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Erziehung: Die Kinderglücksformel

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Erziehung  

Die Kinderglücksformel

02.06.2010, 15:52 Uhr | Spiegel Online

Erziehung: Die Kinderglücksformel. Lachendes Kind.

Kinder wünschen sich Grenzen. (Bild: Imago)

Gute Erziehung ist nicht zwangsläufig eine Geldfrage: Das belegt eine neue Studie zur Lebenssituation von Kindern in Deutschland. Ob die Kleinen glücklich sind, hängt weder vom Einkommen der Eltern noch von persönlichen Freiheiten ab - sondern von den Grenzen, die man ihnen setzt.

Was wollen Kinder?

So lange aufbleiben, wie man will. Computerspielen, bis man vor Müdigkeit fast mit dem Kopf auf die Tastatur fällt. Fernsehen, bis nur noch die Wiederholungen vom Nachmittag laufen oder schlüpfrige Werbung. Dazu Süßkram und Eltern, die sich nicht blicken lassen. Sieht so die ultimative Kinderglücksformel aus - nicht aus Pädagogensicht freilich, aber vielleicht aus Sicht der Kleinen? Keinesfalls.

Die Mehrheit der Kinder in Deutschland ist glücklich

Im Auftrag der Kinderhilfsorganisation World Vision Deutschland haben der Jugendforscher Klaus Hurrelmann und die Kindheitsforscherin Sabine Andresen gemeinsam mit TNS Infratest Sozialforschung 2500 Kinder von sechs bis elf Jahren in Deutschland über ihre Lebenssituation befragt. Zum ersten Mal wurden dabei auch sechs- und siebenjährige Kinder mit einbezogen. Die Studie gewährt somit einen repräsentativen Einblick in die Lebenswirklichkeit auch sehr junger Kinder. Sie zeigt: Die Mehrheit der Mädchen und Jungen in Deutschland ist glücklich, hat nach eigenem Empfinden eine schöne Kindheit und blickt zuversichtlich in die Zukunft. "Wir haben es mit einer ganz wachen, aufmerksamen Generation zu tun, die meisten Kinder loben ihre Eltern über den grünen Klee und sind mit der Situation Zuhause und der Schule sehr zufrieden", sagt Jugendforscher Klaus Hurrelmann, der die Studie konzipiert hat, Spiegel Online.

"Eine kleine Gruppe fühlt sich abgekoppelt und ausgegrenzt"

Auf rund ein Fünftel der Befragten trifft dies allerdings nicht zu. 20 Prozent der Sechs- bis Elfjährigen fühlen sich massiv benachteiligt. Diese Kinder haben Zukunftsängste, sind mit ihrem Lebensalltag unzufrieden - und leben meist in sozial schwachen Verhältnissen. Das fehlende Geld allein erklärt den Frust aber nicht. "Eine kleine Gruppe fühlt sich abgekoppelt und ausgegrenzt", sagt Sozialwissenschaftler Hurrelmann. "Es fehlt ihnen an Zutrauen, an Anregungen und an gezielter Förderung. In der Konsequenz ist der Alltag der Kinder einseitig auf Fernsehen oder sonstigen Medienkonsum ausgerichtet." Seit die Forscher vor zwei Jahren zum ersten Mal die Situation der Kinder untersuchten, ist diese Problematik im Bewusstsein der Kinder noch relevanter und präsenter geworden, als sie es vor zwei Jahren war.

Die Sicht der Kinder

Dabei hat die Politik in den vergangen Jahren durchaus Anstrengungen unternommen, um das soziale Ungleichgewicht abzufedern. Sie hat mehr Ganztagsschulen eingerichtet, das Kindergeld erhöht. Die wirtschaftliche Lage der Familien hat sich aus objektiver Sicht nicht merklich verschlechtert, meinen die Forscher. Allein: Die subjektive Sicht der Kinder ist eine andere. "Man kann nur mutmaßen, dass dahinter auch der Gedanke steckt: Die da oben rennen uns davon, denen geht es immer besser", so Hurrelmann.

Die Schulen sind gefordert

Bisher schaffe es die Gesellschaft nicht, gegen dieses Gefühl der Ausgrenzung anzugehen. "Wertvolle Institutionen wie Sportvereine haben eine Mittel- und Oberschichtsschlagseite. Das ist nicht allein eine Finanzfrage." Die Forscher führen diese Erkenntnisse zu der Annahme, sozialschwache Familien müssten sich besonders überwinden, ihre Kinder partizipieren zu lassen, sie beispielsweise in Vereinen anzumelden. Armut grenzt aus. "Oft sind diese Eltern sehr mit sich beschäftigt", sagt Hurrelmann. Um so wichtiger sei es, die Kinder dort aufzufangen, wo sie sich ohnehin aufhalten: in der Schule. Denn wie Kinder ihre Freizeit verbringen, schlägt sich in ihren schulischen Leistungen nieder.

Kinder wünschen sich Hausaufgabenkontrolle

Je nach Schichtzugehörigkeit haben Kinder sehr unterschiedliche Gestaltungsmöglichkeiten. Mädchen und Jungen aus wohlhabenden Familien können sich besser ausprobieren und erhalten eine deutlich größere Förderung. Zudem gibt es in diesen Haushalten häufig ein größeres Interesse an der Schule. "Kinder, die berichten, dass ihre Eltern die Hausaufgaben beaufsichtigen sind damit zufriedener als diejenigen, bei denen das nicht der Fall ist." In niedrigen sozialen Schichten findet eine solche Kontrolle der Studie zufolge seltener statt. Die Kinder berichteten den Forschern, dass für ihre Eltern das schulische Geschehen nicht wichtig sei. Sie empfinden den Freiraum aber nicht als positive Freiheit. Im Gegenteil. Kinder schätzen es, wenn Eltern die Aufgaben durchsehen. "Dann lautet die Botschaft: Die Eltern interessieren sich und setzen Maßstäbe. Das ist wichtig."

Herkunft entscheidet über Schulabschluss

"Die Kinder genießen Freiheiten, wenn sie diese selbst gestalten können und wenn man auf sie hört. Nicht aber, wenn diese Freiheit ins Leere läuft. Freiheit ist etwas anderes als passive Gleichgültigkeit", so Hurrelmann. "Aufmerksamkeitsentzug hat die negative Folge, dass sich die Kinder nicht ernst genommen fühlen." Von den Kindern, die aus einem wohlhabenden Elternhaus kommen, planen bereits im frühen Alter 80 Prozent, später ein Gymnasium zu besuchen und Abitur zu machen. Bei den Mädchen und Jungen, die aus sozial benachteiligten Familien kommen, ist dieses Verhältnis umgekehrt. Nur jedes fünfte dieser Kinder zieht einen höheren Schulabschluss für sich in Betracht. Das zeigt: Bereits im frühen Kindesalter werden die Weichen für die Zukunft gestellt. Es ist wichtig, dass Entwicklungsmöglichkeiten nicht aufgrund der Herkunft verwehrt bleiben. "Wir brauchen eine Kinderpolitik, die die Kinder im Blick hat." Für Hurrelmann heißt das auch, dass finanzielle Mittel von der Politik nicht an die Familien gegeben werden sollten, sondern direkt dahin fließen, wo sie Kindern unabhängig von ihrem Elternhaus zugute kommen: in Ganztagsschulen, Sportvereine, kirchliche Einrichtungen, Musikschulen.

Unterschiede in Computernutzung

"Sozialschwache Familien geben anteilsmäßig viel mehr Geld für Spielekonsolen aus als Familien, die mehr Einkommen zur Verfügung haben", sagt Hurrelmann. Aber, warnt der Experte: "Computerspiele schließen den Bildungshorizont bei Kindern mehr als dass sie ihn öffnen." Der Computerbesitz ist schichtübergreifend hoch. Was sich unterscheide, sei die Nutzung: Oberschichtskinder nutzten den Rechner fürs Surfen im Internet und erführen dabei enge Vorgaben durch die Eltern. Kinder aus sozialschwachen Verhältnissen nutzten den PC dagegen eher für Computerspiele und erführen dabei wenig Restriktionen. Die Unterscheidung sei eklatant: "Es ist die Frage, welche Aktion macht ein Kind empfänglich für seine Umwelt und das Geschehen um sich herum. Und bei welchen Aktivitäten kreist ein Kind nur um sich." Die Kinder, die eine Halbtagsschule besuchen und in ihrer Freizeit viele elektronische Medien nutzen, sind zugleich in vielen Fällen damit unzufrieden. Möglichst wenig Kontrolle bedeutet also keineswegs eine größere Zufriedenheit der Kinder. Zu den "vielseitigen Kids", wie es in der Untersuchung heißt, zählen vor allem die Kinder aus den gehobenen Schichten. In die Kategorie der "Medienkonsumenten" fallen hingegen vor allem Kinder aus den unteren Schichten. Die Mädchen und Jungen, die intensiv Medien nutzen, berichten deutlich häufiger über konkrete Armutserfahrungen und bescheinigen ihren Eltern häufiger ein Zuwendungsdefizit als andere Kinder. 28 Prozent der Mädchen und Jungen aus der untersten Herkunftsschicht berichten, regelmäßig mehr als zwei Stunden am Tag fernzusehen. Dies trifft nur auf sechs Prozent der Kinder aus gehobenen Schichten zu.

Das Leben nicht nur auf die Kinder ausrichten

Ist es also für die Kinder das Beste, wenn die Eltern zu Hause bleiben und sich ganz und gar dem Nachwuchs widmen können? Auch dies können die Forscher nicht bestätigen. Die Alternative muss keine Rundumbetreuung durch die Eltern sein. Es geht nicht darum, das ganze Leben auf die Kleinen auszurichten. Die Vater-Mutter-Kind-Familie, in der nur der Mann der Ernährer ist, gibt es kaum noch. Die Berufstätigkeit der Eltern ist seit der letzten Untersuchung 2007 weiter gestiegen. Doch das allein ist nicht schlimm: Es geht nicht darum, möglichst viel Zeit mit den Kindern zu haben, sondern die zur Verfügung stehende Zeit bestmöglich zu nutzen. "Die Kinder finden das überhaupt nicht problematisch. Sie wollen zuverlässige Zuwendung. Das kann wenig Zeit sein, aber sie muss berechenbar sein." Erwerbstätigkeit und Zuwendung sind also kein Widerspruch.

Kinder wollen Regeln

"Eltern sein heißt nicht, dass man sich nur um die Kinder drehen muss", erläutert Hurrelmann die Ergebnisse. "Die von uns befragten Mädchen und Jungen wollen starke Eltern, die ein eigenes Leben haben, Geld verdienen, für die Familie sorgen - und die sich vor allem kümmern." Über fehlende Zuwendung klagen laut der Studie vor allem Kinder, deren Eltern arbeitslos sind. Der Anteil der Zustimmung lag hier bei 28 Prozent. "Bei vielen der schlechter situierten Eltern gibt es weniger Regeln, und die Kinder sind ganz und gar nicht damit zufrieden, dass es keine Vorgaben und Kontrollen gibt. Selber Entscheidungen treffen zu müssen ist für die Kinder durchaus eine prekäre Situation. Kinder wollen mitbestimmen, aber nicht alleine bestimmen."

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