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Sexueller Missbrauch: Wie können Eltern ihre Kinder schützen und auf Situationen vorbereiten

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Sexueller Missbrauch  

Wie man Kinder gegen Missbrauch schützen kann

09.07.2012, 15:40 Uhr | mmh, t-online.de

Sexueller Missbrauch: Wie können Eltern ihre Kinder schützen und auf Situationen vorbereiten. Wie können Eltern ihre Kinder gegen sexuellen Missbrauch schützen? (Quelle: t-online.de)

Wie können Eltern ihre Kinder gegen sexuellen Missbrauch schützen? (Quelle: t-online.de)

Es werden immer mehr Fälle bekannt. Sexueller Missbrauch ist kein Einzelphänomen mehr, kein Tabu mehr. Aufklärung ist gefragt und Prävention für Kinder, Eltern und Betreuer. Alle Eltern kleiner Kinder und Jugendlicher sind gezwungen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und ihre Kinder gegen möglichen Missbrauch zu schützen. Doch wie kann das gehen ohne jegliche Jugendarbeit - ob gut oder schlecht, ob kirchlich oder sportlich - unter Generalverdacht zu stellen? Eine Forderung ist auf jeden Fall, die Prävention und Aufklärung in allen Bereichen, die mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben, verbindlich zu verankern.

Sexueller Missbrauch: Kinder stark machen

Das Thema macht Eltern Angst: Sexueller Missbrauch. Rund 15.000 Fälle werden in Deutschland pro Jahr angezeigt, die Dunkelziffer liegt vermutlich deutlich höher. Viele Eltern sind dort misstrauisch, wo sie vor kurzem, vor den Enthüllungen, noch ein gutes Gefühl hatten: Sportverein, Klassenfahrt, Jugendgruppe, Ferienbetreuung. Wem kann man sein Kind anvertrauen? Wie erkennt man echte Verdachtsmomente? Wie stärkt man sein Kind für den Ernstfall, ohne Panik zu verbreiten? Wie lernen Kinder "Nein" zu sagen? Sportlehrer rechtfertigen sich für Berührungen, die einzig der Sicherung und Hilfestellung im Sport dienen, Eltern melden ihre Kinder von Freizeiten mit Übernachtung ab. Sind das richtige Reaktionen? Das Schlimme an den Fällen ist, dass immer ein Vertrauensverhältnis missbraucht wird. Oft sogar bewundern die Kinder den Täter, "himmeln" ihn an und auch auf Eltern wirken die Täter engagiert und besonders begeisternd im Umgang mit den Kindern. Fast immer besteht ein "Machtgefälle" zwischen Täter und Opfer.

Weder Angst noch Panik

Angst macht ohnmächtig, sagen Psychologen. Die Verantwortlichen setzen auf Prävention und da vor allem auf Aufklärung. "Kinder sollen die Fähigkeit entwickeln, auszudrücken, was sie fühlen", sagt Sonja Blattmann, Sexualpädagogin und Kinderbuchautorin in einem Interview mit hr-info. Können Kinder Dinge, Gefühle und Situationen klar benennen. Kennen sie die Begriffe, dann können sie die fragliche Situation beschreiben und Hilfe hinzuziehen. Für Sonja Blattmann und andere Pädagogen lautet ein Leitsatz in der Prävention: "Meine Gefühle sind richtig und wichtig, Deine Gefühle sind richtig und wichtig." Dabei besteht immer die Schwierigkeit der Definition. Es geht um körperliche Berührungen gegen den Willen der Opfer, die aber von Vergewaltigung klar abzugrenzen sind.

Schlechte Geheimnisse darf man verraten

Oft werden die betroffenen Kinder unter Druck gesetzt: "Das ist unser Geheimnis, das darfst du keinem verraten" oder so ähnliche Dinge hören sie von den Tätern. Kinder müssen wissen, so die Pädagogin, dass es einen Unterschied zwischen guten und schlechten Geheimnissen gibt. Es gäbe ein Recht auf gute Geheimnisse, die man wahren muss - aber wenn sich ein "Geheimnis" schlecht anfühlt, ein unangenehmes Kribbeln im Bauch verursacht, wenn es Angst macht, dann ist es gar kein Geheimnis, dann darf man das auch weitererzählen und jemanden um Rat fragen. Kinder müssen wissen: Das ist dann auch kein Petzen.

Wie erkennt man Missbrauch

Missbrauch verändert die Opfer, auch wenn sie es noch nicht bewusst als Missbrauch benennen können. Manche ziehen sich zurück oder schweigen viel, auch wenn sie vorher lebhafte "Plappermäulchen" sind, andere werden aggressiv, bei anderen fallen die schulischen oder sportlichen Leistungen plötzlich rapide ab, wieder andere haben Angst vor bestimmten Personen. Das sind Verhaltensänderungen, die auch ganz normal im Entwicklungsverlauf von Kindern auftreten können, doch "man muss bei jeder Verhaltensänderung die Möglichkeit des sexuellen Missbrauchs und der sexuellen Gewalt mitdenken", so Blattmann. Nur selten sind körperliche Verletzungen wie blaue Flecke zu sehen. Oft haben Eltern Angst, jemanden zu Unrecht zu verurteilen. Die Beratungspraxis zeigt, dass fast jeder geäußerte Verdacht auch zu recht geäußert wird. Nur zwei Prozent sind nicht haltbar bei einer Beratungsstelle.

Wie reagieren Eltern und Umfeld richtig?

  • Kinder brauchen Hilfe. Ihnen gelingt nicht immer das große, starke "Nein", zu dem die Erwachsenen sie gerne erziehen wollen. Eltern und Erzieher müssen sensibel und wachsam sein, aber nicht überreagieren. Kollegen müssen einander trauen, aber sich auch kritisch begleiten. Viele Institutionen gehen dazu über, Leitlinien auszuarbeiten, die die tägliche Arbeit mit Kindern regeln, beispielsweise körperliche Berührungen im Sportunterricht. Der Ruf, Prävention und Intervention in allen Bereichen stärker zu verankern, ist laut.
  • Loben Sie ihr Kind, vermitteln sie ihm, das es nichts Falsches getan hat, dass alle Schuld beim Täter liegt.
  • Konfrontieren Sie nicht vorschnell den Täter oder die Institution mit dem Verdacht.
  • Erklären Sie ihrem Kind, dass das ein Problem ist, das sie nicht selbst lösen können, dass auch sie dazu Hilfe brauchen - aber nur von jemandem, der das Thema vertraulich behandelt.
  • Schreiben Sie alles auf. Verfassen sie ein Gedächtnisprotokoll mit Datum über das Gesagte und das Verhalten des Kindes. Sonst ist es schwer, alles zu rekonstruieren und zeitlich einzuordnen.
  • Bewahren sie trotzdem die Normalität. Das Kind ist nicht das "arme Opfer", sondern ein ganz normales Kind, das gelobt und geschimpft wird. Der Alltag gibt Stabilität.
  • Holen Sie sich professionelle Hilfe von Psychologen oder Erziehungsberatern. Falls sie nicht ernst genommen werden, wechseln Sie! Sie haben schließlich einen Grund, warum Sie sich an die Stelle wenden.
  • Vertrauen Sie sich jemandem an. Sie können das kaum alleine verarbeiten. Sprechen Sie mit Freunden, aber vereinbaren Sie Stillschweigen!
  • Verbringen Sie viel Zeit mit Ihrem Kind, unternehmen sie schöne Dinge, die ihre Beziehung stärken, das schafft den Rahmen, in dem das Kind über die Situation und den Täter spricht.
  • Sprechen Sie über eigene Gefühle. Vermitteln Sie dem Kind, dass es in einer Familie normal ist, über sich zu sprechen. Auch das ist eine Frage der Übung.
  • Eltern, die sich unsicher sind, sollten externe Personen hinzuziehen, die die Situation kennen. Beispiel Zeltlager der Jugendgruppe: Eltern können andere Eltern größerer Kinder befragen, die daran zuvor teilgenommen haben. Wie sind die Kinder zurück gekommen? Was haben sie erzählt? Fragen Sie beim Träger der Einrichtung nach, ob es entsprechende Richtlinien gibt.
  • Eltern sind keine Detektive. Besteht ein begründeter Verdacht, ist es nicht wichtig, die Kinder "auszuquetschen", das sollten Profis machen. Wichtig ist, die Kinder liebevoll und verständnisvoll anzuhören, sie vor dem was ihnen Angst macht zu beschützen.
  • Kinder dürfen über ihren Körper selbst bestimmen. Dazu gehört auch, den Kuss von Tante und Oma zu verweigern. Das Recht muss in allen Bereichen gelten. Erwachsenen-Sätze wie "Zier dich nicht so!" sind falsch.

Weltweites Problem

Weltweit werden laut einer UN-Studie rund 150 Millionen Mädchen und Jungen jährlich zum Geschlechtsverkehr gezwungen. Darauf wies das Kinderhilfswerk UNICEF hin. Angesichts des jetzt bekanntwerdenden Ausmaßes solcher Taten in Internaten, Heimen und Schulen in Deutschland forderte UNICEF-Geschäftsführerin Regine Stachelhaus, die Sensibilität für Kinderschutz insgesamt zu erhöhen. "Jedes Opfer, jede Beschwerde von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen muss ernst genommen und überprüft werden. Der Schutz der Kinder muss verbessert werden. Die Opfer brauchen Gehör, Gerechtigkeit und Hilfe", sagte Stachelhaus. Verschiedene Institutionen arbeiten jetzt mit Hochdruck daran, die Rahmenbedingungen für Intervention und Prävention zu verbessern. Das öffentliche Interesse setzt sie zwar einerseits unter Druck, birgt die Gefahr von "Schnellschüssen", stärkt aber auch die Lobby für Kinder.

Pädagogen sind im Focus

Besonders Lehrer und Erzieher sind gefragt: Um den dauerhaften Schutz von Mädchen und Jungen vor sexueller Gewalt sicherzustellen, müssen unbedingt entsprechende Lerninhalte in die Ausbildungspläne sozialer Berufe aufgenommen werden. Bisher gibt es keine verbindlichen Richtlinien, die sicherstellen, dass Berufsgruppen, die alltäglich mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, wie Lehrer, Erzieher oder Sozialpädagogen zum Themenschwerpunkt der sexuellen Gewalt ausgebildet werden. deshalb sind viele Fachkräfte in der Prävention und der Wahrnehmung sexueller Gewalt überfordert und können den Betroffenen keine angemessene Unterstützung anbieten. Ein grundlegendes Fachwissen über die Anzeichen, Entstehungsbedingungen, Erscheinungsformen und Langzeitfolgen sexueller Gewalt ist eine notwendige Voraussetzung für die Handlungsfähigkeit pädagogischer Fachkräfte.

Forderungen zur Prävention

Einige Institutionen haben schon selbst interne Richtlinien zur Prävention und Intervention im Ernstfall erarbeitet. Manche gehen darüber hinaus und fordern allgemeingültige Leitlinien. Konkrete Forderungen formuliert die Deutsche Gesellschaft für Prävention und Intervention bei Kindesvernachlässigung und -misshandlung (DGfPI). Sie suchen darin die Mittel zur Prävention und Intervention bei sexueller Gewalt an Mädchen und Jungen. Dies ist ein möglicher Maßnahmen-Katalog.

  • Bundesweiter Ausbau ambulanter und stationärer therapeutischer Angebote für Opfer und Täter
  • Mehr spezifische Behandlungsangeboten für männliche Opfer, Opfer mit Migrationshintergrund und lern- beziehungsweise geistig behinderte Betroffener
  • Kürzere Wartezeiten auf Therapien. Wartezeiten, wie sie beispielsweise bei therapeutischen Angeboten für sexuell übergriffige Kinder und Jugendliche vorzufinden sind, erhöhen die Gefahr, dass die sexuellen Übergriffe fortgeführt werden und sich die Verhaltensmuster manifestieren.
  • Therapeutische Angebote für Täter müssen ausgeweitet werden.
  • Die Thematik sexuelle Gewalt soll in die Grundausbildung sozialer Berufe eingebunden werden
  • Bereits im Beruf aktive Fachkräfte sollten sich regelmäßig fortbilden zum Thema sexuelle Gewalt, um Handlungssicherheit im Berufsalltag zu erlangen
  • Sexualpädagogische Begleitung von Kindern: Kinder und Jugendliche benötigen eine sexualpädagogische Begleitung durch geschulte Fachkräfte. Insbesondere Mitarbeiter in Kindertagesstätten, Kindergärten sowie Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe, der freien Jugendarbeit und Schulsozialarbeit sollten über die nötigen sexualpädagogischen Grundkenntnisse verfügen.
  • Wirksame Präventionsprojekte, die Mädchen und Jungen aufzeigen, wie sie sich vor sexuellen Übergriffen schützen können, sollten verbindlich in Kindertageseinrichtungen und Schulen eingeführt werden.
  • Erarbeitung und Veröffentlichung einheitlicher Qualitätsstandards zur Prävention und Intervention bezüglich sexueller Gewalt. Bisher gibt es keine verbindlichen Standards, die wirkungsvolle Präventionsmaßnahmen, konkrete Handlungsschritte beim Verdacht auf sexuelle Gewalt oder effektive Interventionsmaßnahmen benennen.
  • Außerhäusliche Lebenswelten von Kindern sollten möglichst sichere Orte sein – das ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht der Fall. Es sollten verbindliche Standards in allen stationären Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe, der Behindertenhilfe, in
    Schulinternaten, Kinderkliniken und Kureinrichtungen gelten.
  • Einrichtung einer Vernetzungsstelle: Kinderschutz ist keine Spezialdisziplin einer einzelnen Berufsgruppe. Mädchen und Jungen können nur durch interdisziplinäre Zusammenarbeit verschiedener Berufe nachhaltig vor sexueller Gewalt geschützt werden. Nötig ist die regionale und überregionale Vernetzung.

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