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Filmtipp: "Ben X" behandelt Themen wie Mobbing, Computersucht und Selbstmord

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Filmtipp  

"Ben X" - Verloren in der wirklichen Welt

20.05.2010, 12:36 Uhr | rev, t-online.de, dpa

Filmtipp: "Ben X" behandelt Themen wie Mobbing, Computersucht und Selbstmord. Ben (Greg Timmermans) in dem Jugend-Drama "Ben X". (Bild: dpa)

Ben (Greg Timmermans) in dem Jugend-Drama "Ben X". (Bild: dpa)

Er muss sich vor den anderen im Klassenzimmer ausziehen und wird dabei auch noch mit dem Handy gefilmt. Ben ist anders als die anderen. Das reicht als Grund. Der autistische Junge wird von seinen Mitschülern so übel schikaniert, dass es beim Kinozuschauer Beklemmungen auslöst. Nur in der virtuellen Welt, im Online-Rollenspiel "Archlord", kann sich der Teenager stark und als Held fühlen. Der belgisch-niederländische Film "Ben X" von Nic Balthazar ist der Beweis, dass man von Mobbing, Handyfilmen, Internet, getrennten Eltern und dem Leidensdruck von Jugendlichen erzählen kann, ohne dass es anbiedernd wirkt. Im Mai 2008 kam das mehrfach ausgezeichnete Jugend-Drama mit dem 26-jährigen Greg Timmermans in der Hauptrolle in Deutschland in die Kinos. Am 20.5. zeigte der WDR den Film.

Ben ist anders und deshalb ein Opfer

Jeder Morgen beginnt für ihn gleich: Von 5:45 bis 6:33 Uhr taucht Ben in die Welt von "Archlord" ein, einem Massen-Mehrspieler-Online-Rollenspiel (Massively Multiplayer Online Role-Playing Game - MMORPG). In der Fantasy-Welt des Spiels wird aus dem Oberschüler Ben der schwer bewaffnete Ritter "Ben X". Er ist dort stark, angesehen und wird von einem Mädchen bewundert - der totale Gegenentwurf zu Bens realem Leben: Ein Martyrium, das ihn jeden Tag aufs Neue einholt. Ohne Unterlass wird Ben von seinen Mitschülern in der Technischen Oberschule schikaniert. Der Grund: Er ist anders.

Das Asperger-Syndrom

Ben leidet am Asperger-Syndrom, einer Form von Autismus. Menschen mit dieser Krankheit fallen meistens auf den ersten Blick kaum auf. Für gewöhnlich sind sie durchschnittlich bis überdurchschnittlich intelligent und auch sprachlich begabt, jedoch sind sie nicht in der Lage die Gefühle und Gedanken anderer Menschen nachzuvollziehen und einzuschätzen. Deshalb fällt es ihnen meistens auch sehr schwer Freundschaften zu schließen. Was allgemein als "normal" gilt, wird von Personen, die am Asperger-Syndrom leiden, hinterfragt: So begreift Ben zum Beispiel nicht, was an einem Kuss schön sein soll. In einem küssenden Paar sieht er nur zwei Menschen, die Speichel austauschen.

Letzter Ausweg: Suizid

Um dem Mobbing der Mitschüler zu entgehen, bemüht sich Ben jeden Tag möglichst nicht aufzufallen. Er sagt sich, das sei nur "eine Sache von Planung und Strategie" und nimmt mit einer kleinen Digital-Kamera seine Umwelt auf, um das Verhalten der "Normalen" zu studieren und schließlich zu kopieren. Das alles geschieht ohne Erfolg: Die Situation eskaliert. Ben wird auf furchtbare Weise von seiner Klasse erniedrigt und dabei von ihnen mit dem Handy gefilmt. Als seine Mitschüler die Filme ins Internet stellen, verliert Ben auch noch seinen letzten (virtuellen) Zufluchtsort, an dem er sich sicher fühlte. Psychisch am Ende sieht Ben nun nur noch einen Ausweg: Selbstmord.

Ben inszeniert seinen Selbstmord

Erst als Bens virtuelle Freundin "Scarlite" real Kontakt zu ihm aufnimmt und ihm ihre Unterstützung anbietet - was sich am Ende des Films als Fantasie herausstellt - ergibt sich für den Schüler die Chance auf einen Neubeginn: So wird unter Mithilfe seiner Eltern während einer Schiffsreise ein Selbstmord inszeniert. Das Video, in dem sich Ben vermeintlich umbringt, erscheint auch in den Fernsehnachrichten. Auf der Trauerfeier wird das Video von Bens Sitznachbar eingespielt, das die Täter des Cyber-Mobbing-Videos und ihre Reaktionen zeigt. Danach zeigt sich Ben auf der Empore als Lebender und entblößt auf diese Weise Schüler, Lehrer und Öffentlichkeit, die alle von dem tragischen Ende Bens schockiert waren.

Ausgrenzung und Schikane statt Verständnis und Mitgefühl

Der Film erzählt eine lebenslange Leidensgeschichte: Bereits im frühen Kindesalter wird Ben immer wieder ärztlichen und psychologisch Tests unterzogen, wie der Film in Rückblenden offenbart. Die besorgten Eltern wollen wissen, was mit ihrem Sohn nicht in Ordnung ist und schließlich sind sie sogar erleichtert, als es mit der Diagnose Asperger-Syndrom endlich eine medizinische Erklärung gibt. Doch was bringt es? Die Umwelt des Schülers reagiert nicht mit Verständnis auf dessen Andersartigkeit, sondern mit Ausgrenzung und systematischer Schikane. Und auch die Ehe von Bens Eltern zerbricht letztlich an der Persönlichkeitsstörung des Sohnes. Auch hier ist der Film dicht an der Wirklichkeit, in der viele Kinder in Patchworkfamilien leben. Bens Zimmer ist sein Fluchtort, der Schreibtisch wie ein Altar für sein kämpferisches Alter Ego im Internet. Diesen Altar zerstört Ben, als er von seinen Mitschülern immer schlimmer drangsaliert wird und schließlich so verzweifelt ist, dass er keinen Ausweg mehr sieht.

Der Selbstmord eines autistischen Teenagers wird zum Auslöser für den Film

Der Film "Ben X" basiert auf dem Buch "Niets Was Alles Wat Hij Zei" (2002) (deutsch: "Nichts war alles, was er sagte") ebenfalls von Nic Balthazar. Der Autor und Regisseur schrieb den Jugendroman, als er auf eine Zeitungsnotiz über den Selbstmord eines autistischen Jungen gestolpert war. Suizidgefahr bei Jugendlichen ist allerdings nur ein Aspekt des Films, der sich aus anderen Themen, die "Ben X" behandelt, ergibt: Jugendgewalt und Mobbing, wie es vor allem in Schulen vorkommt, sind vieldiskutierte Dauerthemen, die natürlich ganz besonders auch Eltern betreffen - und zwar nicht nur solche, deren Kinder an einer Krankheit leiden wie Ben.

Mobbing: Wer sind die Opfer und wie leiden sie?

Wie Studien zeigen, ist fast jeder dritte Schüler schon einmal von Mitschülern schikaniert worden. Opfer von systematischem Mobbing, wie es in "Ben X" zu sehen ist, werden vor allem Personen, die sozial nicht gut integriert sind. "Jeder Mensch hat eine Schwachstelle, die andere geschickt missbrauchen könnten", erklärt dazu die Psychologin und Forscherin Dr. Mechthild Schäfer (LMU München) im Interview mit "filmheft". Bei einem psychisch kranken Menschen wie Ben ist die Schwachstelle jedoch ganz besonders augenscheinlich und die soziale Integration nur sehr schwer möglich. Die Folgen für die Opfer beschreibt Dr. Schäfer so: "Die Opfer verlieren komplett die soziale Kontrolle, ohne die Gründe dafür zu kennen. Kurzfristig sind die Folgen etwa Schlaflosigkeit, Appetitlosigkeit, zunehmender Rückzug, psychosomatische Beschwerden und der Wunsch nicht in die Schule gehen zu müssen, weil mit jedem Tag die Angst wächst." Dazu komme das Problem, dass nur jedes zweite Kind, das gemobbt wird, davon den Eltern berichtet. Das verringert die Chance, mit Hilfe der Lehrer weitere Vorfälle zu verhindern. Im schlimmsten Fall führe dauerhaftes Mobbing dazu, dass die Opfer langfristig große Schwierigkeiten haben, Beziehungen und Freundschaften zu schließen und aufrecht zu erhalten.

Wenn virtuelle und reale Welt verschmelzen

"Ben X" zeigt zudem, wie viele Kinder und Jugendliche Online- und Computerspiele als Flucht und Zuflucht benutzen: Für den Protagonisten des Films ist das Fantasy-Spiel "Archlord" die einzige Möglichkeit eine Form von sozialem Kontakt und Anerkennung zu erleben. "Im Spiel kannst du sein, wer oder was auch immer du sein willst", sagt Ben im Film. Die Mitspieler begegnen ihm nicht mit Vorurteilen. Er kann sich hier in verschiedenen Rollen austoben, ohne die Reaktionen der anderen fürchten zu müssen. Im Onlinespiel kann er das unbeschwerte Leben führen, das ihm in der Realität nie gewährt wird. Doch "Ben X" thematisiert auch die negativen Seiten des Computerspielens: Immer mehr verschmelzen für Ben virtuelle und reale Welt. Seine Wahrnehmung von tatsächlichen Ereignissen wird durch das Spiel beeinflusst und verzerrt. So wird es für ihn unmöglich, sich konstruktiv mit seinen eigentlichen Problemen auseinanderzusetzen. Es fällt ihm nur noch Selbstmord als Lösung ein.

Computer- und Spielsucht: Mobbing-Opfer leichter anfällig

Zweifellos ist es heutzutage ein Problem, dass viele Kinder zu viel Zeit vor Computer oder Konsole verbringen. Die Gründe, warum sich manche Kinder in den virtuellen Welten verlieren, sind nicht immer auf den ersten Blick erkennbar. Auch eine allgemeingültige Festlegung, wann das Spielverhalten als bedenklich einzustufen ist, gibt es nicht. Schließlich ist jedes Kind verschieden und damit auch unterschiedlich stark gefährdet. Die Gefahr einer Sucht besteht jedoch vor allem dann, wenn die Kids über ein nur geringes Selbstwertgefühl verfügen und/oder sich unverstanden und unwichtig fühlen, wenn sie sehr schüchtern sind oder Schwierigkeiten haben, Freunde zu finden. Aber auch Kinder und Jugendliche, die in der Schule gemobbt werden, wie es bei Ben der Fall ist, sind einem höheren Suchtpotential ausgesetzt. Wie Untersuchungen zeigen, sind Kinder und Jugendliche, die übermäßig viel am Computer oder an der Spielkonsole spielen, in verschiedenen Lebensbereichen deutlich unzufriedener und haben häufig weniger starke Bindungen in ihrem Umfeld. Auch das trifft natürlich auf Ben zu.

Online-Rollenspiele haben das höchste Suchtpotenzial

Zu den Spielen, die ein höheres Suchtpotenzial aufweisen als andere, zählen insbesondere Online-Rollenspiele. Die Strukturen in diesen Spielen sind so angelegt, dass Spieler möglichst viel Zeit mit Ihnen verbringen möchten. So können viele Online-Rollenspiele nur in Gemeinschaft absolviert werden. Oft setzen sich Spieler gegenseitig unter Druck und fordern voneinander ein, möglichst lange und oft dabei zu sein. Darüber hinaus sind diese Spiele im Vergleich zu Konsolen- oder PC-Offline-Games auf kein Ziel festgelegt, sie gehen endlos weiter und laufen rund um die Uhr. Das Risiko, nicht aufzuhören aus Angst etwas zu verpassen, ist hoch. Die Risiken, die bei übermäßigem Spielekonsum bestehen, sind vielfältig: Der in "Ben X" dargestellte Realitätsverlust ist ein Risiko.

DVD-Tipp: "Ben X" von Nic Balthazar. 2007. Kinowelt GmbH. http://www.benx.kinowelt.de/

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