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"Postcard to Daddy" - Jahrelang vom Vater missbraucht

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"Postcard to Daddy" - Jahrelang vom Vater missbraucht

27.05.2010, 14:22 Uhr | rev, t-online.de, dpa

"Postcard to Daddy" - Jahrelang vom Vater missbraucht. Michael Stock sitzt vor seinem Rechner.

Jahrelang vom Vater missbraucht - Regisseur Michael Stock. (Bild: dpa) (Quelle: dpa)

Acht Jahre lang wurde Michael Stock von seinem Vater missbraucht. Als Kind mit acht Jahren fing es mit Kraulen im Intimbereich an, während der Pubertät waren harte sexuelle Übergriffe die Regel. Heute ist Stock 42, doch die Gedanken an damals quälen ihn noch immer. Seinen Dokumentarfilm "Postcard to Daddy", der am 27. Mai in die Kinos kommt, versteht er als Brief an den Vater. Er birgt die Hoffnung einer Aussöhnung, eines Verstehens. Rachegedanken und Hass scheinen dem Regisseur dabei erstaunlich fremd zu sein. Seinen Vater durch die Veröffentlichung ins Gefängnis zu bringen, sei nie seine Absicht gewesen: "Was hab' ich davon?"

Kiffen mit 12, Saufen mit 14, LSD mit 16

Stock erzählt seine Missbrauchsgeschichte in schonungsloser Offenheit. Mindestens eine Flasche habe der Vater jedes Mal intus gehabt, wenn er seinen Sohn missbrauchte. Er suchte sich "geschützte Zeitzonen", wenn niemand außer den beiden zu Hause war. "Mit zwölf hab' ich angefangen zu kiffen, mit 14 hab ich angefangen zu saufen, mit 16 hab' ich meinen ersten LSD-Trip genommen", erzählt Stock. Der Versuch, die eigenen Schuldgefühle zu betäuben, misslang. Es dauerte lange, bis er sich das erste Mal richtig verliebte - in einen Mann. "Ich musste das für mich erstmal legitimieren, dass Sexualität an sich ein Vergnügen sein kann, dass es nichts Schambehaftetes oder etwas Negativbehaftetes ist."

Wieso hat niemand etwas mitbekommen?

Die Interviews mit seinen Geschwistern und der Mutter führt er selbst. Fragt, bohrt nach: Wie kann es sein, dass niemand etwas mitbekam von seinen Qualen? "Ich hätte es nie für möglich gehalten", sagt die Schwester. Der Bruder beteuert, sich an keine Grenzüberschreitung erinnern zu können. Der Mutter hatte Stock lange Zeit Vorwürfe gemacht. Er habe sich damals gewünscht, dass sie ihn aus der unerträglichen Situation herausholt, sagt er im Film. Heute glaube er ihr, dass sie nichts wusste, will vielleicht auch glauben. "Aber es gibt schon immer wieder Momente, wo ich das Gefühl habe, sie hätte das eigentlich mitkriegen müssen."

Opfer trifft Täter

Stock ist es wichtig, auch den Täter sprechen zu lassen: "Mich würde interessieren, wie mein Vater mit den Konsequenzen seiner Handlungen lebt." Im Film stellt er ihm diese Frage - und bekommt eine erschreckend unreflektierte Antwort: "Da ist nicht fürchterlich viel in mir vorgegangen. Ich hab' einfach ein dickeres Fell." Angezeigt wurde der Mann nie. Als Michael Stocks Mutter von den Taten ihres Ex-Mannes erfuhr, war sie fassungslos und dachte sofort an Anzeige. Dazu kam es jedoch nicht: "Michael wollte das nicht, und damit war klar, dass das nicht seine Form von Bearbeitung ist", erklärt die Frau. "Ich habe erlebt, wie solche Gerichtsverfahren laufen, das ist immer noch sehr schwer für das Opfer. Und vor 20 Jahren war die Befragung noch eine ganz andere."

Jenseits theoretischer Diskussionen

Der allgegenwärtige Schmerz ist Stock anzusehen. Immer wieder schließt er in dem knapp 90-minütigen Film während der Interviews mit seiner Familie die Augen, als würden die Bilder der Vergangenheit ihn erneut heimsuchen. Film als Therapie, als Weg zurück zu sich selbst. Beim Zuschauen geht das hin und wieder zu weit, stellen sich Zweifel ein, ob hier nicht mehr Wunden aufgerissen als geheilt werden. Ob nicht ein Unbeteiligter als Interviewer die bessere Wahl gewesen wäre. Aber es ist gerade diese Distanzlosigkeit, die "Postcard to Daddy" ausmacht. Stock löst das Thema sexueller Missbrauch von den theoretischen Diskursen in Politik und Kirche, indem er reale Bilder liefert. Er lenkt den Blick auf die Opfer und ihren lebenslangen Kampf, an der Tat nicht zu zerbrechen.

Die meisten Fälle innerhalb der Familie

Stock freut sich über die Aufmerksamkeit für seinen Film. Dazu trug die aktuelle Diskussion um Missbrauchsfälle in kirchlichen und schulischen Institutionen einen wesentlichen Teil bei: "Ich versuche das seit 20 Jahren zu thematisieren, aber es braucht schon einen Skandal in der Kirche, damit die Gesellschaft zu diskutieren beginnt." Stock betont, dass trotz der zahlreichen Fälle in der Kirche und in Internaten Kindesmissbrauch am weitaus häufigsten in der Familie und im Familienumfeld geschehe: "Es ist wichtig, dass nicht zu vergessen."

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