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Angst bei Kindern  

Monster unter dem Bett sollte man ernst nehmen

12.07.2010, 14:30 Uhr | Simone Blaß, t-online.de

Angst bei Kindern ernst nehmen. Kleiner Junge im Bett fürchtet sich.

Dem Kind helfen, die fiesen Monster zu verjagen. (Bild: Imago)

Es ist ganz normal, wenn eines Tages in ein Kinderzimmer die eine oder andere schreckliche Hexe einzieht und Angst verbreitet. Psychologen nennen so etwas "reifungsabhängige Ängste". Sie gehören zur gesunden Entwicklung mit dazu. Wichtig ist es, zu unterscheiden: handelt es sich um alterstypische Ängste, die man mit ein bisschen Verständnis sehr gut selbst in den Griff bekommt oder um Angstsyndrome, bei denen das Kind therapeutische Hilfe braucht. 

Altersbedingt gibt es typische Ängste

Psychologen gehen davon aus, dass ein Baby bereits im Mutterleib mit Ängsten konfrontiert wird und dabei, genau wie in den ersten Lebensmonaten, besonders auf intensive Reize wie laute Geräusche oder starkes Licht reagiert. Zwischen dem sechsten und neunten Lebensmonat kommt dann meist das sogenannte Fremdeln dazu. Dies zeigt, dass das Kind nun von seiner Gedächtnisleistung her in der Lage ist, gut zwischen vertrauten und fremden Menschen zu unterscheiden. Ein wichtiger Vorgang. Nach dem ersten Geburtstag ist es vor allem die Angst vor dem Alleinsein, die vorherrscht. Aber auch die Angst vor Verletzungen, vor Dunkelheit und manchmal auch vor Tieren nimmt jetzt zu. Vier- bis Sechsjährige ängstigen sich häufig vor Monstern, Geistern und Hexen genauso wie vor Gewittern oder Einbrechern. Im Schulalter kommen dann soziale Ängste dazu. Versagensangst und die Angst vor Zurückweisung bzw. Ausgrenzung sowie die Angst vor Strafe. Übrigens, so Anna Wahlgren in ihrem "Kinderbuch", ein häufiger Auslöser für Lügen. Viele Kinder fürchten sich auch schon relativ früh vor Krankheit und dem Tod. All das ist, in einem gewissen Rahmen, völlig normal.

Vor der Angst muss man keine Angst haben

Ängste gehören zum Leben dazu und schützen vor gefährlichen Situationen oder auch sinnlosen Mutproben. Deshalb ist es wichtig, auf die innere Stimme zu hören und damit auch Ängste zuzulassen und als Signal zu sehen. Ein bisschen Angst kann sogar die Leistung erhöhen. Ein gutes Beispiel hierfür ist das Lampenfieber, das in der Regel zur Höchstleistung anspornt. Was aber nicht heißt, dass man diese kindlichen Ängste nicht ernst nehmen sollte. Mit dem Hintergrundwissen aber, dass alle Kinder diese Gefühle durchmachen, ist es einfacher, gelassen zu bleiben. „Eine Umarmung oder ein zärtliches Streicheln beruhigen das Kind besser als rationale Erklärungen“, sagt Professor Frank Häßler, der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie.

Gemeinsam nach einer Lösung suchen

Es ist sehr wichtig, dass die Angst ernst genommen wird. Auslachen oder Sätze wie: "Du brauchst keine Angst zu haben", "Da gibt es nichts zu fürchten" oder gar "Du alter Angsthase" führen dazu, dass das Kind sich unverstanden, sogar herabgesetzt fühlt und sich im schlimmsten Fall beim nächsten Mal den Eltern nicht mehr anvertrauen wird. Ein solches Verhalten erzeugt beim Nachwuchs nämlich das Gefühl, von den Eltern nicht den notwendigen Schutz zu erhalten, sich nicht auf deren Trost und ihre Nähe verlassen zu können. Wird die Angst dann noch als Druckmittel benutzt, können schnell seelische Schäden entstehen. Stattdessen sollte man versuchen, sich auf die Ebene des Kindes zu begeben, nichts herunterzuspielen, aber auch nichts zu dramatisieren. Denn auch ein übertriebenes Reagieren auf die Angst hinterlässt schnell ein völliges Gefühls-Chaos. Besser ist es, altersgerecht und ohne zu viele Worte auf die Angst einzugehen und gemeinsam einen Lösungsweg zu suchen. Nicht immer übrigens drücken Kinder ihre Angst mit Worten aus. Festklammern an den Eltern, Schlafstörungen oder Bauch- und Kopfschmerzen können ebenfalls Anzeichen für unterdrückte Ängste sein.

Die Vorbildfunktion nutzen

Es ist wichtig, sich in seiner Rolle als Mutter oder Vater auch einmal den eigenen Ängsten zu stellen. Denn Kinder beobachten ihre Eltern sehr genau und übernehmen Verhaltensmuster. Oder lernen im optimalen Fall aus ihren Lösungen. Ist ein Mensch schon früh in der Lage, sich seiner Ängste bewusst zu werden, und wird er im wahrsten Sinne des Wortes ermutigt, Strategien zur Bewältigung zu entwickeln, hat er eine gute Basis für später und entwickelt zusätzliches Selbstvertrauen.

Die Angst vor der Angst nehmen

Sind es Ängste vor "Realem", wie Insekten oder Wasser, dann ist es möglich, dem Kind Stück für Stück die Angst zu nehmen, indem man ihm zunächst einmal für eine Weile die Möglichkeit gibt, die angstauslösende Situation zu meiden und es dann – behutsam! – an den Angstauslöser heranzuführen. Vielen Kindern hilft es auch, wenn sie die Angst durch Malen ausdrücken und ihr somit ein Gesicht geben können. Auch ein Talisman, auf den man in angstbesetzten Situationen zurückgreift, kann hilfreich sein.

Monster fürchten sich vor mutigen Kindern

Bei dem berühmten Monster unter dem Bett helfen oft die entsprechenden Bilderbücher, die zeigen, dass solche Monster sich von Angst ernähren und richtig handzahm werden, wenn man sich nicht mehr vor ihnen fürchtet. Ein kleines Licht im Zimmer oder eine offene Kinderzimmertür kann das eine oder andere Schattengespenst ebenfalls schnell vertreiben. Manches Monster hat sich übrigens auch schon durch Anschreien einschüchtern lassen und ist dann lieber in ein Kinderzimmer gezogen, wo es selbst weniger zu fürchten hat. Und das eine oder andere lässt sich auch prima mit einer abendlichen Gummibärchenspur aus der Wohnung locken. Letztendlich geht es immer darum, Verständnis zu zeigen und praktische Hilfestellung zu geben.

Nicht scheuen, sich Hilfe zu holen

Oft entstehen kindliche Ängste aber auch aus schwierigen Lebenssituationen heraus. Scheidung, ein Unfall, Krankheit oder der Tod eines Familienmitglieds können genauso der Auslöser sein wie ein Umzug oder Arbeitslosigkeit in der Familie. Und manchmal können Eltern damit nicht mehr alleine fertig werden. Der Zeitpunkt, sich Hilfe von außen zu holen, ist dann gekommen, wenn man das Gefühl hat, der Sache nicht mehr allein Herr zu werden, so der Vorsitzende der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung, Ulrich Gerth. Wenn man merkt, dass die Angst über den unmittelbaren Auslöser hinaus zu lange, zu intensiv besteht und dabei auch andere Lebensbereiche beeinträchtigt, sei es Zeit zu handeln. Da es nicht immer einfach ist, eine solche Grenze früh genug zu bemerken und richtig zu beurteilen, rät der Diplom-Psychologe dazu, sich an professionelle Stellen zu wenden, sobald man selbst aufgrund einer kindlichen Angst beunruhigt ist. In fast allen Städten gibt es hierfür spezielle Erziehungsberatungsstellen. „Eine solche Beratung stabilisiert die Ressourcen. Im Einzelfall kann man dann sehen, ob es bereits wirklich Grund gibt zum Eingreifen gibt, oder ob man auf der richtigen Linie liegt. Denn Bestätigung kann hier für die Eltern ein ganz wichtiger Punkt sein, um das Kind entsprechend zu unterstützen“, erklärt der Fachmann.

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