Startseite
Sie sind hier: Home > Eltern > Erziehung >

Wenn Kinder schwerkranke Eltern pflegen

...
t-online.de ist ein Angebot der Ströer Content Group

37°: Für Mama tue ich alles

27.04.2010, 12:38 Uhr | ZDF, mmh, t-online.de

Wenn Kinder schwerkranke Eltern pflegen. Küsschen von Melissa für ihre schwerkranke Mutter.

Pflege und Liebe: Für rund 225.00 Kinder selbstverständlich. (Bild: ZDF)

Kinder schwerkranker Eltern halten viel aus, Sorgen und Pflege lasten auf ihnen. Sie leisten viel und das oft im Verborgenen, immerhin sind es aber rund 225.000 Kinder, die dieses Leid teilen. Dahinter steckt auch die Angst, dass die Familie auseinandergerissen werden könnte, und das Sorgerecht entzogen würde, wenn man fremde Hilfe in Anspruch nimmt. Und alle hoffen, die Krankheit, sei es Krebs oder Multiple Sklerose aufhalten zu können, um die Mutter noch lange zu behalten. Die ZDF-Reportage "37°" hat zwei Familien begleitet, deren Lebens-Motto "Für Mama tue ich alles" heißt.

Als Kind die Eltern pflegen

Das Motiv vieler pflegender Kinder: Sie möchten die Familie zusammen halten. Sie betrachten das Umfeld, in dem sie aufwachsen, als normal. Statt Spielen, Reiten, Fußball oder mit Freunden abhängen gehen sie mit zum Arzt, versorgen Wunden, helfen beim Anziehen oder Waschen. Die chronische Krankheit des Angehörigen gehört für sie zum Alltag, ihnen fehlt oft der Vergleich zu anderen Familien. Bei kleineren Kindern steht meistens die Mutter im Zentrum der Aufmerksamkeit. Die Kinder wollen ihr etwas Gutes tun, sie schützen. Helfen macht sie stolz, sie empfinden es nicht als Belastung. Nur manchmal nervt es, sowohl das um Hilfe bitten, als auch das Helfen. Das zeigt der Film von Simone Grabs. Es sei schwierig gewesen, Betroffene zu finden, die sich vor der Kamera zeigen, so die Autorin, doch dann sei sie erstaunt gewesen, dass die Familien-Atmosphäre meist sehr entspannt und sogar fröhlich war - anders als erwartet. Die 37 Grad-Dokumentation "Für Mama tue ich alles" begleitet die beiden Familien in ihrem Alltag und zeigt, wie Kinder mit der Hilfsbedürftigkeit ihrer Mutter umgehen. Was schwierig für sie ist, was sie stark macht und wie sie Pflege, Spielen, Lernen und Freunde treffen unter einen Hut kriegen.

Pflegen statt spielen und lernen

In der großen Pause verlässt Michael (16) eilig den Schulhof. Ein Hilferuf seiner Mutter, sie braucht seine Hilfe. Helga Sch.(50), einst Powerfrau, die sechs Kinder groß gezogen hat, ist nach Krebserkrankung und Herzinfarkt pflegebedürftig und der 16-jährige Michael springt ein. Wenn die Eltern krank sind, springen Kinder und Jugendliche ganz selbstverständlich als Pfleger ein - viel häufiger, als man denkt. Beispiel Michael: Er hilft seiner Mama, die Schmerzattacken in den Knochen zu lindern, kümmert sich um den Haushalt. Und wenn sie es nicht alleine schafft, badet er Mama auch. "Das macht mir nichts aus. Früher hat meine Mutter mich gewaschen, da kann ich das heute auch mit ihr machen. Das ist harmlos" Unterstützung bekommt Michael von seiner jüngsten Schwester, der zehnjährigen Melissa. Sie packt mit an im Haushalt, hilft der Mutter beim Gang zur Toilette und massiert ihr liebevoll den verspannten Rücken.

225.000 Minderjährige pflegen Eltern

Michael und Melissa sind zwei von schätzungsweise 225.000 Minderjährigen in Deutschland, die ihre kranken Angehörigen pflegen. Die Zahl ist das Ergebnis einer Studie des Instituts für Pflegewissenschaften der Universität Witten-Herdecke, das seit 2004 die Situation pflegender Kinder in Deutschland untersucht. Ziel ist es, den kleinen Helden zu helfen, um die körperlichen und seelischen Belastungen für sie möglichst gering zu halten. Denn viele von ihnen wollen nicht darüber reden, verdrängen die Belastung.

Papa als Organisator

Auch Lena pflegt ihre Mutter. Schon seit vielen Jahren. Lena war sechs, als Beate W. die Diagnose Multiple Sklerose erhielt. Seither richtet sich in der fröhlichen Familie vieles nach Mama Beate, die inzwischen im Rollstuhl sitzt. Mit elf Jahren hat Lena schon ihrer Mutter beim Duschen und Anziehen geholfen. Den Hauptteil der Betreuung übernimmt zwar Papa, aber ohne die Kinder schafft er das Pensum nicht. "Ich bin mit der Krankheit aufgewachsen - ich kenne es nicht anders", lächelt Lena. Sie ist inzwischen 19 und macht eine Ausbildung zur Hauswirtschaftshelferin, als Zwischenstation, dann will sie Erzieherin werden. Nach der Arbeit und am Wochenende greift sie der Mutter unter die Arme: beim Umsetzen vom Bett in den Rolli, beim Waschen, Haare föhnen, Eincremen. Sie kocht, putzt und wäscht. "Freizeit hab ich wenig. Aber das ist ja logisch in unserer Situation."

Manchmal fällt es schwer

Ihr zwölfjähriger Bruder Nicolai hilft nicht so gerne. "Wenn ich aus der Schule heim komme, will ich erst Mal meine Ruhe und nicht wieder gleich in die Apotheke geschickt werden." Beate W. hat Verständnis: "Aber ich kann's nicht ändern, wenn ich Hilfe brauche." Ein schlechtes Gewissen plagt sie, dass ihre Kinder so oft mit anpacken müssen.

Große Scham spielt eine Rolle

Die Recherche für diesen Film war nicht leicht. 37°-Autorin Simone Grabs erhielt bei ihrer Suche viele Absagen. Die Scham ist groß. Doch die beiden Familien, die für diesen Film Einblick in ihren Alltag geben, schämen sich nicht. Die Eltern sind stolz auf das, was ihre Kinder tagtäglich für sie tun. Und Michael möchte gerne auch mal öffentlich sagen, warum er seiner Mama ohne Wenn und Aber hilft: "Man hat nur eine Mutter. Und die sollte man ehren. Ich liebe sie und würde alles für sie tun." Lena drückt ihre Liebe zur Mama etwas anders aus: Sie hat ihr einen kleinen Leuchtturm aus Holz gebastelt. "Ich mache ihr eben gerne eine kleine Freude. Ab und zu, wenn ich mal Zeit habe."

Immer mehr Verantwortung

Die Kinder wachsen in die Pflege und die damit verbundene Verantwortung hinein. In einer Familie mit mehreren gesunden Mitgliedern verteilt sich die Arbeit. Ist ein gesunder Partner beziehungsweise Vater vorhanden, übernimmt er meist den Großteil der Pflege. Einzelkinder mit alleinerziehendem Elternteil sind meist am stärksten belastet, auch in finanzieller Hinsicht: Häufig verlieren die Erkrankten ihre Arbeit und leben von einer kleinen Rente oder Sozialhilfe. Wird auf Hilfe von außen verzichtet, fließt das Pflegegeld direkt in die Familie.

Professionelle Pflege wird abgelehnt

Daher lehnen Kinder, die die finanziellen Sorgen mitbekommen, professionelle Pflegedienste - genau wie ihre Eltern - häufig ab. Ein großer Teil der Hilfe, die Kinder übernehmen, besteht in der Organisation der Familie: Die Kinder kümmern sich um einen reibungslosen Ablauf, achten zum Beispiel darauf, dass sie selbst und ihre Geschwister morgens rechtzeitig in die Schule kommen. Sie helfen im Haushalt, putzen, waschen, kochen, kaufen ein. Sie gehen zur Bank, heben Geld ab, machen Überweisungen. Einige helfen bei der Körperpflege, waschen den Angehörigen, auch im Intimbereich, helfen beim Baden, Duschen und Ankleiden. Es gibt auch Kinder, die Tätigkeiten aus dem medizinisch-therapeutischen Bereich übernehmen: Sie setzen Spritzen, überwachen die Pillen-Einnahme, und sie trösten und motivieren ihre kranken Angehörigen. Die Kinder und Jugendlichen sind gerüstet für den Notfall, wissen genau, was sie zu tun haben, wenn etwas passiert.

Bloß nicht darüber reden!

Nur wenige Kinder sprechen über die Erkrankung des Angehörigen in der Öffentlichkeit. Sie möchten normal sein - nicht abgestempelt oder ausgeschlossen werden. Ein wichtiger Grund des Schweigens ist auch die Angst davor, dass das Jugendamt eingreifen könnte. Daher leben betroffene Familien meist im Verborgenen. Den Kindern fehlt oft ein Ansprechpartner, mit dem sie sich über ihre Probleme austauschen können. Einige Kinder sind irgendwann überfordert und erschöpft. Bei vielen lässt die Schulleistung mit der Zeit nach, und manche gehen nur unregelmäßig zur Schule. Doch manchmal fließen Tränen, beispielsweise, wenn der 16-Jährige Michael vom Selbstmordversuch seiner verzweifelten Mutter erzählt.

Hilfsangebote für Kinder kranker Eltern

In Deutschland gibt es bisher kaum Hilfsangebote, die speziell auf Kinder kranker Eltern ausgerichtet sind und die die Kinder alleine und von sich aus anlaufen können. Daher haben die Wissenschaftler der Studie der Uni Witten-Herdecke zusammen mit der DRK Schwesternschaft Hamburg e.V. nun ein eigenes Angebot entwickelt: das Projekt SupaKids in Hamburg. Dort werden unterschiedliche Module für die Kinder und auch für die Eltern angeboten. Es gibt Gruppen, in denen die Kinder und Jugendlichen sich austauschen, entspannen und miteinander spielen können, ein Elterncafé, eine Telefonhotline, Gesprächsangebote, Informationen zu Krankheiten und zur Pflege sowie einen kindgerechten Erste-Hilfe-Kurs. SupaKids möchte Familien unterstützen, ihren erschwerten Alltag leichter zu bewältigen. Im ersten Jahr wird das Zentrum durch das Projektteam der Universität wissenschaftlich begleitet.

Liebe Leserin, lieber Leser, aktuell können zu diesem Thema keine neuen Kommentare abgegeben werden. Ab 6 Uhr können Sie hier wieder wie gewohnt diskutieren. Wir danken für Ihr Verständnis.
Liebe Leser, bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel kommentieren zu können. Mehr Informationen.
Neue Kommentare laden
Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre Adresse an.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht

Wählen Sie aus dem Pull-Down-Menü Ihren gewünschten Ansprechpartner aus. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail
Anzeige
Video des Tages
Die besten Videos des Jahres 2016 
Passant entlarvt angeblichen Beinamputierten

Misstrauisch werden die vermeintlichen Beinstümpfe befühlt. Video

Anzeige

Shopping
tchibo.deOTTObonprix.deESPRITC&ACECILzalando.dedouglas.deKlingel.de

Anzeige
shopping-portal