ist lang in Deutschland. Es bleibt zu hoffen, dass die massenhafte Aufdeckung von Missbrauchsfällen an Klosterschulen und Internaten wichtige angebrachte Veränderungen zufolge haben. Wie die "Neue Osnabrücker Zeitung" nun berichtete, planen Union und FDP die Strafverfolgung bei Missbrauch von Kindern und Jugendlichen deutlich zu verschärfen: Bei Sexualdelikten soll es in Zukunft keine schriftlichen Strafbefehlsverfahren mehr geben, damit sich die Täter immer in einer öffentlichen Verhandlung vor Gericht verantworten müssen. Zudem sollen zivilrechtliche Entschädigungsansprüche von Missbrauchsopfern nicht mehr nach drei, sondern erst nach 30 Jahren verjähren. Als präventive Ansätze wollen die Rechtsexperten unter anderem Beratungsstellen für Menschen mit pädophiler Neigung an jeder Universitätsklinik aufbauen und bundesweit anonyme Anlaufstellen für Opfer einrichten, in denen Hilfe und Beratung angeboten werden. Zweifellos wären das sinnvolle erste Schritte, um Kinder künftig besser zu schützen und um etwas an einem derzeitig desolaten Zustand zu verändern.

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