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Schreiende Babys nie schütteln - Schrei-Check für gestresste Eltern

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Schreibabys  

Schrei-Check für gestresste Eltern

21.01.2010, 09:55 Uhr | sca; iri; mmh, dpa

Schreiende Babys nie schütteln - Schrei-Check für gestresste Eltern. Wenn Babys schreien, sind viele Eltern schnell mit den Nerven am Ende.

Wenn Babys schreien, sind viele Eltern schnell mit den Nerven am Ende. (Bild: Archiv)

Für Eltern ist es oft schwierig, ihre unaufhörlich schreienden Babys zu beruhigen. Das Dauerweinen ihres Nachwuchses verursacht bei ihnen häufig Stress und Frustration. In manchen Fällen sind die Eltern sogar so überfordert, dass sie ihre Kinder verletzen, um sie zur Ruhe zu bringen. Bislang war es schwierig, eine Behandlungsmöglichkeit für Schrei-Kinder zu finden. Doch nun gibt es vielerorts sogenannte "Schreiambulanzen", die sich speziell an betroffene Kinder und deren Eltern wenden.

Definition "Schreibaby"

Eigentlich ist der Begriff "Schreibaby" nicht korrekt, es ist eine Abstempelung der kleinen Wesen, aber eben der normale Sprachgebrauch. Kinderärzte sprechen von "exzessivem Schreien im Babyalter". Definiert wird es nach der sogenannten Dreier-Regel, das exzessives Schreien von normalem Schreien unterscheidet: Schreit ein Kind mehr als drei Stunden am Tag an mehr als drei Tagen die Woche, dann ist dies exzessives Schreien. Diese Kinder leiden an Regulationsstörungen. Das Wort Schreibaby ist keine Diagnose, das Wort löst Angst bei den Eltern aus, es suggeriert, dass man eh nichts ändern kann, da das Kind eben so ist. Experten aber weisen betroffenen Eltern Hilfen aus dem Dauerstress aus Schlafmangel, Sorge, Ratlosigkeit, Genervtheit und vielem mehr. Vor allem das subjektive Empfinden der Belastung bei den Eltern liegt den Therapien zugrunde, weniger strenge Definitionen. Wichtig ist, die Nerven zu behalten in dem Dauerstress und Wege zu finden, denn meist ist das Baby organisch völlig gesund. Eltern versuchen durchzuhalten, meist von der Umwelt mit Durchhalteparolen angefeuert und mit Hausmitteln und Tipps versorgt, bis sie vor Übermüdung und Erschöpfung zusammenbrechen. Dabei ist es wichtig, den Teufelskreis zu durchbrechen.

Schreitagebuch vermittelt den Experten einen ersten Eindruck

Wer sich an die Ambulanz im Clementine Kinderhospital in Frankfurt wendet, wird gebeten, nach einem telefonischen Vorgespräch zunächst fünf Tage lang ein "Schreitagebuch" zu führen. "Unruhe, Schreien, Schlaf, Füttern, Spiel" steht in den Spalten auf der linken Seite des Blatts, am oberen Rand laufen die 24 Stunden des Tages entlang. Die Therapeutinnen können an der Kästchenverteilung nicht nur den Schlaf-Wach-Zyklus und "kritische Phasen" ablesen, sondern auch ein Muster erkennen, das erste Hinweise geben kann auf die Ursachen. In dem Schreitagebuch halten Eltern fest, wann das Kind schläft, quengelt, schreit, gefüttert wird, wann es schläft und wie es sich verhält. Bianca Niermann vom Elternzirkel in Darmstadt wird auch die "Babyflüsterin" genannt, denn sie versucht das Baby zu "lesen". Sie beobachtet die Signale des Babys, unter anderem sind das Blickkontakt, Reflexe, Stressreaktionen, wie Herzklopfen, Schluckauf, Erregung, Schwitzen oder Atmung und Motorik. An die Beobachtungen schließt sich die ausführliche Entwicklungsberatung an.

Neu organisieren

Bianca Niermann (Eltern- und Stillberaterin) sieht es manchmal als nötig an, das Leben der Familien neu zu organisieren, in einem Schlafcoaching wird der Schlaf-Wach-Rhythmus strukturiert, die auf das Baby einströmenden Reize werden reduziert oder der Essens-Zyklus geändert. Doch jede Lösung muss individuell abgestimmt werden.

Koliken als Vorstufe für entzündliche Krankheiten

Die Experten von der University of Texas Medical School haben nun herausgefunden, dass viele Schrei-Kinder auch unter Koliken leiden, die von einer bestimmten Bakterienart verursacht werden. Sie konnten die Klebsiella-Bakterien und von ihnen hervorgerufene Infektionen laut dem Magazin "Science Daily" im Darm der von Koliken betroffenen Babys nachweisen. Der Kinderarzt Professor J. Marc Rhoads vermutet, dass die Koliken und Infektionen eine Vorstufe anderer entzündlicher Erkrankungen, darunter das Reizdarmsyndrom, sein könnten. In weiteren Untersuchungen wollen die Forscher nun klären, ob sich durch das Verabreichen probiotischer Nahrung die Besiedlung des Darms mit Klebsiella reduzieren oder verhindern ließe.

Drei-Monats-Koliken sind ungefährlich

Man weiß heute, dass Koliken bei Frühgeborenen vor allem auf die fehlende Reifung von Verdauungssystem und Darmmuskulatur sowie auf das unbeabsichtigte Luftschlucken bei künstlicher Beatmung zurückgehen können. Bei den Drei-Monats-Koliken nach einer Normalgeburt tappt die Medizin jedoch bisher im Dunkeln. "Wir wissen nicht, was genau Koliken auslöst. Nach heutigem Stand sind sie ungefährlich, plagen jedoch Babys wie auch ihre Eltern ungemein", bestätigt ein, auf Neugeborene spezialisierter Arzt der Grazer Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde. Eine der Ursachen könnte die Einnahme blähender Speisen und Getränke durch die Mutter sein, die per Milch an das Neugeborene weitergegeben werden. Kinderärzte empfehlen daher, nach dem Stillen die mitgeschluckte Luft aufstoßen zu lassen.

Hausmittel zur Linderung

Verzweifelte Eltern sind bisher im Bedarfsfall auf Hausmittel angewiesen. "Wärmewickel mit Kirschkernsäckchen entspannen die Darmmuskeln und lösen Krämpfe. Man kann das Baby auf den Unterarm nehmen, mit leichtem Gegendruck halten oder den Bauch im Uhrzeigersinn massieren, was Gase leichter nach außen gelangen lässt. Es gibt zwar Medikamente, die die Schaumbildung im Darm mildern, leider wirken sie jedoch nicht bei jedem Neugeborenen", so der Neonatologe.

Das Kind nicht schütteln

Lässt sich ein schreiender Säugling nicht beruhigen, darf er keinesfalls geschüttelt werden. Denn dies kann schwere Schäden hinterlassen oder sogar zum Tod des Babys führen, warnt der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) in Köln. Bevor Eltern im Affekt handeln und dies später bereuen, sollten sie lieber das Zimmer verlassen oder eine Schreiambulanz aufsuchen.

Schwere Hirnverletzungen

Etwa 100 Säuglinge erleiden hierzulande jedes Jahr schwere Gehirnverletzungen, weil sie von ihren meist überforderten Betreuern geschüttelt wurden. Diese Zahl von Kindern mit Schütteltrauma meldet die Erhebungseinheit für seltene pädiatrische Erkrankungen in Deutschland. Die Dunkelziffer liegt nach Einschätzung des BVKJ aber vermutlich höher. Als Risikofaktor oder Auslöser für ein Schütteltrauma haben Experten inzwischen das übermäßige Schreien von Babys ermittelt. Hirnverletzungen aufgrund von Gewalteinwirkung sind die häufigste Todesursache im zweiten Lebenshalbjahr eines Säuglings.

Schon kurzes Schütteln kann "reichen"

"Das Baby hat einen überproportional großen Kopf mit relativ hoch sitzendem, stark wasserhaltigen Gehirn, so dass schon etwa fünf Sekunden heftiges Schütteln des Babys ausreichen, um das Gehirngewebe starken Flieh- und Rotationskräften auszusetzen", erläutert Prof. Hans-Jürgen Nentwich, BVKJ-Vorstandsmitglied. Blutgefäße und Nervenbahnen reißen, es kann zu Hirnblutungen und Hirnverletzungen kommen. Auch Blutungen an der Augennetzhaut sind möglich. "Über zwei Drittel der betroffenen Kinder leiden unter Seh-, Hör- und Sprachstörungen beziehungsweise bleibenden Behinderungen, bis zu einem Viertel sterben an den Verletzungsfolgen", warnt der Mediziner.


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